Ein Mann taucht kurz vor Ende der Sprechstunde auf – und besteht auf eine Ärztin. Erst habe ich ein ungutes Gefühl. Doch nach wenigen Minuten wird klar: Dieses Gespräch läuft anders als erwartet.
Ein Text von Sprechzimmer 4
Kennt ihr das, wenn sich plötzlich so ein Gefühl, eine Vorahnung, eine Intuition in einem breitmacht? Wenn sich einem etwas aufdrängt, das man selbst noch gar nicht richtig einordnen kann? Nur, dass da etwas ist … Aber erstmal zurück zum Anfang: Es ist Dienstag und ich sitze im Sprechzimmer 4 der Hausarztpraxis, in der ich seit einem halben Jahr als Assistenzärztin im vierten Weiterbildungsjahr arbeite. Dieses Zimmer mag ich eigentlich nicht, weil es auch als Verbandszimmer fungiert und man ständig gestört wird, wenn jemand etwas holen möchte. Außerdem habe ich, am Schreibtisch sitzend, die Tür im Rücken. Und der Tisch hat so eine seltsame Form, dass kaum Tischfläche zwischen mir und dem Patienten bleibt. Wir sitzen uns also sehr nah gegenüber.
Die offene Sprechstunde von 8 bis 12 Uhr war fast geschafft, es saß nur noch ein Patient im virtuellen Wartezimmer. Die zugehörige Bemerkung im System machte mich stutzig – und löste dieses eingangs beschriebene Gefühl in meiner Magengrube aus. Die MFA hatte hinter seinem Namen Folgendes notiert: „Möchte nur zu einer Ärztin“. An sich ist das nichts Ungewöhnliches. Viele Patienten äußern am Empfang, dass sie lieber zu einem Arzt oder einer Ärztin möchten – oft wegen Beschwerden, die eine körperliche Untersuchung notwendig machen. So las ich heute bei einem Mann: „kann vor Schmerzen nicht sitzen, will zu einem Arzt“ und bei einer Frau: „eingewachsenes Haar, will zu einer Ärztin“. Bei diesem Patienten machte mich jedoch stutzig, dass er als Mann ausdrücklich mit einer Frau sprechen wollte.
Und das ist einer der Gründe, warum ich die Hausarztmedizin so mag: Sie ist eine Art Überraschungsbox. Ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich kurz überlege, wer oder was mich gleich erwarten wird – ohne mich dabei zu früh festzulegen. Auch im Gespräch selbst versuche ich, mich immer wieder zu fragen: Bin ich noch offen für das, was da kommt? In diesem Fall fiel mir kein plausibler Grund ein, warum ein Mann kurz vor Sprechstundenende unbedingt zu einer Ärztin wollte. Ich saß noch ein, zwei Minuten vor dem Computer und hoffte insgeheim, dass meine Kollegin den Patienten zu sich holen würde. Leider ging dann meine Tür auf. Die MFA kam herein und bat mich, mich um ihn zu kümmern – er wirke irgendwie „komisch“. Also ging ich ins Wartezimmer und holte ihn ab.
Der Patient, den ich im Wartezimmer auffand, war massiv angespannt. Die Stimmung im Raum schien sich innerhalb von Sekunden aufzuladen. In seinem Blick lag etwas zugleich Misstrauisches und Verzweifeltes. Ich setzte mich mit etwas mehr Abstand zu ihm an den seltsam geformten Schreibtisch und versuchte einzuschätzen, ob er für mich gefährlich wirkte. Ich entschied mich dagegen. Es folgten 45 Minuten, in denen ich in ein Beziehungsdrama hineingezogen wurde – aus seiner Perspektive. Er hatte eine wunderbare Zeit mit einer Frau, viele tolle Dates, er war im siebten Himmel – und dann wurde er geghostet. Wie es dazu gekommen war und wieso es ihn so massiv erschütterte, versuchte er mir immer wieder zu erklären. Schon zu Beginn des Gesprächs eröffnete er mir: „Ich bin von dieser Frau besessen.“ Viele Teile seiner intensiven Schilderung verstand ich nicht, obwohl ich mir Mühe gab, ihm zu folgen. Immer wieder zeigte er mir Screenshots, Chatverläufe, Nachrichten – von ihr, von ihm, von Freunden.
Nach einer Weile des Zuhörens und Lesens fragte ich ihn, was eigentlich meine Aufgabe in dieser Situation sei. Warum er damit zu mir gekommen war. Er brauchte keine Krankschreibung – er wollte eine weibliche Perspektive. Oder zumindest eine andere als die seiner Mutter.
Während er wieder in seinen sprunghaften Redefluss verfiel, zog sich langsam eine Frage meine Wirbelsäule hinauf und setzte sich an meinem Haaransatz fest. Also raus damit: „Bitte seien Sie ehrlich, können Sie für diese Frau gefährlich werden?“ Er hielt inne, stutzte und verneinte meine Frage entschieden. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, wirklich zu ihm durchgedrungen zu sein. Und dann – ohne dass sich wirklich etwas geklärt hätte, ohne das Gefühl, etwas „gelöst“ zu haben, beendete ich aufgrund von Erschöpfung und Verwirrung meinerseits das Gespräch.
Wie bei allen Patienten bot ich ihm an, bei Bedarf einen erneuten Termin zu vereinbaren und prüfte dabei seine Resonanz. Er wirkte erleichtert, ich erkannte einen Anflug von Freude in seinem Blick und gab ihm direkt einen konkreten Termin mit. Denn aus dem anfänglich unbestimmten Bauchgefühl war im Verlauf des Gesprächs etwas anderes geworden: Neugier. Neugier darauf, was bei diesem Menschen eigentlich los war – dass ihn die Abfuhr einer Frau, die er zwei Monate gedatet hatte, in Sprechzimmer 4 bugsierte.
Fortsetzung folgt …
Bildquelle: A. C., Unsplash