Chikungunya vor der Haustür, Polio kehrt zurück, Unsicherheit bei COVID-19 und Influenza: Bei der reisemedizinischen Beratung könnt ihr viel falsch machen. Worauf es dieses Jahr besonders ankommt.
Ein wunderbarer warmer Apriltag – fast schon wie im Sommer, aber ohne die sengende Hitze. Ich sitze auf dem Balkon und blinzele träge ins Licht, als ein kurzer Schatten vorbeizieht. Mücken? Im April? Und war das nicht eine Aedes albopictus? Es klingelt, die Post. Und als wäre das eine Ironie des Schicksals kommt ausgerechnet jetzt die neue Ausgabe der Flugmedizin, Tropenmedizin, Reisemedizin mit den Updates zu Reiseimpfungen 2026. Warum nicht das Schöne mit dem Nützlichen verbinden – ich mache mir einen frischen Kaffee und schaue neugierig ins Heft. Was gibt’s Neues?
Mit Chikungunya ist eine länger bekannte, aber aktuell massiv zunehmende Krankheit ins Blickfeld gerückt. Die Zahlen in immer mehr (sub-)tropischen Ländern steigen – und auch Europa ist nicht mehr sicher; 2025 gab es über 1.100 autochthone Fälle aus Frankreich und Italien. Das Krankheitsbild gleicht erstmal dem von Dengue-Fieber und Zika-Virus, die Letalität ist sehr gering. Aber: Es treten Gelenkbeschwerden auf, die als Polyarthralgie Monate bis Jahre (!) anhalten können. Ein Grund mehr, sich die möglichen Schutzimpfungen näher anzusehen.
Three-month Chikungunya virus disease case notification rate per 100 000 population, November 2025 to January 2026. Credit: ecdc
In Deutschland stehen inzwischen zwei Impfstoffe zur Verfügung: Ixchiq® ist ein attenuierter Lebendimpfstoff, Vimkunya® ein rekombinanter, nicht infektiöser Virus-like Particle-Impfstoff; beide sind ab 12 Jahren zugelassen. Für die reisemedizinische Praxis sind das wichtige Neuigkeiten. Neben den Kontraindikationen Schwangerschaft und Stillzeit gibt es weitere Aspekte, über die man beim Lebendimpfstoff Ixchiq® gründlich aufklären muss. Neben den nach Markteinführung gemeldeten 26 schwerwiegenden Ereignissen (SAE), die überwiegend Personen > 60 Jahre und Vorerkrankungen betrafen, gab es im März 2026 auch den Fall einer aseptische Meningitis bei einem jungen gesunden Erwachsenen in Zusammenhang mit einer Ixchiq®-Impfung. Die European Medicines Agency betont daher ausdrücklich, dass der Impfstoff nur bei relevantem Chikungunya-Risiko und nach sorgfältiger Abwägung eingesetzt werden soll. In Deutschland setzt der Gemeinsame Bundesausschuss die STIKO-Empfehlung zudem praktisch restriktiver um und begrenzt den attenuierten Lebendimpfstoff auf das Alter bis 59 Jahre.
Wer sollte geimpft werden? Empfohlen wird die Chikungunya-Impfung ab 12 Jahren vor allem bei Reisen in Ausbruchsbiete, bei längeren Aufenthalten oder wiederholten Kurzreisen in Endemiegebiete – und besonders dann, wenn Alter oder Vorerkrankungen ein erhöhtes Risiko für schwere oder chronische Verläufe erwarten lassen. Mein aktuelles Fazit: Vimkunya® hat das bessere Sicherheitsprofil, Ixchiq® hat die im Verlauf etwas bessere Seroprotektion und bleibt bei sauberer Nutzen-Risiko-Abwägung eine Option. Ehrlicherweise entscheiden sich momentan die meisten Reisenden für die Sicherheit.
Polio war lange ein Thema für Lehrbücher und Tropeninstitute. Aber manchmal kommen die Geister aus der Vergangenheit wieder. Die WHO meldete im November 2025 den Nachweis von Wildpoliovirus Typ 1 in einer Abwasserprobe in Hamburg. Parallel wurden in Deutschland auch cVDPV2-Nachweise im Abwasser gemeldet. Das ist klinisch nicht gleichbedeutend mit Erkrankungsfällen, aber es zeigt sehr deutlich: Die Überwachung funktioniert, und Polio ist reisemedizinisch wieder ein ernstes Thema.
Die Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin, Reisemedizin und Globale Gesundheit (DTG) zieht daraus zwei praktische Konsequenzen: Erstens sollte der Polio-Impfschutz bei jeder Reiseberatung wieder aktiv geprüft werden. Nach vollständiger Immunisierung (meistens 3 Dosen + 1 Auffrischung) geht die STIKO von lebenslanger Immunität aus. Zweitens ist die reisemedizinische Boosterlogik inzwischen etwas schärfer geworden für Länder mit aktueller oder jüngst nachgewiesener Zirkulation. Die DTG weist außerdem darauf hin, dass die WHO-Länderlisten zu Poliovorschriften regelmäßig aktualisiert werden und dass die Impfempfehlung für bestimmte Reiseziele auch von der letzten IPV-Dosis und der Aufenthaltsdauer abhängt. Bei Reisen in Risikogebiete, unklarem Impfstatus oder Aufenthalt in Ländern mit aktueller bzw. kürzlich nachgewiesener Zirkulation sollte man genau prüfen.
Beim Gelbfieber muss man drei Ebenen sauber trennen: den individuellen Impfschutz, das internationale Zertifikat und die konkrete Reiseindikation. Für das Zertifikat ist die Sache erfreulich unkompliziert: Die WHO/IHR erkennen die Gelbfieberimpfung lebenslang an. Die STIKO hat seit August 2022 Ihre Empfehlungen angepasst und empfiehlt seitdem eine einmalige Auffrischung bei fortgesetzter Exposition. Die DTG kommentiert das nicht weiter, listet aber nochmals klar die Kontraindikationen (unter 6 Monate, Hühnereiweißallergie, Immunsuppression etc.) auf. Sie differenziert zur Schwangerschaft: Bei unvermeidlicher Reise in ein Endemiegebiet mit Exposition kann unter strenger Nutzen-Risiko-Abwägung die Impfung erfolgen.
Die meiner Ansicht nach sehr vorsichtige STIKO-Empfehlung, die man in der Praxis ausführlich erklären muss, geht deutlich über die WHO-Linie hinaus und unterscheidet sich auch von vielen internationalen Reiseempfehlungen (z. B. USA, Kanada und Neuseeland). Das habe ich schon in einem früheren Artikel kommentiert. Da es schwere, wenn auch seltene Nebenwirkungen der Impfungen gibt, bin ich gerade bei Personen > 60 Jahren zurückhaltend mit einer Auffrischung. Mittlerweile gibt es eine weitere Studie im Lancet, die sämtliche dokumentierten Durchbruchsinfektionen untersucht hat. Diese treten nicht zwingend und häufiger später als 10 Jahre nach der ersten Impfung auf, die Impfung zeigt eine robuste Langzeitimmunität bei immunkompetenten Erwachsenen. Fazit: Eine Gelbfieberimpfung schützt bei gesunden Erwachsenen höchstwahrscheinlich lebenslang gegen symptomatische Infektion – es ist kein Booster nötig.
Altbekannt, aber weiterhin wichtig: Impfungen sollten möglichst 10–14 Tage vor Reiseantritt abgeschlossen sein, damit sowohl der Impfschutz als auch eventuelle Nebenwirkungen vor Abreise noch in der Praxis landen und nicht im Flugzeug (Lebendimpfungen mit Impfvirämie um Tag 10 beachten!). Minimalabstände dürfen nicht unterschritten werden, aber eine Verlängerung / spätere Impfung als nach Schema ist unproblematisch. Neu bzw. im Alltag besonders wichtig ist die saubere Trennung zwischen mRNA-Impfstoffen und Lebendimpfstoffen wie Gelbfieber, MMR, Dengue oder Chikungunya: Die DTG empfiehlt hier einen Mindestabstand von 14 Tagen. Totimpfstoffe untereinander brauchen keine solchen Abstände und bei oralen Lebendimpfungen gegen Typhus und Cholera sind zu anderen Impfungen keine relevanten Intervalle nötig.
Eine gute Klarstellung, die Überschreitungen der Mindestabstände bzw. vorgegebenen Impfschemata (z. B. 0-7-21) sind in der Praxis auch oft kaum zu vermeiden – z. B. wegen Terminproblemen, nicht lieferbaren Impfstoffen oder Erkrankung der Reisenden während der Impfserien.
Die DTG macht es in der 2026er Empfehlung bewusst deutlich: Influenza und COVID-19 gehören für Fernreisende zur Basisausstattung. Influenza ist eine der häufigsten impfpräventablen Infektionen auf Fernreisen; der Ausschuss für Reise- und Impfmedizin (StAR) hält einen Schutz deshalb für alle Reisenden sinnvoll, nicht nur für klassische Risikogruppen. Für COVID-19 gilt das gleiche Prinzip: vor der Reise den Impfstatus prüfen und nicht nur an „Vorerkrankung plus Alter“ denken. Gerade bei längeren Reisen, engem Kontakt, Kreuzfahrten, Gruppenreisen oder Reisen mit fragiler medizinischer Versorgung sollte der aktuelle Schutzstatus aktiv mitgedacht werden.
Das finde ich extrem wichtig, denn diese beiden Impfungen werden oft stiefmütterlich behandelt und die Akzeptanz – sofern man nicht deutlich und klar aufklärt – ist bei Reisenden deutlich geringer als bei Hepatitis oder Tollwut. Dabei decken sich die Zahlen absolut mit meinen eigenen Erfahrungen: Reiserückkehrer mit Fieber haben in der Praxis vor allem entweder COVID-19 und Influenza, erst dann kommen mit größerem Abstand Malaria und Dengue-Fieber.
Ich lege das Heft zur Seite. Wow. Wieder viel Stoff – Altes wiederholt, Neues gelernt. Ich werde das in der Praxis gut brauchen können.
Hier findet ihr den StAR-Artikel nochmal zum Nachlesen.
Bildquelle: Carl Tronders, Unsplash