Prostitution nutzt Notlagen aus und befeuert sexualisierte Gewalt gegen Frauen, so Experten. Viele Länder gehen mit dem Nordischen Modell schon lange dagegen an. Wann zieht Deutschland nach?
Es geht unter die Haut und ist stellenweise kaum auszuhalten, was Huschke Mau unter einem Pseudonym aus ihrem früheren Leben berichtet. Heute, mit Anfang 40 und mittlerweile als promovierte Historikerin, veranstaltet die Aktivistin bundesweit Lesungen aus ihrem Buch „Entmenschlicht – warum wir Prostitution abschaffen müssen“. Es berühre sie negativ, wenn sie immer nur als die Ex-Prostituierte gesehen wird. Aber gerade ihre Vorgeschichte ist es, die ihr Anliegen so authentisch macht. Sind wir bereit für das Nordische Modell, also eine strafrechtliche Ahndung der Inanspruchnahme bezahlter sexueller Leistungen, die in Deutschland jeder vierte Mann tätigt?
Die freiwillige Ausübung der Prostitution durch Erwachsene sowie die Nachfrage sind in Deutschland erlaubt. Das Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG) ist 2017 in Kraft getreten. Laut Statistischem Bundesamt waren Ende 2024 etwa 32.300 überwiegend weibliche Prostituierte angemeldet, davon hatten 5.603 die deutsche Staatsangehörigkeit. Rund ein Drittel der angemeldeten Prostituierten besitzen die rumänische Staatsangehörigkeit. Statistische Daten, wie viele Menschen tatsächlich in der Prostitution tätig sind, gibt es nicht und man geht von einer hohen Dunkelziffer von schätzungsweise 400.000 oder mehr aus.
Kernelemente des Gesetzes sind eine Anmeldepflicht, eine regelmäßige gesundheitliche Beratung und Kondompflicht. Bei Zuwiderhandlung drohen Bußgelder. Weiterhin unterliegt ein Prostitutionsgewerbe einer Erlaubnispflicht, Ende letzten Jahres waren 2.250 registriert. Deutschland gilt wegen seiner liberalen Gesetze auch als das „Bordell Europas“. Laut dem LKA-Beamten Fink ist das keine Übertreibung: „Das ist tatsächlich so. Wir sind in Europa das Land, in dem die Prostitution am weitesten verbreitet ist“.
Das Nordische Modell wurde 1999 in Schweden eingeführt und mittlerweile auch in Norwegen, Island, Kanada, Frankreich, Irland, Nordirland und Israel umgesetzt. Es beruht – je nach Land – auf drei oder vier Säulen, wie Liane Bissinger, die als Gynäkologin in einer Gesundheitsbehörde Frauen in der Prostitution betreut hat, in einem Interview erläutert:
Das immer wiederkehrende Argument der Freiwilligkeit entkräftet Bissinger so:
„In öffentlichen Auftritten zeichnet eine kleine Minderheit von deutschsprachigen, gebildeten, privilegierten und sozialversicherten Frauen dieses Bild, um ihre „Arbeit“ zu rechtfertigen. […] sie repräsentieren keinesfalls die überwältigende Mehrheit. Für mich ist Prostitution weder Sex noch Arbeit, sondern Gewalt und Entwürdigung. Wir wissen aus Studien […], dass die meisten Prostituierten in ihrer Vorgeschichte traumatisiert wurden – psychisch, sexuell oder durch Verwahrlosung in der Kindheit.“
Auch Huschke Mau sieht als Grund in mehr als 90 Prozent der Fälle psychischen und finanziellen Druck, der Menschen dazu bringe, den eigenen Körper zu verkaufen. Andere befürchten unter dem Nordischen Modell eine Abwanderung von Prostitution in die Illegalität, doch das sei ohnehin bei einer so hohen Dunkelziffer schon längst der Fall und fordere geradezu eine strengere Reglementierung, so die Gegenposition. „Ein schlimmeres Dunkelfeld als hier in Deutschland kann ich mir nicht vorstellen. Es gibt hier so viele nicht angemeldete Frauen, die Opfer von Menschenhandel sind“, so Bissinger.
Eine aktuelle Studie des Rechtswissenschaftlers Dr. Jakob Drobnik von der Universität Erfurt belegt die Wirksamkeit des Nordischen Modells: Die Identifikation von Opfern sexueller Ausbeutung verbessert sich durch das Nordische Modell erheblich, sodass in Schweden die Effizienz der Strafverfolgung messbar angestiegen ist. Auch in Frankreich hat sich die Zahl der ermittelten Opfer von Menschenhandel deutlich erhöht. Besonders wirksam seien dort Ausstiegsprogramme mit Erfolgsquoten von rund 95 Prozent.
Ein weiterer Effekt besteht in der Schwächung von organisierter Kriminalität, denn Zuhälter und Menschenhändler erfahren durch das Verbot und die damit entstehende sinkende Nachfrage massive finanzielle Einbußen. Auch das gesellschaftliche Bewusstsein verändert sich. So lehnen in Schweden über 72 Prozent der Bevölkerung den Kauf sexueller Handlungen ab, in Norwegen sind es 65 Prozent und in Frankreich sogar 78 Prozent.
Für eine legale Prostitution wird häufig deshalb argumentiert, damit weniger sexualisierte Gewalt gegenüber anderen Frauen erfahrbar wird. Dem widerspricht die Gynäkologin Liane Bissinger: „Wenn ich das höre, muss ich zweimal tief durchatmen. Wollen wir wirklich ein solches Männerbild mittragen und davon ausgehen, dass Männer grundsätzlich ihre Triebhaftigkeit nicht kontrollieren können? […] Ich habe ein ganz anderes Bild von Männern. Das schwedische Modell hat außerdem gezeigt, dass das Gegenteil der Fall ist: Vergewaltigungen werden in Schweden seltener. Nur die Anzeigen von Vergewaltigungen nehmen zu, weil betroffene Frauen dort mehr Unterstützung erhalten und kein Victim Blaming mehr stattfindet.“ Statistisch gesehen nimmt die Anzeigebereitschaft in Ländern des Nordischen Modells zwar zu, aber Angaben über eine tatsächliche Abnahme sexualisierter Gewalt außerhalb von Prostitution gibt es aufgrund der hohen Dunkelziffern, die überall in Europa existieren, naturgemäß nicht.
Mitarbeiter im Gesundheitswesen sollten aufmerksam sein für medizinische Probleme, die sich aus der Prostitution ergeben. Hier geht es vor allem um sexuell übertragbare Krankheiten (STD) wie Chlamydien, Gonorrhö (Tripper), Lues (Syphilis), Hepatitiden, HPV oder HIV, wie die Infektiologin Dr. Nazifa Qurishi erläutert. Neben der Prävention wie ausschließlicher Kondomverkehr, Impfungen gegen Hepatitis und HPV oder HIV-Präventionsmedikamente (PreEP), stehen regelmäßige Testungen und adäquate Therapien im Vordergrund.
Problematisch seien eine große Dunkelziffer, häufig fehlende Krankenversicherungen und betroffene Minderjährige. Eine erschreckende Auflistung von somatischen Beeinträchtigungen gibt Liane Bissinger in ihrer Stellungnahme für das Nordische Modell. Weiterhin problematisch sind die Versorgung mit Kontrazeptiva und resultierende Schwangerschaftskonflikte. Außerdem wird die gesetzlich vorgeschriebene Kondompflicht oftmals nicht eingehalten, was Gesundheitsrisiken fördert. Die psychischen Folgen von Prostitution und Menschenhandel sind erheblich und es bestehen erhöhte Erkrankungsrisiken u. a. für Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS), Depressionen, Angst- und Abhängigkeitserkrankungen (hier).
Für Huschke Mau, die zehn Jahre lang Betroffene war und 2018 das Hilfs-Netzwerk Ella gegründet hat, gibt es an der Notwendigkeit des Nordischen Modells keinen Zweifel:
„In Ländern mit Nordischem Modell gehen Menschenhandel, Zuhälterei und Zwangsprostitution deutlich zurück – vor allem durch die gesunkene Nachfrage. Wo weniger Freier aktiv sind, lohnt sich Prostitution wirtschaftlich nicht, und damit verschwinden auch Zwangsprostitution und Menschenhandel […]. Das Modell schützt nicht nur Betroffene, sondern verhindert, dass neue Opfer entstehen: Wo niemand kauft, wird auch niemand verkauft.“
Auf die Frage, wie wir als Außenstehende Einfluss nehmen können, ermutigt sie zur persönlichen und politischen Stellungnahme für das Nordische Modell. Außerdem benötigen Prävention und Ausstiegshilfen finanzielle Förderungen. Wie stehen wir dazu?
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