Deutschland hängt beim Impfen hinterher. Die aktuellen RKI-Statistiken sind besorgniserregend. Dabei fällt eine Gruppe vor allem auf: die Erwachsenen.
Die im Dezember 2025 vom Robert Koch-Institut veröffentlichten Impfstatistiken zeichnen ein ernüchterndes Bild: Während Impfungen im Kindesalter dank strukturierter Vorsorgeprogramme, verbindlicher Recall-Systeme und klarer Zuständigkeiten gut funktionieren, bricht der Impfschutz im Erwachsenenalter regelrecht ein. Das zeigt sich besonders deutlich bei den von der STIKO empfohlenen Standard- und Indikationsimpfungen für Erwachsene.
Laut Epidemiologischem Bulletin 50/2025 werden empfohlene Impfungen im Erwachsenenalter insgesamt zu selten genutzt. Besonders alarmierend ist der Rückgang bei respiratorischen Impfungen: Bei Personen ab 60 Jahren sank die COVID-19-Impfquote im Vergleich zur Vorsaison um mehr als ein Drittel. Die Influenza-Impfquote erreichte den niedrigsten Stand seit 17 Jahren (Saison 2024/2025: 34 %). Auch bei weiteren altersrelevanten Impfungen bleibt die Inanspruchnahme deutlich hinter den Empfehlungen zurück. Die Pneumokokken-Impfquote stagniert seit Jahren auf niedrigem Niveau und auch die Impfung gegen Herpes zoster – trotz klarer Empfehlung und hoher Krankheitslast – wird nur von einer Minderheit der Anspruchsberechtigten wahrgenommen.
Besorgniserregend sind zudem die Zahlen bei Schwangeren. Zwar ist inzwischen etwa jede zweite Schwangere gegen Pertussis geimpft, doch gegen Influenza erhält nur rund jede fünfte eine Impfung. Dabei ist die Evidenz für den Schutz von Mutter und Neugeborenem klar. Diese Diskrepanz verdeutlicht, wie selektiv und unsystematisch Impfprävention im Erwachsenenalter umgesetzt wird.
Diese Entwicklung ist umso schwerer nachvollziehbar, als Impfungen heute weit mehr leisten als bloßen Infektionsschutz. Aktuelle Arbeiten zeigen, dass Impfungen mit einer Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse assoziiert sind. Eine große populationsbasierte Studie im Fachjournal Cell belegt zudem, dass die Herpes-zoster-Impfung mit einem verminderten Demenzrisiko und einer geringeren Demenzsterblichkeit einhergeht. Impfungen sind damit ein zentrales Instrument moderner Präventionsmedizin – und dennoch werden sie bei Erwachsenen in Deutschland systematisch vernachlässigt.
Ein Kernproblem liegt unter anderem in der tief verankerten Vorstellung, Impfen sei primär eine Aufgabe der Pädiatrie. Viele Erwachsene fühlen sich nach Schule oder Ausbildung „fertig geimpft“. Auffrisch-, Alters- und Indikationsimpfungen geraten aus dem Blick – bei Patienten ebenso wie im Versorgungsalltag.
Vor allem aber fehlt in Deutschland eine echte präventivmedizinische Struktur für Erwachsene. Es gibt keine verbindlichen Impf-Recalls, keine routinemäßige Impfstatusprüfung bei Arztkontakten und keine klar definierte Verantwortlichkeit. Impfberatung konkurriert mit akuten Anliegen – und verliert fast immer. Prävention ist im System nachrangig organisiert.
Diese Schieflage wird durch ökonomische Fehlanreize verstärkt. Präventive Leistungen sind schlecht oder gar nicht abrechenbar. Impfungen im Krankenhaus – selbst bei hochvulnerablen Patienten – sind finanziell kaum umsetzbar. Hochschul- und Ermächtigungsambulanzen können Vorsorgeleistungen häufig nicht refinanzieren. Wer impft, handelt nicht selten gegen die Logik des Systems. Hinzu kommen organisatorische Defizite: ein fehlender digitaler Impfpass, unvollständige Dokumentation und verlorene Impfausweise. Das Ergebnis ist ein fragmentiertes System, in dem sich am Ende niemand wirklich zuständig fühlt.
Deutschland hat gute Impfstoffe, exzellente Daten und überzeugende Evidenz. Was fehlt, ist der politische und strukturelle Wille, Prävention im Erwachsenenalter ernst zu nehmen. Notwendig wären verpflichtende Impftools in Praxisverwaltungssystemen, ein bundesweiter digitaler Impfpass sowie ein gemeinsamer „Präventionstopf“, aus dem Impfungen unabhängig vom Versorgungsort fair vergütet werden. Ergänzt durch aktive Recall-Systeme, Apothekenimpfungen und gezielte Öffentlichkeitsarbeit ließe sich die Impfquote realistisch und nachhaltig verbessern.
Wenn wir Prävention weiterhin als „nice to have“ behandeln, werden wir auch künftig dasselbe sehen: vermeidbare Erkrankungen, unnötige Folgekomplikationen – und frustrierende Impfstatistiken.
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