Impfungen schützen vor Infektionen – und damit vor körperlichen Entzündungsreaktionen. Auch die kardiovaskuläre Gesundheit kann profitieren. Welche Vakzine herzallerliebst sind.
Kardiovaskuläre Erkrankungen sind nach wie vor die häufigste Todesursache weltweit. In den letzten Jahrzehnten hat sich in Diagnostik und Therapie viel getan – auch in der Prävention sind etablierte Ansätze wie Lebensstiländerungen, medikamentöse Strategien und strukturierte Risikoeinschätzung fest im klinischen Alltag verankert. In den vergangenen Jahren ist jedoch ein weiterer Aspekt stärker in den Fokus gerückt: Impfungen als möglicher zusätzlicher Baustein der kardiovaskulären Prävention.
Dass Entzündungsprozesse eine zentrale Rolle in der Entstehung kardiovaskulärer Erkrankungen spielen, ist gut belegt. Akute Infektionen können diese Prozesse verstärken und damit kardiovaskuläre Ereignisse auslösen. Vor diesem Hintergrund liegt der Gedanke nahe, dass Impfungen nicht nur vor Infektionen schützen, sondern auch deren kardiovaskuläre Folgen mit beeinflussen könnten. Doch wie belastbar sind die Daten hierzu?
Für Influenza ist die Datenlage vergleichsweise klar. Eine populationsbasierte Studie im New England Journal of Medicine konnte zeigen, dass das Risiko für einen Myokardinfarkt in den ersten sieben Tagen nach einer laborbestätigten Influenza-Infektion etwa sechsmal erhöht ist (Inzidenzrate 6,05; 95 %-KI 3,86–9,50). Dieser Effekt war zeitlich begrenzt und vor allem in der frühen Phase nach der Infektion ausgeprägt.
Die Frage, ob eine Impfung diesen Effekt abmildern kann, wurde in einer randomisierten, doppelblinden Studie untersucht. Bei über 2.500 Patienten nach Myokardinfarkt führte die Influenza-Impfung im Vergleich zu Placebo zu einer signifikanten Reduktion eines kombinierten Endpunkts aus Gesamtmortalität, Myokardinfarkt und Stentthrombose. Auch die Gesamt- und kardiovaskuläre Mortalität waren niedriger. Für erneute Infarkte zeigte sich kein signifikanter Unterschied. Insgesamt spricht dies dafür, dass die Influenza-Impfung tatsächlich einen protektiven Effekt auf kardiovaskuläre Ereignisse haben kann.
Für die Pneumokokken-Impfung ist das Bild weniger klar. Eine große Metaanalyse mit mehr als 700.000 Teilnehmern zeigte eine moderate Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse und von Myokardinfarkten bei Geimpften. Auch die Gesamtmortalität war niedriger. Auffällig ist jedoch, dass sich dieser Effekt vor allem bei älteren Menschen (≥65 Jahren) zeigte, während in Jüngeren Kollektiven kein signifikanter Zusammenhang nachweisbar war. Für zerebrovaskuläre Ereignisse ließ sich kein Vorteil belegen. Da die Daten überwiegend aus Beobachtungsstudien stammen, bleibt unklar, inwieweit es sich um einen kausalen Effekt handelt.
Auch für RSV gibt es zunehmend Daten, die einen Zusammenhang mit kardiovaskulären Ereignissen zeigen. In einer großen Studie mit knapp 12.000 Erwachsenen war das Risiko für Ereignisse wie Myokardinfarkt, Schlaganfall oder Herzinsuffizienzexazerbationen nach einer RSV-assoziierten Hospitalisierung deutlich erhöht – insbesondere in den ersten zwei Wochen.
Für COVID-19 ist die Datenlage besonders umfangreich. Große Kohortenstudien zeigen, dass das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen auch nach überstandener Infektion deutlich erhöht bleibt. Betroffen sind unter anderem Myokardinfarkte, Schlaganfälle, Herzinsuffizienz, Arrhythmien und thromboembolische Ereignisse. Das erhöhte Risiko zeigt sich nicht nur bei schweren Verläufen, sondern auch bei milderen Infektionen und ist unabhängig von klassischen Risikofaktoren. Zudem scheint es mit der Schwere der akuten Erkrankung zuzunehmen. COVID-19 kann damit als eigenständiger Risikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen betrachtet werden.
Zusammengenommen zeigen die Daten ein konsistentes Bild: Akute respiratorische Infektionen gehen mit einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse einher. Für Influenza gibt es darüber hinaus solide Hinweise aus randomisierten Studien, dass eine Impfung dieses Risiko senken kann. Für Pneumokokken sprechen Beobachtungsdaten für einen moderaten Effekt, während für RSV und COVID-19 vor allem die Risikoerhöhung nach Infektion gut belegt ist. Damit rücken Impfungen zunehmend auch aus kardiovaskulärer Perspektive in den Fokus. Gleichzeitig zeigen die aktuellen Impfquoten, dass dieses Potenzial bislang nicht ausgeschöpft wird. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass sich der Kreis der beteiligten Fachdisziplinen erweitert: Neben Allgemeinmedizin und Pneumologie wird das Thema zunehmend auch für die Kardiologie relevant.
Vielleicht liegt hier auch ein Ansatz für die Kommunikation mit Patienten: Die Sorge vor kardiovaskulären Ereignissen ist oft größer als die vor respiratorischen Infektionen. Die vorliegenden Daten könnten helfen, diese Perspektive zu verändern – und Impfungen stärker als Teil der kardiovaskulären Prävention zu verankern und Impfbereitschaft zu erhöhen.
Prof. Stephan H. Schirmer (Kardiopraxis Schirmer, Kaiserslautern): Kleiner Piks, große Wirkung: Impfen als vierte Säule der Prävention. Pressekonferenz der 92. DGK-Jahrestagung, 2026. online
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