Halbiertes Reinfarktrisiko dank Vitamin D: Das behaupten US-Forscher – und widersprechen damit dem bisherigen Wissensstand. Hoffnung für Herzpatienten oder alter Mythos in neuem Gewand?
Vitamin D wird seit Jahren als möglicher kardiovaskulärer Schutzfaktor diskutiert. Beobachtungsstudien zeigen konsistent, dass niedrige Vitamin-D-Spiegel mit einer erhöhten Rate an kardiovaskulären Ereignissen, einschließlich Myokardinfarkt und kardiovaskulärer Mortalität, assoziiert sind. Die entscheidende Frage bleibt jedoch: Lässt sich dieses Risiko durch eine gezielte Vitamin-D-Supplementierung tatsächlich senken – insbesondere in der Sekundärprävention nach Herzinfarkt?
Auf den American Heart Association Scientific Sessions 2025 wurden hierzu neue, vielbeachtete Daten aus dem Klinikverbund Intermountain Health, USA, vorgestellt. In einer randomisiert kontrollierten Studie untersuchten die Forscher, ob eine gezielte laborbasierte Vitamin-D₃-Substitution nach akutem Myokardinfarkt das Risiko für ein erneutes Ereignis reduzieren kann.
Mehr als die Hälfte der Patienten im Behandlungsarm erhielten initial 5.000 IU Vitamin D₃ täglich, deutlich über den üblichen Empfehlungen von 600–800 IU/Tag, um den Zielwert rasch zu erreichen. Die Kontrollgruppe erhielt keine gezielte Spiegelkontrolle oder Dosiseskalation.
So eindrucksvoll diese Zahlen erscheinen, stehen die Daten im klaren Spannungsfeld zur bisherigen Evidenzlage. Große randomisierte Studien und Metaanalysen konnten bislang keinen signifikanten protektiven Effekt einer Vitamin-D-Supplementierung auf Myokardinfarkt, Schlaganfall oder kardiovaskuläre Mortalität zeigen. Selbst nicht bei Personen mit niedrigen Ausgangswerten. Die Endocrine Society fasst in ihrer aktuellen Leitlinie zusammen, dass Vitamin-D-Supplementierung in sieben RCTs keine Reduktion des Myokardinfarktrisikos bewirkt (RR 1,00; 95 % CI 0,83–1,20), unabhängig von Dosis, Geschlecht oder zusätzlicher Kalziumgabe. Auch große Studien wie VITAL oder ViDA sowie aktuelle Metaanalysen bestätigen dieses neutrale Ergebnis.
Einzelne neuere Arbeiten, wie etwa die D-Health-Studie, zeigen zwar einen leichten Trend zugunsten hochdosierter Vitamin-D-Gaben, insbesondere bei Patienten mit bestehender kardiovaskulärer Medikation. Der absolute Effekt bleibt jedoch klein, und die Konfidenzintervalle schließen einen Null-Effekt nicht aus. Subgruppenanalysen (z. B. bei Übergewicht oder manifester KHK) sind interessant, aber hypothesengenerierend und nicht leitlinienrelevant.
Aus hausärztlicher und kardiologischer Praxissicht decken sich die neuen Intermountain-Daten nicht mit der täglichen klinischen Erfahrung. Bei Patienten nach Myokardinfarkt sehe ich, trotz regelmäßiger Vitamin-D-Bestimmungen, keine konsistente Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse, solange kein ausgeprägter Mangel vorliegt.
Vitamin-D-Substitution ist sinnvoll und wichtig:
Für die kardiovaskuläre Sekundärprävention bleiben jedoch weiterhin die etablierten Maßnahmen entscheidend: konsequente Lipidsenkung, Blutdruckkontrolle, Thrombozytenhemmung, Lebensstilinterventionen und eine gute Adhärenz zur leitliniengerechten Therapie.
Die neuen Daten aus dem Intermountain-Klinikverbund sind spannend und hypothesenstärkend, insbesondere für Patienten nach Herzinfarkt mit ausgeprägtem Vitamin-D-Mangel. Allerdings stammen sie bislang nur aus einem Konferenz-Abstract und haben noch keine vollständige veröffentlichte Peer-Review. Nach aktueller Evidenz senkt eine Vitamin-D-Supplementierung das Risiko für einen erneuten Herzinfarkt nicht signifikant. Eine routinemäßige Hochdosis-Substitution zur kardiovaskulären Sekundärprävention kann derzeit daher nicht empfohlen werden. Vitamin D bleibt eine begleitende Maßnahme bei Mangel, jedoch aktuell kein neuer Baustein der Infarktprävention. Ob sich dies durch weitere gut designte Studien ändert, bleibt abzuwarten.
Bildquelle: Kaptured by Kasia, Unsplash