Tiere werden zum Luxusgut: Immer mehr Geld fließt in ihre Gesundheit, das zeigt die neue Heimtierstudie. Warum das die Arbeit für Veterinäre nicht unbedingt einfacher macht.
In Deutschland leben aktuell rund 34 Millionen Heimtiere, darunter etwa 10,5 Mio. Hunde und 15,9 Mio. Katzen. Nach dem Corona-Boom flachte die Kurve ab. Die Zahl der Hunde und Katzen stagniert, der Abwärtstrend bei den Kleinsäugern bleibt bestehen. Aber: Die Ausgaben der Tierhalter steigen trotzdem. Und zwar ordentlich.Ohr, Renate: Heimtierstudie 2025, Göttingen
Für 2024 summiert die Studie die privaten Ausgaben für Heimtiere auf über 18 Milliarden Euro. Davon landen – direkt oder indirekt – rund 4 Milliarden Euro in der tierärztlichen Versorgung. Das sind Zahlen, die man auch gesundheitspolitisch nicht mehr ignorieren kann.
Kaum ein Thema spaltet die Tierärzteschaft so wie die GOT-Novelle 2022 (DocCheck berichtete). Die Studie bestätigt jetzt ziemlich nüchtern, was bereits spürbar war: Der massive Umsatzsprung im Veterinärwesen zwischen 2022 und 2023 ist maßgeblich GOT-getrieben. Tierärztliche Leistungen wurden im Schnitt um etwa 27 % teurer. Für die Praxis heißt das: wirtschaftlich war der Schritt überlebenswichtig – kommunikativ und gesellschaftlich eher anstrengend, da oft erklärungsbedürftig.
Auch der Abwärtstrend bei den Tierkliniken wird in der Studie sichtbar (DocCheck berichtete). Es gibt bundesweit nur noch rund 60 offizielle Kleintierkliniken, vor ein paar Jahren waren es noch mehr als doppelt so viele. Grund ist meist nicht eine mangelnde Nachfrage, sondern schlicht die 24/7-Notdienstpflicht, die wirtschaftlich und personell kaum noch abzubilden ist. Was stattdessen wächst: Tiergesundheitszentren, größere Praxiseinheiten, regionale Konzentration von Notdiensten. Für klassische Praxen bedeutet das: mehr Notfälle, mehr Erwartungshaltung, mehr Belastung – oft, ohne dass die Personaldecke dicker wird.
Ein besonders praxisrelevantes Thema sind die Tierkrankenversicherungen (KV). Laut Heimtierstudie liegt der Umsatz der Tier-KV inzwischen bei über 700 Mio. Euro, der Markt wächst weiter zweistellig – und vor allem Katzen holen mehr und mehr auf. Im Alltag bedeutet das: Diagnostik wird deutlich häufiger akzeptiert, OP-Entscheidungen fallen schneller, und immer öfter ersetzt ein „Machen wir alles“ das klassische „Was kostet das denn?“. Versicherte Tiere sind damit nicht nur finanziell anders aufgestellt, sondern verändern spürbar die Dynamik von Beratung, Entscheidungsfindung und Behandlungsumfang in der Praxis. Aber: Versicherungen bringen auch neue Diskussionen. Selbstbehalte, Höchstsätze, Ausschlüsse – wer das nicht sauber kommuniziert, hat die nächste Beschwerde schneller auf dem Tisch als die Blutprobe im Labor.
Was außerdem klar wird: Auch ohne mehr Tiere wird die Arbeit medizinisch anspruchsvoller. Es gibt immer mehr alte Tiere, mehr Chroniker, mehr Multimorbidität. Dazu kommt der Trend, immer mehr Maßnahmen aus der Humanmedizin zu übernehmen – von Bildgebung bis Onkologie. Passend dazu wächst auch der Markt für Tierphysiotherapie. Aus einer anfänglichen Nische wird ein stabiler Zusatzmarkt, vor allem postoperativ.
Eine traurige Steigerung: Tierheime melden seit 2022 deutlich mehr Abgaben. In 44 % der Fälle werden explizit höhere Tierarztkosten als Abgabegrund genannt. Oft landen ältere, kranke Tiere im Tierheim – mit entsprechend hohem medizinischem Aufwand. Das bringt Tierärzte in ein klassisches Dilemma. Nicht alles, was medizinisch möglich ist, ist auch wirtschaftlich tragbar und nicht immer gesellschaftlich vermittelbar.
Die Tiermedizin bleibt also ein Wachstumsmarkt – aber nur für diejenigen, die bereit sind, sich strukturell, kommunikativ und unternehmerisch weiterzuentwickeln. Für die Praxis bedeutet das:
mehr Verantwortung bei Tierärzten – medizinisch wie ökonomisch
Wer hofft, dass alles wieder „wie früher“ wird, sollte sich davon schmerzhaft verabschieden. Wer sich aber in seiner Praxis strategisch aufstellt, transparent kommuniziert und sein Team mitnimmt, hat weiterhin gute Chancen.
Bildquelle: Midjourney