Fische röntgen, Fazit zum Werwolfsyndrom und Phagen-Cocktails – darum ging es beim diesjährigen BPT-Kongress. Wir waren vor Ort und haben uns angeschaut, was Tierärzte aktuell beschäftigt.
Woran sieht man, dass eine Stadt einen Tierärztekongress veranstaltet? Wohl daran, dass viele Menschen mit Hunden in das Rhein-Main-Kongresscenter in Wiesbaden strömen – wie auch beim diesjährigen bpt-Kongress (Bundesverband Praktizierender Tierärzte) letzte Woche. Der erste Eindruck blieb tierisch: Im Foyer präsentierten sich großformatige Bilder der Künstlerin Tina Paulus von Kühen, Hühnern und Katzen in knalligen Neonfarben und in Messehalle und Vortragsräumen tummelten sich neben den Besuchern auch ihre vierbeinigen Begleiter.
Zum etwas ruhigeren Kongressstart berichtete Tierarzt Fritz Karbe davon, wie er sich neben der Kleintierpraxis einen Patientenstamm in der Fischheilkunde aufbauen wollte. Er besaß Erfahrung in der Wildtiermedizin und bildete sich fort, arbeitete eine Zeit für ein großes Aquarium, um praktische Erfahrung zu sammeln, und wollte dann voll loslegen mit der Behandlung von Fischen – doch der Ansturm blieb aus. Trotzdem wollte er die anwesenden Tierärzte ermutigen, sich diesem spannenden Fachgebiet zu widmen. Es sei zwar eine sehr kleine Nische, fachlich aber durchaus interessant. Die benötigte Ausstattung hält sich außerdem in Grenzen: ein Mikroskop zur Untersuchung von Abstrichproben (Kiemen und Schuppen), eine Möglichkeit zum Testen der Wasserqualität (Tröpfchentest oder photometrisches Gerät) und Mittel, mit denen man den Fisch in eine leichte Narkose versetzen könne (Nelkenöl, Phenoxyethanol) – das erleichtere jede Form von Untersuchung. Die häufigsten Befunde sind laut Karbe Parasiten (Kiemensaugwurm, Hautsaugwurm), aber auch Infektionskrankheiten wie das Koi-Herpesvirus und das Carp Edema Virus.
Er empfiehlt Koi-Haltern einen Herbst-Check, ähnlich wie bei Schildkröten, da sich Erkrankungen meist nach dem Winter bei den Tieren bemerkbar machen. Meistens fahre er zu den Haltern, aber es könne auch mal nötig sein, ein Tier in der Praxis zu röntgen, um beispielsweise Probleme mit der Schwimmblase festzustellen – oder, wenn ein Fisch zu viel Kies aufgenommen hat. Der Trend gehe bei Fischhaltern aber generell eher in die Richtung, viel mithilfe des Internets selbst zu diagnostizieren und auch eigenständig zu behandeln. Karbe bedauert, dass die Sachkunde bei Haltern von Zierfischen im Gegensatz zu Anglern oder gewerblichen Züchtern nicht gut reguliert ist. Für die Tötung von Wirbeltieren beispielsweise, so steht es im Tierschutzgesetz, müssen entsprechende Kenntnisse und Fähigkeiten vorhanden sein. Diese müssen aber nur im Falle einer berufs- oder gewerbsmäßigen Tätigkeit mit einem Sachkundenachweis belegt werden.
In einem zweiten Vortrag berichtete Katrin Baumgartner davon, wie sie im Tiergarten Nürnberg daran arbeiteten, stetig die Haltung und Versorgung der dort gehaltenen Wildtiere zu verbessern. Artenschutz, Forschung und Bildung seien zwar die Schwerpunkte in der Zoo-Medizin – man arbeite aber auch ständig daran, den Tierschutz voranzutreiben. Dafür sei es vor allem wichtig, mehr wissenschaftliche Daten über das Verhalten der diversen Tierarten dort zu generieren, um ihre Bedürfnisse besser verstehen zu können. Sie beschrieb die Haltung der Delfine in Nürnberg, wie das Wasser gefiltert und jede Woche analysiert werde (das Meer habe durch die Schadstoffbelastungen deutlich schlechtere Wasserqualität), wie sie Akustikmessungen betrieben, um die Lärmbelästigung der Tiere auf ein Minimum zu reduzieren und wie sie es schaffen würden, die Tiere mittels Training alle drei Monate einem Gesundheitscheck zu unterziehen.
Bei den Vögeln gebe es mittlerweile die Möglichkeit, Corticosteronmessungen in abgeschnittenen Federn zu untersuchen, um die Stressbelastung zu überprüfen. Hierdurch hätten sie schon einige spannende Erkenntnisse gehabt, wie etwa, dass Flamingos gar nicht gerne mit Kranichen vergesellschaftet würden, ihnen die Gruppengröße egal zu sein scheint und eine Flugunfähigkeit sogar ein gewisses Stresspotenzial wegnehme. Auch kämen mittlerweile vermehrt Aktivitäts-Tracker, wie man sie in Smartwatches findet, bei z. B. Seekühen oder Harpyien zum Einsatz. So könnten Erkenntnisse über Aktivität, Schlaf und Bewegung gewonnen werden.
Im Themenblog Praxismanagement ging es vor allem um Mitarbeiterführung. Im Vortrag von Bibiana Wünsch wurde Macht im Arbeitskontext beleuchtet und über ihren produktiven und sinnvollen Einsatz gesprochen. Sie erzählte, wie wichtig die Kooperationsbereitschaft von Mitarbeitern sei, wie man diese stärke und warum man „Single Points of power“ vermeiden und Macht in einer Praxis lieber breit verteilen sollte. Auch im Vortrag von Kathrin Siemer ging es vor allem um Führung und warum diese die psychische Gesundheit aller Beteiligter so stark beeinflusse. Tierärzte hätten bereits viele belastende Faktoren in ihrem Arbeitsalltag und mit empathischer und klarer Führung könne der Arbeitgeber hier deutlich gegenlenken. Die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers gegenüber seinen Mitarbeitern gelte in Anbetracht des Arbeitsschutzes nicht nur für den Körper, sondern auch für die Psyche. „Psychische Gesundheit ist keine Privatsache, die man nach Feierabend wegmeditiert“, so die Dozentin. In der anschließenden Diskussion wird klar: Die anwesenden Referentinnen würden sich wünschen, dass Tierärzte der Führung ihrer Mitarbeiter mehr (zeitliche) Aufmerksamkeit schenken und betonten, dass schlechte Führung auch ein Aspekt des herrschenden Nachwuchsproblems sei. Einige anwesende Tierärzte schienen aber ratlos zu sein, wie sie neben der tierärztlichen Tätigkeit noch strategisch, buchhalterisch und im Personalmanagement tätig werden sollten oder wie man es sich finanziell leisten könne, diese Aufgaben künftig auszulagern.
Direkt im ersten Vortrag an Tag zwei klärte Nina Meyerhoff zum Werwolfsyndrom auf, das die Tierärzteschaft vor allem Anfang des Jahres beschäftigte (DocCheck berichtete). Im ganzen Land fielen Hunde mit Jaulen, Fluchtverhalten, Inkontinenz, generalisierten Krampfanfällen und Ataxien auf. Die Tierärztliche Hochschule Hannover erfasste die Fälle und wertete sie wissenschaftlich aus. Ziemlich schnell bestand der Verdacht auf eine Intoxikation, da oft mehrere Tiere eines Haushalts betroffen waren und dank gut geführter Tagebücher einiger Besitzer, konnte ein zeitlicher Zusammenhang mit der Fütterung bestimmter Kauartikel hergestellt werden. Toxikologische Analysen und Recherchen lenkten den Verdacht auf 3-Nitropropionsäure, Methylguanidin oder das Bleichmittel Methionin-Sulfoximin und schnell rückte eine bestimmte Charge von Kauknochen aus China in den Fokus. Später konnte die Zooplus AG laut Meyerhoff letzteren Stoff auch in den Kauartikeln nachweisen, einen genauen Bericht habe die Hochschule aber nie erhalten. Therapeutisch sprachen die Tiere recht gut auf Anxiolytika und Antikonvulsiva an, außerdem zeigte sich ein Erfolg bei Einstellen der Kauartikel-Fütterung. Von den begleiteten 60 Hunden mussten am Ende zwei euthanasiert werden. Vier behielten Residualsymptome nach der Therapie (z. B. Ängstlichkeit, evtl. durch Verknüpfung mit bestimmten Reizen).
Bei einem Vortrag von Anna Paulina Menzel drehte sich alles um die Hyperthyreose der Katze. Die Referentin betonte zum einen den alten Grundsatz, dass zu einer Diagnose neben veränderten Schilddrüsenwerten auch immer klinische Symptome gegeben sein müssten und berichtete zum anderen von den Erfolgen der Radiojodtherapie bei der Katze. So konnten sie an der Hochschule nachweisen, dass diese gegenüber einer täglichen Medikamentengabe zu einer deutlich verbesserten Lebensqualität der Tiere führte und argumentieren, dass auch die Kosten gerechnet auf die Lebenszeit vergleichbar seien. Auch wenn nur wenige Tierkliniken die Therapie anbieten, lohne sich die Abwägung für die Besitzer und die Tiere.
Eva Maria Kalbhenn und Babette Klein vom Phagenzentrum Bad Kissingen, einer Institution der Laboklin GmbH, stellten die Phagentherapie als Behandlungsoption gegen multiresistente Bakterien vor. Momentan wende man die Phagen-Cocktails nur lokal und nicht systemisch an und das vorherige Erstellen eines Phagogramms sei unerlässlich. Bisher können Tierärzte die Phagentherapie nur im Rahmen eines Heilversuches in Eigenregie anwenden und müssen hierfür einen Therapienotstand feststellen. Die Referentinnen berichten von 20 durch sie begleitete Therapien und veranschaulichen das Vorgehen anhand eines typischen Behandlungsverlaufes. So müsse vorher mit Antibiotika therapiert werden, bei ausbleibendem Erfolg könne dann die Phagentherapie durchgeführt werden. Hierfür muss der Erreger bestimmt und die passenden Phagen hergestellt werden. Der entstandene Phagencocktail wird dann über 5 bis 12 Tage mehrmals täglich appliziert. Anschließend muss eine erneute Antibiotika-Behandlung erfolgen. Hier sei ein engmaschiges bakteriologisches Management unerlässlich. Vor allem chronische Otitiden und Wunden konnten laut der Referentinnen so schon erfolgreich behandelt werden.
Natürlich gab es noch viele andere spannende Themen beim diesjährigen bpt-Kongress – von der Verantwortung der Tierärzte und Landwirte bei der Einrichtung von „Food defence Systemen“ in Anbetracht drohender kriegerischer Angriffe (Referent Jörg Schulenburg: „Agroterrorismus existiert!“), über Diskussionen zur neuen Gebührenordnung für Tierärzte (viele Praktiker scheinen recht unzufrieden mit dem neuen Regelwerk und es entbrannte eine Diskussion darüber, bei welchen operativen Eingriffen das Zunähen einer Wunde nun Teil der OP sei und wann es extra abgerechnet werden müsse) bis zum richtigen Führen eines Aufklärungsgespräches für die Kastration (Referent Axel Wehrend: „Die Technik des Eingriffs ist einfacher als ein ordentliches Aufklärungsgespräch.“). Zum Ende jedes Vortrags gab es natürlich Applaus – und immer auch ein bisschen Gebell aus den Zuschauerreihen.
Kleiner Hinweis: Natürlich war es unmöglich, alle Themen und Vorträge des Kongresses zu besuchen. Ebenso können nicht alle besuchten Vorträge hier abgebildet werden. Die beschriebenen Themen sind also eine Auswahl der Autorin.
Bildquelle: Lesli Whitecotton, Unsplash