Halbiertes Reinfarktrisiko dank Vitamin D: Das behaupten US-Forscher – und widersprechen damit dem bisherigen Wissensstand.
hiess es als Zweitüberschrift zu diesem Artikel:
https://www.doccheck.com/de/detail/articles/52855-vitamin-d-nach-herzinfarkt-hoffnung-mit-haken
Die von DocCheck verarbeitete Originalnachricht ist dies hier: https://www.eurekalert.org/news-releases/1104374
Und dort heisst es u.a.:
In the vitamin D treatment group, the goal was to raise their blood levels of vitamin D to more than 40 nanograms per ml (ng/mL). Of the heart attack patients enrolled in the study, 85% had insufficient vitamin D3 levels (<40 ng/mL).
"Insufficient" wird in allen mir bekannten internationalen D3-Studien - und das sind viele - mit 20 - <30 ng/ml gleich gesetzt (<20: deficient, 30+: sufficient), insofern scheint mir Berichterstattung durch "Eurekalert.org" hier möglichweise bzw. sehr wahrscheinlich unkorrekt. Weiter heisst es:
Of those who received targeted treatment, more than 50% required an initial vitamin D3 dose of 5,000 international units (IU), where current supplementation suggestions are usually between 600 to 800 IU.
Hier steht nichts von "daily" - im DocCheck Artikel heisst es im Kasten: "Mehr als die Hälfte der Patienten im Behandlungsarm erhielten initial 5.000 IU Vitamin D₃ täglich, ...", aber das dürfte vermutlich richtig sein, anders kommt man nicht auf >40 ng/ml. Trotzdem: es steht eben leider nichts genaues zur Supplementation im Original-Artikel.
Of the 630 patients enrolled in the clinical trial, 107 experienced a major cardiac event. [...] However, they did find that the risk of a follow-up heart attack was reduced by half in those patients who received targeted vitamin D management.
Das würde bedeuten daß ca. 36 Patienten der Interventionsgruppe, aber ca. 70 Patienten der Placebogruppe einen Nachfolgeinfarkt erlitten. Das wäre tatsächlich ein sensationelles Ergebnis.
Allerdings steht dem dort auch dieser Satz voran:
Researchers found no significant difference in the risk of MACE between the groups. However, ....
MACE bedeutet "Major Adverse Cardiovascular Event", und damit widerspricht "no significant difference in the risk of MACE" doch der anderen Aussage? Was gilt denn nun?
Weiter heisst es bei DocCheck:
Die Endocrine Society fasst in ihrer aktuellen Leitlinie zusammen, dass Vitamin-D-Supplementierung in sieben RCTs keine Reduktion des Myokardinfarktrisikos bewirkt....
Klickt man auf den Link der angeblichen 7 Studien (oben fett) im DOCCHECK-Artikel, bekommt man:
DOI Not Found
10.1210/jc.2016-2977
This DOI cannot be found in the DOI System.
Laut Literaturangabe am Ende des Artikels soll es sich dabei um dieses Paper handeln:
Autier et al.: Effect of Vitamin D Supplementation on Cardiovascular Disease: Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials. J Clin Endocrinol Metab., 2017. doi: 10.1210/jc.2016-2977
Das aber scheint es gar nicht zu geben. Sucht man mit "Autier" und "Effect of vitamin D supplementation", findet man:
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29102433/ (doi: 10.1016/S2213-8587(17)30357-1)
Das Paper heisst:
Effect of vitamin D supplementation on non-skeletal disorders: a systematic review of meta-analyses and randomised trials
ist aus 2017 und aus diesem Jahr gibt es kein anderes Autier-paper zu diesem Thema. Und dort heisst es:
Recent meta-analyses reinforce the finding that 10-20 μg per day of vitamin D can reduce all-cause mortality and cancer mortality in middle-aged and older people. Although vitamin D doses were greater than those assessed in the past, we found no new evidence that supplementation could have an effect on most non-skeletal conditions, including cardiovascular disease, adiposity, glucose metabolism, mood disorders, muscular function, tuberculosis, and colorectal adenomas, or on maternal and perinatal conditions.
Nochmal verkürzt:
that 10-20 μg per day of vitamin D
Eine solche Übersicht zum Beweis heranzuziehen, daß D3 keinen Einfluss auf das CVD-Risiko habe ist nun nachgerade lächerlich, denn das sind nur 400-800 IE/d - ein Supplementationswitz, mit dem man den D3 Spiegel kaum meßbar erhöht.
Und diese Aussage:
we found no new evidence that supplementation could have an effect on .... cardiovascular disease,
ist bei 400-800 IE zwar "faktisch" richtig, aber troztdem einfach falsch, weil "no new evidence that supplementation" gelesen wird als "Supplementation (egal welche) hilft offenbar nicht".
Ja, wenn man z.B. 50 mg Paracetamol (statt 500 mg) verordnete und keinen statistisch signifikanten schmerzstillenden Effekt fände, wäre das dann auch ein "Beweis" daß Paracetamol nicht gegen Schmerzen hilft? "no evidence for..." - es ist wie immer bei Studien, die nichts finden: mit einem falschen Setup (z.B. viel zu niedrige Dosierungen des untersuchten Wirkstoffs oder Bolusgaben statt täglicher Einzeldosen) findet man eben nichts statistisch Signifikantes und kann dann behaupten, es habe keinen Beweis für eine Wirkung gegeben - was alle Laien falsch verstehen, weil die einschränkende Bemerkung "bei dieser Dosis" eben immer fehlt.
mfG Lorenz Borschehttps://doi.org/10.3390/nu13103596