Eine gute Adhärenz ist ein zentraler Faktor für den Therapieerfolg – besonders bei chronischen Atemwegserkrankungen wie Asthma und COPD. Dennoch zeigt sich im Versorgungsalltag häufig, dass zwischen ärztlicher Verordnung und konsequenter Umsetzung eine Lücke besteht. Ärzt*innen müssen davon ausgehen, dass mindestens jede*r zweite Ihrer Asthma- und COPD-Patient*innen nicht ausreichend adhärent zur medikamentösen Therapie ist.1,2 Die Ursachen hierfür sind vielfältig und reichen von individuellen Überzeugungen, Vergesslichkeit, Überforderung mit dem Therapieregime bis hin zu dem Einfluss von Komorbiditäten. Es ist wichtig, die individuellen Gründe für eine unzureichende Adhärenz zu kennen, um diesen gezielt begegnen zu können.
Um eine gute Adhärenz zu unterstützen, braucht es Strategien, die sowohl medizinische als auch patientenbezogene Aspekte berücksichtigen. Hier stellen wir Ihnen drei praxistaugliche Ansätze vor, die die Therapietreue im Alltag gezielt fördern können:
Eine Therapie, die die Symptomlast der Patient*innen spürbar und deutlich verbessert, wird von Patient*innen eher als sinnvoll wahrgenommen und hat damit bessere Chancen, wie verordnet angewendet zu werden.
Daher empfiehlt die fachärztliche S2k-Leitlinie Asthma 2023 für die initiale Asthmatherapie das sogenannte "Step down"-Konzept, das sich günstig auf die Therapieadhärenz auswirken kann.3 Dabei wird die Behandlung zunächst an einem höheren als dem voraussichtlichen Asthmaschweregrad ausgerichtet, um möglichst rasch eine effektive Asthmakontrolle zu erreichen. Sobald eine stabile Kontrolle der Symptome erreicht ist, wird die Medikation schrittweise reduziert und dem tatsächlichen Schweregrad der Erkrankung angepasst.3 Diesen Ansatz zur Verbesserung der Adhärenz gleich zu Therapiebeginn verfolgt auch Prof. Dr. med. Kathrin Kahnert, Fachärztin für Innere Medizin und Pneumologie am MediCenter Germering. Auch ihrer Erfahrung nach wirkt es sich oft positiv auf die Adhärenz der COPD-Patient*innen aus, wenn sie schon zu Beginn der Therapie eine deutliche Verbesserung ihrer Beschwerden wahrnehmen:
Auch die Gestaltung des Therapieregimes kann eine wichtige Rolle spielen. Grundsätzlich sollte die Behandlung so einfach wie möglich gehalten werden. Die Anwendung fixer Wirkstoffkombinationen in einem Inhalator ist dabei oft einfacher als die Nutzung mehrerer separater Präparate.1,2
Entscheidend ist, dass sich die Therapie gut in den Alltag der Patient*innen integrieren lässt und zur individuellen Routine und den Bedürfnissen passt.4
Alle aktuellen Leitlinien empfehlen, die Adhärenz regelmäßig zu erfragen (z. B. „Klappt alles mit Ihrer Medikation so, wie wir das besprochen haben, oder gibt es irgendwo Probleme?“). Nur wenn aktiv nachgefragt wird, lassen sich etwaige Schwierigkeiten erkennen.1,2
Selbstauskünfte zur Adhärenz von COPD- und Asthma-Patient*innen sind allerdings oft unzuverlässig, da viele ihre Symptomkontrolle und/oder die Regelmäßigkeit der Einnahme überschätzen.1,4 Um die Adhärenz systematisch einzuschätzen und mögliche Ursachen für eine mangelnde Therapietreue zu identifizieren, können validierte Fragebögen wie der TAI eingesetzt werden.1,2
Die Leitlinien empfehlen außerdem, die Inhalationstechnik regelmäßig zu überprüfen. Eine fehlerhafte Anwendung kann die Wirksamkeit der Therapie erheblich mindern und dazu führen, dass Patient*innen das Vertrauen in die Behandlung verlieren.1,2
Zudem gilt: Wenn eine Therapie nicht wie gewünscht anschlägt, sollten eine mangelhafte Adhärenz oder eine fehlerhafte Inhalationstechnik immer als potenzielle Ursachen mitbedacht werden – noch bevor die Medikation geändert oder intensiviert wird.1,2
Der TAI ist ein validierter Fragebogen zur Erfassung der Adhärenz bei Patient*innen mit inhalativer Therapie. Er besteht aus zehn Fragen an den/die Patient*in sowie zwei Zusatzfragen an den/die Ärzt*in und ermöglicht es, zwischen unterschiedlichen Formen der Nicht-Adhärenz (bewusst vs. unbewusst) zu unterscheiden. Damit liefert der TAI nicht nur einen Überblick über das Ausmaß der Therapietreue, sondern hilft auch, gezielte Maßnahmen zur Verbesserung der Adhärenz abzuleiten.5,6
Eine patientengerechte Kommunikation ist essenziell, um das Verständnis für die Erkrankung sowie für die Wirkung und Bedeutung der Therapie zu fördern.1,7 Dabei sollten nicht nur Informationen vermittelt, sondern auch Erwartungen, Ängste und mögliche Befürchtungen aktiv angesprochen werden.2,4 Eine solche empathische Aufklärung stärkt das Vertrauen in die behandelnden Ärzt*innen und die Therapie, kann individuelle Zweifel oder kontraproduktive Überzeugungen abbauen und fördert die Krankheitskompetenz der Patient*innen – wichtige Faktoren für eine gute Adhärenz.1,2,4,7
Studien belegen, dass eine gemeinsame Entscheidungsfindung – also die aktive Einbeziehung von Patient*innen in therapeutische Entscheidungen – die Therapieadhärenz nachweislich verbessert.1,2 Indem die individuellen Bedürfnisse und Vorlieben der Patient*innen berücksichtigt werden, etwa bei der Auswahl des Inhalationssystems oder bei Umstellungen der Medikation, lässt sich die Akzeptanz der Therapie steigern und es entsteht auch eine geteilte Verantwortung zwischen Arzt/Ärztin und Patient*in.1–3
Auch die Art und Weise der Kommunikation spielt eine Rolle:1,2 Methoden wie die „Motivierende Gesprächsführung“ nach Miller und Rollnick setzen darauf, Widerstände zu vermeiden und stattdessen die intrinsische Motivation der Patient*innen zu stärken.8 Diese Technik zielt darauf ab, Verhaltensänderungen nicht durch Druck, sondern durch eigene Einsicht und Überzeugung der Patient*innen zu erreichen – mit positiven Effekten auf die langfristige Therapietreue.9
Der Psychiater PD Dr. Tobias Rüther aus München betont, wie ausschlaggebend die ärztliche Ansprache dafür ist, ob Patient*innen ein verschriebenes Medikament einnehmen oder nicht.9
„Der Arzt weiß zwar, dass die Medikation hilft und die richtige ist. Doch Sätze wie „Das müssen Sie jetzt nehmen, sonst geht es Ihnen noch schlechter“ lösen Reaktanz bei Patient*innen aus. Es ist empfehlenswert, die Patient*innen mehr zu motivieren und damit positive Assoziationen zu erreichen.“
PD Dr. Tobias Rüther gibt folgende einfache Tipps für den Praxisalltag:
Weitere Praxis-Tipps für die Gesprächsführung mit Asthma- und COPD-Patient*innen finden Sie hier
Fußnoten
TAI: Test of Adherence to Inhalers
Referenzen
Bildquelle: KI-generiert