KOMMENTAR | Husten und Schniefen überall: Die Erkältungssaison hat uns fest im Griff. Wer sich den Ausfall nicht leisten kann, muss sich irgendwie aufputschen. Doch wem hilft das eigentlich?
Wir kennen sie alle, die kleinen Alltagshelferchen, zu denen man greift, wenn eigentlich nichts mehr geht – man aber noch muss. Das große Event, das seit Monaten geplant ist; der Vortrag, der so lange in Vorbereitung war; die Hochzeit des besten Freunds, bei der man Trauzeuge ist. Dabei ist dieses „Muss“ natürlich ein subjektiv empfundenes – beziehungsweise ein internalisiertes. Denn grundsätzlich gilt (oder sollte gelten): Gesundheit geht vor. Das heißt auch: Krank ist krank.
„… dass diese Erkältung aber auch genau jetzt kommt!“, haben wir wohl alle schon mal gedacht. Klar darf man sich ärgern, wenn der eigene Körper einem einen Strich durch die Rechnung macht – doch Krankheiten kommen nie gelegen. Ob man berufliche Ansprüche oder gesellschaftliche Erwartungen über die eigene Genesung stellt, sei jedem selbst überlassen. Hier stellt sich dann die Frage: Kann ich es mir leisten, krank zu sein? Und wer diese Frage stellt, muss auch fragen: Wer profitiert davon, wenn ich es unterdrücke?
Gerade im beruflichen Setting nutzen viele diese Antriebshelfer, Erkältungs-Steroide oder – wie ich sie gern nenne – Performance-Medikamente. Warum denn auch nicht – wenn man schon krank sein muss, muss es einem ja nicht auch noch schlecht gehen, oder? Doch was das tatsächlich bedeutet: Arbeitnehmer unterdrücken mit diesen Performance-Medikamenten ihre Symptome, um krankheitsbedingte Ausfälle zu vermeiden oder verkürzen. Dieses Phänomen ist auch unter dem Begriff Präsentismus bekannt.
Gegen diese Logik ist nichts einzuwenden, wäre da nicht die Crux, dass man sich durch diese Mittelchen gesünder fühlt, als man eigentlich ist. Das erschwert es, die eigenen Grenzen wahrzunehmen – und nicht versehentlich zu überschreiten, weil wir unserem durch Schmerzmittel und Koffein betäubten Körper unbemerkt mehr Leistung abverlangen, als er eigentlich leisten kann. Und wer sich zu früh wieder Sport und alltäglicher Belastung aussetzt, ebnet den Weg für verschleppte Infekte und Superinfektionen und riskiert zudem seine Herzgesundheit, warnt die Deutsche Herzstiftung.
Kombipräparate oder Einzelmittel mit Paracetamol, Ibuprofen oder Acetylsalicylsäure (ASS) helfen bei Fieber und Schmerzen, Pseudoephedrin oder Phenylephrin bei einer verstopften Nase und Dextromethorphan bei Reizhusten, während Schleimlöser bei produktivem Husten Sekret verflüssigen. Alle haben sie gemeinsam, dass sie die Genesung nicht beschleunigen, sondern lediglich die Symptome besser ertäglich machen. Kränkelnde fühlen sich fitter, als sie tatsächlich sind, überschätzen sich leicht und gönnen sich oft nicht genug Ruhe zur Genesung.
Eine ausführliche Einordnung, bei welchen Mitteln es sich um cleveres Marketing handelt und welche Hausmittel ihr stattdessen in Erwägung ziehen solltet, findet ihr außerdem hier.
Was also tun, wenn Mitte November das halbe Wartezimmer voll ist mit schniefenden, hustenden Patienten? Nach welchen Kriterien entscheidet man, wer nach Hause gehört und wer mit Nasenspray – und der Anweisung, es nur kurzzeitig einzusetzen – bereits bestens versorgt ist? Wie viel Eigenverantwortung traut man Patienten zu? Und wie viel Verantwortung trägt man für erwachsene Menschen? Und täte es nicht auch ein aufklärendes Poster im Wartezimmer?
Hausarzt Dr. Tim Knoop beschreibt die ärztliche Entscheidungsfindung wie folgt:
„Erkältungskrankheiten sind in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle viral bedingt und heilen von selbst aus; von 100 Patienten benötigt gefühlt eine Person tatsächlich ein Antibiotikum. Die zentrale ärztliche Abwägung besteht daher in der Regel darin, zu entscheiden, ob ein bakterieller Infekt vorliegt – und damit, ob ein Antibiotikum notwendig ist. Gerade in den ersten Tagen einer Erkältung ist es medizinisch sinnvoll, zuhause zu bleiben: zur eigenen Schonung und um andere nicht anzustecken. Diese Phase lässt sich in der Regel gut in Eigenverantwortung bewältigen. Ärztliche Konsultationen werden dann wichtig, wenn Warnzeichen auftreten, sich der Zustand deutlich verschlechtert oder besondere Risikofaktoren, etwa hohes Alter oder Vorerkrankungen, bestehen.“
Knifflig seien laut Knoop vor allem die gesellschaftliche und ökonomische Dimension:
„Erkältungspatienten machen einen großen Teil der hausärztlichen Versorgung aus. Unter den aktuellen Vergütungsstrukturen sind sie wirtschaftlich relevant für Praxen. Gleichzeitig wäre es aus gesamtgesellschaftlicher Sicht vermutlich sinnvoller, wenn viele Menschen zunächst tatsächlich zuhause blieben und abwarteten – ein Spannungsfeld, das selten offen benannt wird. Dazu mal eine interessante und konfliktive These: Lässt man Patienten mit Erkältungen komplett allein, landen sie oft in der Apotheke und bekommen dort die teuersten „Grippemittel“ verkauft, die sie medizinisch nicht brauchen. Das schadet weniger der Gesellschaft – aber durchaus dem Geldbeutel.“
Erkältungsmedikamente können die Symptome kurzfristig reduzieren, um leistungsfähig zu bleiben – doch die Genesung beschleunigen sie nicht. Eine Erkältung ist und bleibt eine Belastung für den Körper; Ruhe, Schlaf und viel Flüssigkeit sind daher essenziell. Und, einmal etwas provokant gedacht: Würden Arbeitgeber und Gesundheitssystem nicht mehr Kosten sparen, wenn Arbeitnehmer sich wenige Male in Ruhe – sprich: fernab der Arbeit – auskurieren, anstatt sich halb gesund von Infekt zu Infekt zu schleppen? Arbeiten im Krankenstand ist mit einem erhöhten Risiko für chronische Ermüdung verbunden, wie eine im Journal of Occupational Health Psychology veröffentlichte Studie eindrücklich nachweist. Selbst mit Performance-Medikamenten gilt also: Produktives Arbeiten erfordert Gesundheit.
Bildquelle: Nicate Lee, Unsplash