Notfallsanitäter Andreas Drobeck hat gewonnen: vor dem Gesetz und vor der Moral. Doch wer heute in seiner Heimat nach ihm fragt, erntet Schweigen. Ein prominentes Beispiel dafür, dass Recht haben nicht alles ist.
Der Rauch über dem Schlachtfeld hat sich verzogen. Die Aktenordner verstauben in den Regalen der Justiz, und die Richterroben hängen längst wieder im Schrank. Eigentlich müsste hier eine Heldengeschichte stehen. Die Geschichte eines David, der den Goliath der bayerischen Rettungsdienst-Bürokratie zwang, in die Knie zu gehen. Andreas Drobeck erstritt vor dem Verwaltungsgerichtshof München das Recht, helfen zu dürfen. Er bewies, dass Notfallsanitäter keine ferngesteuerten Marionetten sind, sondern eigenverantwortliche Fachkräfte. Der Beschluss des VGH steht wie ein Fels in der Brandung. Die Maßnahmen sind rechtens. Die Kompetenz ist da. Doch der Fels steht an einem verlassenen Ufer.
Wer Andreas Drobeck heute sucht, findet ihn weder als gefeierten Reformer noch auf einem Rettungswagen in seiner Heimatstadt Landshut. Man findet ihn auf der Autobahn auf dem Weg zum Dienst, als Leiharbeiter und modernen Nomaden des Rettungswesens. Sein Name, der in Fachkreisen als Marke für Mut gilt, wirkt in seiner Heimat wie ein Makel. Er ist „verbrannt“. Persona non grata. Der Prophet gilt nichts im eigenen Land, aber in Bayern gilt er noch weniger: Er gilt als Störfaktor.
Man sollte meinen, die Rechtssicherheit würde die Wachen mit Selbstbewusstsein fluten. Weit gefehlt. Die Schwere eines Bleimantels liegt über den Rettungswachen des Freistaats. Die Ärztlichen Leiter Rettungsdienste haben den juristischen Frontalangriff überlebt und ihre Taktik geändert. Statt offener Verbote nutzen sie nun das subtile Gift der Verunsicherung. Sie packen 2a-Maßnahmen in Algorithmen und verkaufen diese als Checklisten, die das eigenständige Denken durch bunte bepfeilte Einbahnstraßen ersticken. Die Kollegen freuen und bedanken sich brav für die Fesseln, die man ihnen als Sicherheitsnetz verkauft. Die Angst regiert weiter und sitzt auf dem Beifahrersitz, wenn der Melder geht. Sie flüstert dem Notfallsanitäter ins Ohr, lieber den Notarzt für eine Schmerzmittelgabe nachzufordern, als eine nachträgliche Stellungnahme schreiben zu müssen. „Schlafende Hunde weckt man nicht“, heißt die Devise. Lieber lässt man den Patienten ein paar Minuten länger leiden, als den Zorn des ÄLRD zu riskieren. Die lila Kuh der Ausbildung – die Vorstellung, dass alles perfekt nach Algorithmus läuft – grast weiterhin auf den bayerischen Wiesen, obwohl jeder weiß, dass die Realität anders aussieht.
Wie tief der Hass gegen jene sitzt, die das System in Frage stellen, offenbart eine Anekdote, die fassungslos macht. In einer Sitzung versuchte ein leitender Notarzt, den „Fall Drobeck“ vor Kommunalpolitikern einzuordnen. Er suchte nach einem Bild für den Frevel, den ein Sanitäter begeht, wenn er ohne ärztliche Erlaubnis eine Nadel legt und einem Patienten hilft. Er fand einen Vergleich, der jeden moralischen Kompass vermissen lässt: Er setzte die eigenmächtige Hilfeleistung rhetorisch mit sexuellem Missbrauch gleich. Der Retter als Täter, der in die Hoheit des Arztes eindringt. Wer so denkt, führt einen Glaubenskrieg.
In diesem Klima verwundert es kaum, dass Andreas Drobeck in Landshut keinen Fuß mehr auf den Boden bekommt. Bewerbungen laufen ins Leere. „Kein Bedarf“, heißt es offiziell, während dieselben Organisationen im Internet händeringend Personal suchen. Hinter vorgehaltener Hand erfährt man die Wahrheit: Es gibt möglicherweise Handschläge zwischen Politikern und Betreibern, die garantieren, dass der Name Drobeck auf keinem Dienstplan auftaucht. Die Angst vor dem Zweckverband wiegt schwerer als der Fachkräftemangel.
Dabei wollte Drobeck nie Rache, sondern Recht. Zu einem Geburtstag schenkten ihm Freunde einst eine Voodoo-Puppe, beschriftet mit dem Namen seines größten Widersachers Königer. Es sollte ein Scherz sein, ein Ventil für die Wut. Doch Drobeck nahm die Puppe nie aus der Verpackung. Er stach keine Nadeln hinein. Er führte den Kampf mit Paragrafen, nicht mit Flüchen. Als Königer im Alter von 56 Jahren überraschend starb, blieb der Triumph aus. Zurück blieb nur eine seltsame Leere, denn der Gegner war fort, aber das System blieb bestehen. Der Tod des Kontrahenten machte die Geschichte nur tragischer, anstatt besser. Es zeigte die Endlichkeit aller Beteiligten in einem unendlichen bürokratischen Krieg.
Der Preis für diesen Kampf beziffert sich in Lebensfreude. Andreas Drobeck zahlte mit seiner Gesundheit: Burnout, Belastungsreaktion, ein Jahr Stille, Therapie und Wiederaufbau. Er funktionierte nur noch, die Freude war verschwunden – wie in dem Film „Alles steht Kopf“, wo die Figur der Freude einfach nicht mehr da ist. Er lernte schmerzhaft, dass Recht zu haben und glücklich zu sein nicht dasselbe ist.
Heute arbeitet er wieder. Er fährt Einsätze, er bekommt sein Gehalt. Er schreibt ein Buch, das als Protokoll eines Systemversagens dient und vom Recht, helfen zu dürfen handelt. Doch zwischen den Zeilen liest man vom Unrecht, daran zerbrechen zu müssen. Er studiert „Leadership“, er schreibt Konzepte für Berlin, er verändert Gesetze auf Bundesebene mit. In der Hauptstadt hört man ihm zu, dort klatschen sie Beifall. Doch wenn er abends nach Hause fährt, vorbei an den Ortsschildern seiner Heimat, empfängt ihn das Schweigen. Die Mauern, die die alten Seilschaften errichtet haben, ragen höher als jeder juristische Sieg.
Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass sich Mut lohnt, aber auch kostet. Dass man Selbstachtung gewinnt, aber Zugehörigkeit verliert. Die Situation in Bayern stagniert in einer toxischen Mischung aus Trotz und Tradition zu Lasten eines jeden Notfallpatienten. Während in anderen Bundesländern Notfallsanitäter und Notärzte auf Augenhöhe arbeiten, klammert sich der Freistaat an seine Hierarchien.
Andreas Drobeck blickt in den Spiegel und muss sich nicht schämen. Das unterscheidet ihn von vielen, die ihn ablehnen. Er steht aufrecht, auch wenn er innerlich zittert. Er hat den Stall ausgemistet. Dass es dabei stinkt, liegt nicht an ihm, sondern an der Jauche, die über Jahrzehnte in den Boden gesickert ist. Vielleicht wird eine neue Generation von Notfallsanitätern irgendwann ganz selbstverständlich Schmerzmittel geben, ohne zitternde Hände und ohne den Blick zur Tür, ob der Notarzt hindurchspaziert. Sie werden nicht wissen, wem sie diese Freiheit verdanken. Andreas Drobeck wird dann vielleicht irgendwo sitzen, weit weg von Landshut, und seinen Frieden gefunden haben. Bis dahin bleibt er der verbrannte Retter – und Mahnmal dafür, dass in diesem System derjenige bestraft wird, der seinen Job zu gut machen will.
Mehr zum Fall Drobeck findet ihr hier und hier.
Bildquelle: Albert Stoynov, Unsplash