TEIL 2 | Kennt ihr diese Menschen, die jeden Aspekt ihres Lebens unter Kontrolle haben? Im Medizinstudium sind gefühlt all meine Kommilitonen so. Warum verzerrte Vergleiche niemanden glücklich machen.
Das laute Summen der Kaffeemaschine gleicht Engelsstimmen im Himmel. Müde schaue ich in den kleinen Spiegel in der Küche und schrecke zusammen. Um Himmels willen, meine Augenringe sind so groß wie LKW-Räder. Und meine Haare sehen genau so aus, wie sie vermutlich riechen. „Guten Morgen!“, zwitschert meine neue Kollegin in die Küche und gießt sich heißen Tee auf. Sobald sie den Raum betritt, riecht es nach Jasminblüten und Schönheit. „Morgen“, antworte ich grummelig und erwische mich dabei, wie ich neidisch ihre perfekt sitzende Lockenfrisur begutachte.
Meine Kollegin, nennen wir sie mal Jolene, hat ihr Leben komplett im Griff. Sie ist fachlich kompetent, selbstbewusst und wird von allen gemocht. In ihrer Freizeit geht sie zum Pilates, macht Kraft- und Ausdauertraining, arbeitet in einem Café, bringt ehrenamtlich Kindern mit Lernproblemen das Lesen bei, reist gefühlt jede Woche in eine andere Stadt zu anderen Freunden, ist bei jeder Party dabei und sieht dabei noch perfekt aus. Jolene ist dabei kein Einzelfall. Auch meine Freunde – die meisten von ihnen Medizinstudenten – meistern jeden Aspekt ihres Lebens. Denn heutzutage bedeutet das Medizinstudium nicht nur, klinisch alles zu meistern, sondern auch alle anderen Aspekte seines Lebens. Alle gehen zum Sport und halten sich fit, alle haben einen großen sozialen Kreis, alle versuchen, nicht knapp zu bestehen, sondern mit Bestnote. Und alle scheinen es hinzukriegen. In sozialen Medien nennt man solche Menschen „Overachiever“: Menschen, die in jedem Lebensbereich mehr leisten, als von ihnen erwartet wird – oft über die eigenen Grenzen hinaus. Und davon haben wir im Medizinstudium anscheinend mehr als genug.
Eigentlich geht mich das alles nichts an, aber wenn wir mal ehrlich sind: Das tut es irgendwie schon. Denn wenn alle anderen ihre Doktorarbeit im Studium beginnen, dann werde ich ganz bestimmt nicht als Letzte damit anfangen. Und wenn alle anderen plötzlich für einen Marathon trainieren, dann denke ich auch darüber nach, meine Laufschuhe auszupacken. Es geht nicht mehr darum, besser zu sein. Es geht darum, mithalten zu können. Dieser konstante Druck, der auf mir lastet, treibt mich manchmal in die Verzweiflung. Sobald ich einen Bereich halbwegs gut hinbekomme, lässt etwas anderes nach. Performen, abliefern, perfekt sein – aber dafür unglücklich? Denn in allem perfekt sein zu wollen, bedeutet, noch nicht gut genug zu sein. Und das nagt gewaltig am Selbstwertgefühl.
Vielleicht sind es wirklich die verdammten sozialen Medien, vielleicht ist es ein Wandel der Gesellschaft. Aber einen so großen Druck, mithalten zu müssen und perfekt zu sein, verspüre ich nur in Medizinerkreisen. Ich bin eine von den wenigen, die – glücklicherweise – auch Freunde aus anderen akademischen und nicht-akademischen Kreisen hat. Und wenn ich mich mit diesen Freunden austausche, dann merke ich erst, wie stark ich selbst eigentlich im Leben abliefere. Ein kleines Beispiel: Regelmäßig zum Sport zu gehen und auch fit auszusehen ist in Medizinerkreisen mittlerweile normal. Für meine Freunde außerhalb des Studiums ist das eine absolute Höchstleistung.
Und auch alle anderen Punkte, die für mich mittlerweile selbstverständlich geworden sind, lösen bei anderen Menschen tiefe Bewunderung und Staunen aus. „Du machst nebenbei noch deine Doktorarbeit?“, „Wie, du studierst Medizin und gehst arbeiten?“, „Wie schaffst du es denn bitte Zeit zu haben für Partys und Geburtstage?“ – alles Aussagen, die mir den Spiegel vor mein Gesicht halten. Denn auch ich meistere in den Augen anderer scheinbar jeden Aspekt meines Lebens. Und so kommen wir zur gleichen Pointe wie bei meinem letzten Blogartikel: Sprecht darüber, tauscht euch aus. Denn meine Medizinerfreunde haben genau die gleichen Gedanken und Gefühle, sogar Jolene. „Du denkst, ich kriege alles hin? Das gleiche denke ich mir bei dir ständig!“, offenbarte sie mir letzte Woche. „Ich habe immer noch keine Doktorarbeit gefunden und du bist schon bei der Auswertung. Respekt!“. Ja, in der Tat Respekt. Aber nicht, weil mir – und euch – so viel gelingt.
Respekt, wenn ihr euch traut, diese Gefühle anzusprechen.Respekt, wenn ihr euch verletzlich zeigt.Und allergrößten Respekt, wenn ihr auch mal scheitern könnt – und euch selbst trotzdem lieb habt.
Bildquelle: Habila Mazawaje, Unsplash