Spott, Schreie, Strafdienste: Der Alltag in medizinischen Berufen trägt nicht unbedingt zum Seelenfrieden bei – im Gegenteil. Wir haben nach euren Erfahrungen gefragt und wollen das Schweigen brechen.
„Wie kann man so unfähig sein?“ – den Gedanken kennt man auch von sich selbst. Und es ist menschlich, sich über die eigene Umgebung aufzuregen. Doch anders als Gedanken, die bekanntlich frei sind, haben gesprochene Worte echte Auswirkungen auf das Umfeld. Wird einem dieser Satz also vor versammelter Mannschaft an den Kopf geworfen, ist das nicht nur verletzend und unprofessionell – eigentlich könnte man ihn direkt zurückgeben. Solche Sätze sind auch euch bekannt, wie wir in einer anonymen Umfrage (hier) von euch erfahren haben. In diesem Artikel teilen wir die Ergebnisse, die ein wiederkehrendes Muster von Herabwürdigungen, Machtmissbrauch und fehlenden Konsequenzen aufzeigen.
An der nicht repräsentativen Online-Umfrage nahmen 71 Personen teil. Mehr als 60 % arbeiten in einer Klinik, 11 % in einer Praxis und 13 % in der Pflege. Die restlichen Teilnehmer teilen sich auf Rettungsdienst, Apotheke und sonstige Felder auf. Die Berufsgruppen reichen von Pflegefachkräften (31 %) über Assistenz- (9,9 %) und Fachärzte (16,9 %) bis hin zu Oberärzten (15,5 %) – aber auch Studenten, Azubis, Chefärzte, Therapeuten und Teamleitungen haben an der Umfrage teilgenommen. Knapp 80 % der Teilnehmer sind weiblich. Es haben sich aus 51 Fachgebieten bzw. Stationen Personen an der Umfrage beteiligt – von Anästhesie, Chirurgie, Kardiologie, Psychiatrie, Orthopädie über Notaufnahme, Urologie, Labor, Hauspflege, bis zur Kinderintensivstation. Die Befragung erfolgte anonym und beruhte auf freiwilliger Teilnahme. Die Ergebnisse erlauben daher keine Rückschlüsse auf die Gesamtheit aller Beschäftigten im Gesundheitswesen, geben jedoch Einblick in subjektiv erlebte Erfahrungen.
Zwei Drittel der Befragten geben an, in den vergangenen zwölf Monaten selbst unprofessionelles Verhalten erlebt zu haben. Mehr als die Hälfte hat entsprechendes Verhalten bei anderen beobachtet. Nur 7 % sagen, sie hätten weder etwas erlebt noch gesehen, und 5 % sind sich unsicher. Auffällig ist: Die geschilderten Vorfälle ähneln sich. In Freitextantworten schildern Teilnehmer unter anderem Bloßstellen einzelner Teammitglieder in Besprechungen, Anschreien oder Einschüchterung, systematisches Kleinhalten, gezielte Desinformation, Machtausübung über Dienstpläne oder Überstunden und Abhängigkeiten in der Weiterbildung. Die Wortwolke gibt einen groben Überblick:
Ein Teilnehmer beschreibt seine Situation so: „Ich hab es mir gefallen lassen, weil ich ihn brauchte, um mir den OP-Katalog zu bescheinigen.“ Auch sexuelle oder verbale Grenzverletzungen wie „Sprüche und unangebrachte Berührungen“ werden genannt – ebenso ein respektloser Umgang mit Patienten. Solche Verhaltensmuster entsprechen international anerkannten Definitionen von „workplace bullying“ bzw. „incivility“ im Gesundheitswesen und werden in Studien als häufige Erfahrung im Klinikalltag beschrieben.
Meistens ging das problematische Verhalten von Vorgesetzten oder Gleichrangigen, deutlich seltener von unterstellten Kollegen oder Patienten aus. Das Verhalten richtet sich der Umfrage nach zu fast zwei Dritteln gegen „Kollegen allgemein“ – leichte Unterschiede sind zwischen Pflege (40,6 %), Patienten (37,7 %) und Ärzten (33,3 %) erkennbar, aber auch Berufseinsteiger (21,7 %) und MFAs (10,1 %) sind Ziel der Mobber (hier waren Mehrfachnennungen möglich).
Rund 60 % berichten infolge der Vorfälle von Stress, Angst oder starkem Frust. Fast die Hälfte leidet unter Schlafproblemen, knapp ein Drittel unter ausgeprägter Fehlerangst. Mehr als 20 % haben sich infolgedessen krankgemeldet, jeder Dritte hat über einen Jobwechsel nachgedacht und knapp 17 % haben ihn bereits vollzogen. Viele schildern einen schleichenden Prozess: Anfangs werde Verhalten als „normaler Ton“ oder „Stressreaktion“ abgetan, mit der Zeit führe es jedoch zu Rückzug, innerer Kündigung oder dem Verlassen des Berufs. Damit sind unsere Leser nicht allein. Quantitative Studien belegen, dass unkollegiales Verhalten mit Stress und mentaler Gesundheitsbelastung bei Gesundheitsberuflern einhergehen.
Auf die Frage, ob das Verhalten die Patientensicherheit beeinflusst hat, haben 52,8 % mit „Ja, sehr“ und „eher ja“ geantwortet, 41,7 % sagten „eher nein“ und „Nein“. Damit gibt es eine leichte Mehrheit, die ihrer Einschätzung nach die Patientensicherheit als beeinflusst empfindet, als fünfte Antwortmöglichkeit wurde „kann ich nicht beurteilen“ angeboten (6,9 %). Als Einflussfaktoren werden Kommunikationsabbruch, Angst vor Rückfragen und eine Atmosphäre, in der Schuldzuweisungen und Enthaltung von Informationen herrschten, genannt. Auch das An- und Besprechen von Fehlern wurde dadurch bestraft und somit künftig unterlassen. Insgesamt hat die Arbeitsqualität der Befragten sehr gelitten: 44,9 % geben eine geringere Arbeitsqualität an. Auch in der wissenschaftlichen Literatur werden Zusammenhänge zwischen unkollegialem Verhalten, psychischer Belastung und Sicherheitskultur beschrieben. Studien berichten Assoziationen mit erhöhter Stressbelastung, mehr Fehlern, unerwünschten Ereignissen und sogar Mortalität.
Trotz der geschilderten Belastung hat nur ein Viertel der Befragten unprofessionelles Verhalten klar angesprochen oder offiziell gemeldet. Ein knappes Drittel gab an, Vorfälle zumindest teilweise angesprochen zu haben, doch 40,9 % haben die Vorfälle nicht gemeldet oder angesprochen. Die häufigsten Gründe für das Schweigen: die Überzeugung, dass es „sowieso nichts bringt“ (42,1 %), Angst vor negativen Konsequenzen (31,6 %) und Resignation (29 %). Nach einer Meldung fühlten sich nur wenige ernst genommen oder geschützt. Stattdessen wurde abgewiegelt (9,1 %), der Betroffene benachteiligt (9,1 %) oder der Täter geschützt/verteidigt (18,2 %). Genaue Konsequenzen blieben meist unbekannt, oder es gab keine.
Nur 16 % der Befragten berichten von funktionellen Anlaufstellen in ihrer Einrichtung. Demgegenüber sagen 21,4 %, es bestehe keine. Viele beschreiben Anlaufstellen, die theoretisch existieren, praktisch jedoch als wirkungslos wahrgenommen werden (44,3 %). Und 18,6 % wissen nicht, ob oder dass es eine gibt – diese sind dann also nicht funktionell. Dabei zeigen Untersuchungen, dass die Bereitschaft zur Meldung steigt, wenn Anlaufstellen unabhängig von direkten Hierarchien organisiert sind und ein wirksamer Schutz der Meldenden gewährleistet ist.
Auf die Frage nach möglichen Verbesserungen nannten die Teilnehmer vor allem:
klare und nachvollziehbare Konsequenzen bei Fehlverhalten,
bessere Führungskräftequalifikation,
Team- und Kommunikationstrainings,
und vertrauenswürdige, unabhängige Meldestellen.
Mehrfach wurde eine transparente und faire Zeiterfassung gefordert, die nicht als Druckmittel eingesetzt wird oder in „Strafdiensten“ resultiert. Ein Befragter bringt seine Erlebnisse so auf den Punkt: „Muster ist: Machtmissbrauch ohne Konsequenzen, weil niemand sich traut, etwas zu sagen und alle machen mit. Das Medizinsystem ist hochgradig korrupt und eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus (…)“
Organisations- und Sicherheitsforschung beschreiben mehrere Faktoren, die unkollegiales Verhalten im Gesundheitswesen begünstigen können. Hierzu zählen ausgeprägte Hierarchien, Abhängigkeiten in Ausbildung und Karriere sowie chronischer Zeit- und Leistungsdruck. Es ist kein Geheimnis, dass das Gesundheitswesen all diese Faktoren erfüllt. Auch diese Übersichtsarbeit zeigt, dass „workplace incivility“ in Krankenhäusern von rund einem Viertel der Beschäftigten erlebt oder beobachtet wird und mit schlechter Patientensicherheitskultur und negativen Ergebnissen wie Fehlern oder unerwünschten Ereignissen assoziiert ist. Während Studien zur sogenannten psychologischen Sicherheit zeigen, dass Teams besonders dann leistungsfähig und sicher arbeiten, wenn Mitglieder ohne Angst vor Demütigung oder Sanktionen sprechen können. Fehlt diese Sicherheit, sinkt die Wahrscheinlichkeit, Fehler anzusprechen oder Rückfragen zu stellen.
Die Ergebnisse der Befragung zeigen, dass ein Teil der Befragten wiederholt Erfahrungen mit herabwürdigendem oder machtmissbräuchlichem Verhalten gemacht hat – häufig ausgehend von Vorgesetzten. Neben psychischer Belastung berichten viele auch von Auswirkungen auf die eigene Arbeitsqualität und die wahrgenommene Patientensicherheit. Gleichzeitig deuten die Antworten darauf hin, dass Meldestrukturen häufig als wenig wirksam erlebt werden und sichtbare Konsequenzen selten wahrgenommen werden. Die Umfrage macht deutlich, dass das Thema für viele Beschäftigte im Gesundheitswesen eine reale und belastende Erfahrung darstellt. Das habt ihr auch in euren Kommentaren zum ersten Artikel geschildert.
Mit verbesserten Strukturen und strukturierten sowie geschützten Meldemöglichkeiten, wird ein anderer Umgang jedoch möglich. Damit man sich künftig nicht mehr wie dieser Teilnehmer fühlt: „Man gewöhnt sich an Dinge, an die man sich eigentlich nicht gewöhnen sollte.“
Bildquelle: Midjourney