Du bist, was du isst: Die Rolle der Darm-Hirn-Achse rückt immer mehr in den Fokus. Welchen Einfluss das Mikrobiom auf die psychische Gesundheit hat – und wie es die Wirkung von Antidepressiva verändern kann.
In der Forschung boomt das Thema der Darm-Hirn-Achse und auch auf dem diesjährigen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) wurde der Einfluss des Mikrobioms auf die Psyche diskutiert. Kann sich die „richtige“ Ernährung auf eine depressive Symptomatik auswirken? Zwei Experten berichten über Heureka-Momente und Wissenslücken.
Depression wirkt sich häufig auf den Appetit aus. Laut Ulrike Gisch, Professorin für Ernährungspsychologie, liegt daher die Frage nah: Kann sich umgekehrt die Ernährung auf eine Depression auswirken – sie vielleicht sogar heilen? Die bisherige Studienlage weist auf den möglichen Einfluss einer mediterranen Diät und der Einnahme von Fischöl hin. So zeigten Interventionsgruppen der SMILES- und HELFIMED-Studie nach Ernährungsumstellung eine signifikante Verbesserung der depressiven Symptomatik. Im Vergleich dazu erhielten Kontrollgruppen lediglich soziale Zuwendung ohne einhergehende Ernährungsberatung.
Problematisch ist allerdings: Die Datenlage des ernährungspsychologischen Einflusses auf depressive Symptome ist dünn. Eine große Limitation, so Gisch, ist die Notwendigkeit eines längerfristigen Studiendesign von Patienten mit einer manifesten schweren Depression (Major Depressive Disorder, MDD) – im klinischen Setting nicht immer durchzusetzen.
Gisch erklärt, eine klare Grenze zu „ungesundem“ Essverhalten gibt es nicht. So schwierig die Definitionsfindung ist, so schwierig gestaltet sich auch der kausale Zusammenhang zwischen Ernährung und Depression – denn hier müssen wichtige Einflussfaktoren berücksichtigt werden. Essverhalten ist abhängig von vielen verschiedenen Faktoren, wie beispielsweise der Ernährungsumgebung (esse ich vor den Fernseher, an einem Tisch oder in einer lauten Kantine?), dem sozialen Kontext (esse ich in Gemeinschaft oder allein?) und der Esskultur, in der Patienten großgeworden sind oder leben.
Dabei verläuft die Kausalität in beide Richtungen: Auch die Depression selbst hat einen Einfluss auf die Ernährung. So fordert ein gesundes Essverhalten Ressourcen, die eine psychisch erkrankte Person meist nicht hat. Bevor überhaupt eine gesunde Mahlzeit stattfinden kann, müssen zahlreiche Entscheidungen gefällt werden: „Was möchte ich essen? Was kaufe ich ein? Was muss ich anziehen für den Supermarkt-Besuch? Habe ich genug Geld für das vielleicht teurere, gesunde Nahrungsmittel?“ Besonders die finanzielle Verfügbarkeit prägt dabei, was und wie wir essen.
Interessanterweise zeigten Personen, die in der Vergangenheit depressiv waren, zu einem späteren Messzeitpunkt bessere Ernährungsmuster als Personen ohne Depression. Grund dafür sei, so Gisch, dass Betroffene nach einer Depression gezielter auf ihre mentale Gesundheit achten.
Zwischen Ernährung, Depression, Gewichtszunahme und Komorbiditäten wie emotionalem oder unkontrolliertem Essverhalten bestehen enge Wechselwirkungen – sie alle beeinflussen sich gegenseitig. Gisch zieht daher ein verhaltenes Fazit: Zwar können einzelne Veränderungen innerhalb der Ernährung depressive Symptome reduzieren, entscheidend bleibt allerdings das gesamte Ernährungsmuster, also die Vielfalt und Qualität der konsumierten Lebensmittel über einen längeren Zeitraum.
Gleichzeitig entsteht eine Depression durch weitaus mehr als eine veränderte Essgewohnheit und bleibt multikausal. Der Einfluss der Ernährung auf die depressive Symptomatik bleibt daher nur ein Teilaspekt und ist gleichzeitig kritisch zu bewerten – immerhin spielen besonders die Einschränkungen der eigenen Lebensführung durch die Erkrankung eine entscheidende Rolle.
Der Einfluss eines komplett veränderten Ernährungsmusters auf das Darm-Mikrobiom ist komplex – und somit auch nicht direkt kontrollierbar. Zielgerichteter wirken da auf den ersten Blick die Einnahme von Prä- oder Probiotika. Das sieht auch Prof. Martin Walter so, Direktor der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Jena: Auf biologischer Ebene korreliert die Darmdysbiose psychiatrischer Patienten mit erhöhten Entzündungsmarkern, wie IL-6,TNF-α und CRP. In unterschiedlichen Studiendesigns zeigt sich eine konsistente Dysbiose bei Patienten mit MDD. Tiermodelle belegen die Kausalität: Wird Ratten das Darmmikrobiom depressiver Teilnehmer implantiert, zeigen sie vermehrt ein depressionsassoziiertes Angstverhalten.
Epidemiologische Befunde deuten dabei besonders auf ein verändertes Verhältnis von Firmicutes- zu Bacteroidetes-Bakterien als relevanten Einflussfaktor hin. Gleichzeitig häufen sich sowohl übereinstimmende als auch widersprüchliche Befunde von bestimmten Bakterienstämmen, die bei depressiven Patienten entweder hoch- oder runterreguliert sind. Laut Walter sind diese Befunde vor allem durch das heterogene Studiendesign, kleine Fallzahlen und relativ kurze Beobachtungszeiträume im Vergleich zu den langjährigen Krankheitsverläufen zu begründen.
Laut Walter nutze das in erster Linie den 30–50 % der Patienten, bei denen Antidepressiva nicht anschlagen. Hier könne das Mikrobiom als zusätzlicher Wirkmechanismus genutzt werden. Walter unterscheidet dabei zwei Wirkrichtungen:
In bisherigen Studien kamen vor allem Multistrain-Probiotika mit Lactobacillus- und Bifidobacterium-Stämmen zum Einsatz – einheitliche Empfehlungen zu Dosierung und Therapiedauer existieren jedoch noch nicht.
Die Datenlage zeigt sich jedoch heterogen: Eine klinische Studie mit 49 Teilnehmern deutete an, dass die tägliche adjunktive Gabe von Probiotika depressive sowie angstassoziierte Symptome bei Patienten mit Depression verbessert. Gleichzeitig zeigte sich in der PROVIT-Intervention, dass die Einnahme von Biotin keinen Vorteil brachte. Zwar veränderte sich innerhalb von 28 Tagen Einnahme das Darmmikrobiom von stationären Teilnehmern, aber ohne klinischen Effekt auf die Depression.
Zu den Präbiotika zählen nicht-verdauliche Nahrungsbestandteile, wie beispielsweise Inulin, GOS (Galacto-Oligosaccharide) und FOS (Fructo-Oligosaccharide), die selektiv nützliche Bakterienstämme im Darmmikrobiom fördern können.
Bei Probiotika handelt es sich um die Gabe von lebenden Mikroorganismen in therapeutischer Dosis, um das Darm-Mikrobiom durch direkte Kolonisierung transient zu verändern.
Synbiotika sind eine Kombinationstherapie aus Prä- und Probiotika.
Doch die klinische Evidenz für die Anwendung von Prä- und Probiotika wächst, berichtet Walter. So bestätigt eine aktuelle, große Metaanalyse von 19 Studien mit über 1.400 Teilnehmern, dass Pro-, Prä- und Synbiotika depressive sowie Angstsymptome bei Patienten mit Depression signifikant reduzieren können.
Sowohl bei der fäkalen Mikrobiota-Transplantation (wir berichteten hier) als auch bei der Gabe von Prä- und Probiotika zeichnet sich ein Problem ab: die Effektdauer. Das Darmmikrobiom ist dynamisch – so schnell es sich unter dem Einfluss einer psychischen Erkrankung und auch Re-Kolonisierung durch Probiotika verändern kann, so schnell können Therapieeffekte durch externen Stress und Lebensstilveränderung zunichtegemacht werden. Eine therapeutische Veränderung des Darmmikrobioms bleibt somit individuell transient.
Sowohl in der Erforschung zum Einfluss von Ernährung als auch von Prä- und Probiotika gilt letzten Endes eins: Die Datenlage ist dünn. Es braucht mehr Beobachtungsstudien und Langzeitdaten – darin sind sich Ernährungspsychologin Gisch und Klinikleiter Walter besonders einig. Ein langfristiges Studiendesign mit Patienten mit manifester schwerer Depression ist im klinischen Versorgungsalltag jedoch nicht immer durchzusetzen.
Dennoch: Ernährung und Darmmikrobiom könnten einen relevanten Einfluss auf die Psyche haben. Erste Hinweise sprechen dafür, dass eine gezielte Ernährungsanamnese sinnvoll sein kann. Auch die ergänzende Gabe von Probiotika kommt als Option infrage – insbesondere bei Patienten mit Non-Response. Bei immunsupprimierten Patienten ist jedoch Vorsicht geboten. Hier besteht theoretisch das Risiko einer bakteriellen Translokation oder Sepsis durch die zugeführten Mikroorganismen. Bis belastbare Leitlinien vorliegen, bleibt eines klar: Der Blick auf Teller und Mikrobiom lohnt sich – als ergänzende Perspektive, nicht als Ersatz für etablierte Therapien.
Bildquelle: Andrej Lišakov, Unsplash