TEIL 1 | Immer wieder fühlt es sich so an, als hätte ich mich durchs Studium gemogelt. Wann der Vergleich mit anderen anspornen kann – und wann er an der eigenen Kompetenz zweifeln lässt.
Nach sechs Jahren Studium würde man meinen, dass man sich halbwegs sicher fühlt, bald eigene Patienten zu betreuen. Aber wenn ich daran denke, dreht sich mir ehrlicherweise der Magen um. Denn ich fühle mich weder bereit, die Approbation zu erhalten noch sie zu verdienen. Ich fühle mich eher so, als hätte ich mich durch das Studium irgendwie gewieft durchgeschummelt – und würde bald spektakulär damit auffliegen.
Im heutigen Zeitalter ist den meisten der Begriff „Imposter-Syndrom“ geläufig. Er beschreibt das Gefühl, man habe sich seinen Platz – sei es im Studium, auf der Arbeit, oder sonst wo – klug ergaunert. Doch in Wahrheit ist man der Beförderung, dem neuen Jobangebot oder dem Titel gar nicht würdig, und wartet nur darauf, bald in seiner Unfähigkeit ertappt zu werden. Ich habe dieses Gefühl häufig – wenn ich ehrlich bin, sogar ständig. Denn ich finde immer irgendeinen Grund, an meiner fachlichen Kompetenz zu zweifeln. Und dass, obwohl ich eigentlich weiß, dass ich ein kluges Köpfchen mit einem großen Auffassungsvermögen bin. Aber wenn mir ein EKG vor die Nase gelegt wird und ich nicht direkt den Rechtsschenkelblock erkenne, dann fühle ich mich schlicht und einfach blöd.
… sagte einst ein weiser Mann (peinlich, ich weiß nicht mehr, wer). Aber das Problem ist: Ich weiß auch, dass es andere manchmal besser wissen als ich. Ich erinnere mich an eine Situation – ich war frisch aus der Vorklinik raus – da besuchten eine Freundin und ich unseren Kumpel im Auslandssemester. Er erzählte von einer neuen Kommilitonin, die er dort kennen gelernt hat. „Ich weiß nicht, ob es an ihrer Uni liegt, aber die hellste Kerze ist sie nicht. Wir haben über Asystolie gesprochen und sie wusste nicht, dass man da nicht schocken kann. Wie dumm kann man sein?“, erzählte er kopfschüttelnd. „Das ist heftig“, sagte unsere Freundin. Ich erwiderte nichts. Denn auch ich kannte damals noch nicht den Unterschied zwischen defibrillierbaren und nicht defibrillierbaren Rhythmen.
Nach der Situation habe ich mich tagelang minderwertig gefühlt. Ich habe an mir selbst gezweifelt. Ich dachte, dass mich mein gutes Gedächtnis und meine schnelle Anpassungsfähigkeit zwar bis hierhin getragen haben, ich aber eigentlich doch nicht wirklich Ahnung von Medizin habe. Als ich mich dann bei jener Freundin öffnete und von meinen Sorgen und Minderwertigkeitsgefühl berichtete, fing sie nur laut an zu lachen. Total unempathisch von ihr? Im Gegenteil, wie sich kurz darauf herausstellte: Auch meine Freundin wusste zu dem Zeitpunkt nicht, dass man eine Asystolie nicht schockt. Und auch ihr war es sehr peinlich, aber sie hat sich nicht getraut, nachzufragen. Denn damit würde sie offenbaren, dass sie eine Hochstaplerin ist.
Seitdem spreche ich meine Gefühle und Ängste offen an. Und je mehr ich mit anderen darüber rede, desto mehr finde ich heraus, dass die meisten die gleichen Gedanken und Gefühle wie ich haben. Mein Rat: Sprecht darüber, tauscht euch aus. Und anstatt sich immer nur mit Leuten zu vergleichen, die es mal besser wissen, könnt ihr euch auch mal getrost auf die Schulter klopfen, wenn ihr etwas besser wisst.
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