Sie kommt oft still und unerkannt – und doch tötet sie jährlich Millionen von Menschen. Um welche Infektion es hier geht und warum Thorax-Röntgen für alle keine Lösung mehr ist.
Es gibt da eine oft stille Infektion, die zwar allgegenwärtig aber meist nur Spezialisten bekannt ist. Hier ein paar Rahmendaten: Ein Viertel der Weltbevölkerung ist infiziert. Davon erkranken 5–10 % im Laufe des Lebens, ganz individuell unterschiedlich und abhängig von vielen Faktoren. Dieser Anteil entspricht hunderten Millionen Menschen. Allein im Jahr 2024 haben weltweit 1,2 Millionen Menschen dadurch ihr Leben verloren. Ein schlafender Riese, der schleichend unzählige Opfer fordert … Was kann das sein? Und was hat das mit Deutschland zu tun?
Sehr viel! Auch wenn wir manchmal glauben, dass uns globale Entwicklungen nicht betreffen, ist das Thema sehr relevant. Die Erkrankung ist in Deutschland in absoluten Zahlen mit einer Inzidenz von etwa 5/100.000 zwar eine seltenere Erkrankung – aber es sind dennoch einige tausend Menschen.
Allerdings müssen wir zwei Dinge beachten:
Mit allen gesammelten Infos sollte unser Riese jetzt enttarnt sein: Die Rede ist von Tuberkulose (TB). Es gibt genug Gründe für detaillierte Screening-Programme, um Mycobacterium tuberculosis Infektionen schnell und effektiv erkennen und eine Weiterverbreitung verhindern zu können. Doch wie steht es um das Screening hierzulande?
Menschen, die nach Deutschland zuwandern und gesetzlich in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht werden, müssen sich auf ansteckungsfähige Tuberkulose untersuchen lassen. Im Mittelpunkt stand dabei vor allem eines: eine aktive, potenziell infektiöse pulmonale TB möglichst früh zu erkennen – oder auszuschließen. Bei Erwachsenen erfolgte dies klassischerweise primär mittels Thorax-Röntgen. Klingt sinnvoll – aber ist es das auch? Das Problem ist, dass diese pauschale Regelung keinerlei Begleitumstände berücksichtigt: Herkunftsland und die dortige Inzidenz, Risikofaktoren wie Begleit- und Vorerkrankungen, Mangelernährung oder erschwerte Fluchtumstände. Damit werden viele unnötige Untersuchungen durchgeführt, aber gleichzeitig an anderer Stelle nötige Screenings nicht. Zudem wurde der Stellenwert der latenten Tuberkulose lange unterschätzt – Reaktivierungen sind aber keine Seltenheit.
Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) hat ein Update beauftragt, was vom Deutschen Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuberkulose (DZK) und des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI) vorgestellt wurde. Ziel ist die Verbesserung der Früherkennung und nachfolgenden Versorgung der TB bei neu zugewanderten Menschen, die im Vorfeld in ihrem Herkunftsland und/oder auf dem Weg hierher einem relevanten Tuberkulose-Expositionsrisiko ausgesetzt waren – und damit ein konkretes Risiko für eine Tuberkulose-Infektion (TBI) oder eine aktive TB haben. Diese Ziele sind hoch angesetzt: Das DZK sieht die neue Leitlinie (hier) als Chance für Deutschland, als eines der ersten Länder der Welt TB-frei zu werden. Ambitionierte internationale Ziele gibt es mit der EndTB-Strategie der Vereinten Nationen bereits, Deutschland hat sich dazu 2018 und 2023 bekannt.
Die Neuerungen zum Screening, das kostenfrei angeboten werden soll, berücksichtigen explizit die individuelle Geschichte jeder Person:
≥ 15 bis 35 Jahre und Herkunft aus Land mit Inzidenz > 100/100.000
TBI-Screening soll angeboten werden.
> 35 bis 45 Jahre und Inzidenz > 100/100.000
> 45 Jahre und Inzidenz > 150/100.000
TBI-Screening kann nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung angeboten werden.
Screening kann unabhängig von Alter und Herkunftsinzidenz erfolgen.
Zudem ändert sich die Terminologie:
Auch bei Diagnostik und Therapie gibt es Änderungen:
Änderungen in der Tuberkuloseprävention bei neu zugewanderten Menschen (Credit: Jakob Schröder, mit KI erstellt)
Screening ist nicht nur Testen, sondern Teil einer Versorgungskaskade mit Beratung, passender Sprache, Follow-up und Monitoring; genau hier betont die Leitlinie ausdrücklich den größten Verbesserungsbedarf.
Der Ablauf soll bei neu zugewanderten Menschen mit relevantem Expositions- und/oder Herkunftsrisiko so aussehen: Erst TBI screenen, aktive TB klinisch ausschließen, dann bei TBI frühzeitig präventiv behandeln – eingebettet in ein vollständiges Versorgungskonzept. Bei Kindern unter 15 Jahren gelten eigene, enger gefasste Empfehlungen, bei Geflüchteten unter 5 Jahren soll das Screening besonders niedrigschwellig erfolgen.
Diese Änderungen sind sinnvoll. In spezialisierten infektiologisch-pneumologischen Kliniken wie bei uns werden diese individuellen Risikofaktoren bereits konsequent berücksichtigt und entsprechend geprüft. Viele Tuberkulose-Erkrankungen und Tuberkulose-Infektionen, die ich behandelt habe, wurden genau so gefunden. Im Gegenzug kenne aber auch ich die Problematik mit dem Screening nach Schema F – zwar nicht bei Migranten (was die Domäne der Gesundheitsämter ist) aber bei vor allem beruflich Reisenden in bestimmte Länder, die eine Testung fordern. Hier muss bei niedrigster Prä-Test-Wahrscheinlichkeit dennoch gescreent werden, was unnötig Zeit und Ressourcen kostet. All das handhabt die neue Leitlinie jetzt deutlich differenzierter.
Die neue TB-Risk-Leitlinie ist ein sinnvoller und überfälliger Schritt weg von Schema F hin zu einem risikoadaptierten, patientenzentrierten Vorgehen. TBI und TB werden sauber getrennt, IGRA und kurze präventive Regime werden gestärkt, und das Screening wird an die reale Lebenssituation neu zugewanderter Menschen angepasst. Gerade weil Tuberkulose weltweit weiterhin zu den tödlichsten Infektionskrankheiten gehört, ist dieser differenziertere Ansatz fachlich überzeugend und absolut zu begrüßen
TB or not TB? Das war der dritte Artikel meiner Serie über Tuberkulose und Ihre Differentialdiagnosen – hier geht’s zu Teil 1 und Teil 2.
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