„Neurologie? Da kann man doch nur diagnostizieren, nicht therapieren“ – das bekommen Neurologen oft zu hören. Der diesjährige Kongress der DGN zeigt: Das stimmt schon lange nicht mehr.
Diese Woche ist Berlin wohl der Ort mit der höchsten Neurologen-Dichte in ganz Deutschland, denn dort findet der 98. Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie statt. Die Neurologie hatte lange Zeit den eher undankbaren Ruf, zwar viele diagnostische Möglichkeiten zu haben, den Erkrankungen aber therapeutisch wenig entgegensetzen zu können. Das stimmt schon lange nicht mehr und auch auf dem diesjährigen Kongress werden spannende Forschungsdurchbrüche vorgestellt und diskutiert werden. Die Pressekonferenz zum Auftakt des Kongresses gab bereits einige Einblicke in die Themen, die in diesem Jahr besondere Aufmerksamkeit bekommen.
Seit der Ice-Bucket-Challenge vor mittlerweile 10 Jahren ist die amyotrophe Lateralsklerose (ALS) in der Gesellschaft erstaunlich bekannt für eine seltene Erkrankung. Dabei führt eine rasch progrediente Atrophie der Skelettmuskulatur dazu, dass Betroffene weitestgehend bewegungsunfähig sind, während der Geist klar bleibt. Aufgrund einer Ateminsuffizienz verläuft die Erkrankung in den meisten Fällen innerhalb weniger Jahre tödlich. Jetzt besteht dank erster zielgerichteter Therapien die Hoffnung, dass die Zukunft anders aussehen könnte. Mit der ASO-Therapie (Antisense-Oligonukleotide) konnten Forscher bei Patienten mit genetischen ALS-Varianten das Fortschreiten der Erkrankung deutlich verlangsamen oder sogar zum Stillstand bringen. Die beiden Medikamente Tofersen und Jacifusen können bislang nur in etwa 2 % der ALS-Fälle eingesetzt werden (bei Mutationen in den Genen SOD1 und FUS). Professor Thomas Meyer von der Charité, Mitglied der DGN-Kommission für Motoneuron- und Neuromuskuläre Erkrankungen, nimmt aber dennoch die Worte „historischer Durchbruch“ in den Mund. Besonders beeindruckend: In Studien beobachteten Forscher nicht nur einen deutlichen Rückgang von NfL, einem Marker für neuronale Schädigung, sondern teils sogar eine Verbesserung der Symptomatik. Die Wirkung ging also über jede Erwartung hinaus, da die neuronalen Schäden bislang als irreversibel galten. Und auch für die sporadische ALS werden potenzielle Wirkstoffe getestet. Dabei zeigen Antikörper gegen SOD1-Proteine in ersten Studien ebenfalls eine vielversprechende Wirkung.
Die Alzheimer- und die Parkinson-Krankheit sind die beiden häufigsten neurodegenerativen Erkrankungen und bei beiden wird in den kommenden Jahren eine massive Zunahme der Prävalenz erwartet. Ein Grund ist die zunehmende Alterung der Bevölkerung – aber auch Umweltfaktoren und der moderne Lebensstil spielen eine zunehmend wichtige Rolle. Professor Daniela Berg, DGN-Präsidentin und Parkinson-Expertin, betont, dass die Forschung und die Gesellschaft der Parkinson-Krankheit auf zwei Arten begegnen müssen. Auf der einen Seite steht die Forschung an modernen Therapieoptionen. Hier wurden dieses Jahr mehrere Durchbrüche erreicht, z. B. im Bereich der Stammzelltherapie (DocCheck berichtete), bei Antikörpern oder den sogenannten Small Molecules. Mindestens genauso wichtig ist jedoch die Erforschung von Risikofaktoren, in Summe als Exposom bezeichnet.
Das Exposom setzt sich aus drei Teilen zusammen: Zum internen Exposom gehören Faktoren wie das eigene Mikrobiom, Grunderkrankungen, aber auch die Funktionsweise des Immunsystems. Das allgemeine externe Exposom beinhaltet weitestgehend unbeeinflussbare Faktoren wie die Wohnumgebung (städtisch vs. ländlich) oder sozioökonomische Faktoren. Das individuelle externe Exposom wiederum subsumiert beeinflussbare Faktoren, wie Schlaf, Bewegung und Ernährung. All diese Faktoren können auf der einen Seite zur Entstehung einer Parkinson-Krankheit beitragen, aber eben auch das Risiko vermindern – sofern sie bekannt sind und optimiert werden.
Professor Berg nennt als besonderes Beispiel die mediterrane DASH-Diät mit vielen Polyphenolen, die multiple Effekte z. B. auf Mikrobiom, Immunsystem und Entzündungsaktivität haben. „Das schafft kein Small Molecule alleine“ fasst Berg zusammen. Der Polyexposure-Score kann z. B. in der klinischen Praxis dabei helfen, das persönliche Exposom-Risiko eines Patienten zu erfassen und maßgeschneiderte Präventionsempfehlungen auszusprechen. Aber dafür braucht es eine im Gesundheitssystem knappe Ressource: Zeit.
Ganz ähnlich schätzt Professor Peter Berlit, DGN-Generalsekretär, die Situation bei der Alzheimer-Krankheit ein. Auch hier wird in Deutschland ein Erkrankungsanstieg erwartet, von heute rund 1,8 Millionen auf 2,7 Millionen im Jahr 2050. Mit Lecanemab und Donanemab gibt es seit diesem Jahr erstmals einen kausalen Therapie-Ansatz. Die beiden Wirkstoffe erreichen eine Verlangsamung der Krankheitsprogression von etwa 30 %, indem sie Beta-Amyloid-Ablagerungen reduzieren. Das ist zwar noch lange keine Heilung, verschafft den Betroffenen aber eine Verbesserung der Lebensqualität und die Möglichkeit, Angelegenheiten bewusst zu regeln. Aber: Die Kosten dafür betragen etwa 25.000 € pro Behandlungsjahr und die Therapie kann nur einem Teil der Patienten in einem frühen Krankheitsstadium angeboten werden.
Ähnlich wie bei der Parkinson-Krankheit ist daher auch bei Alzheimer die Reduktion von Risikofaktoren wichtiger denn je. Berlit erklärt, dass das Erkrankungsrisiko durch die Korrektur von Risikofaktoren deutlich reduziert werden kann. Dazu gehören: das Pflegen sozialer Kontakte, Ausgleichen von Sehschwäche und Schwerhörigkeit, Behandlung von Begleiterkrankungen wie Diabetes und Hypertonie und das Verzichten auf Rauchen und Alkohol. Besonders im Fokus war zuletzt die Bewegung: Eine aktuelle Studie zeigte, dass 7.000 Schritte täglich das Risiko für die Alzheimer-Erkrankung fast halbieren könnten. Eine ganz aktuelle Erkenntnis ist zudem der schützende Effekt von Sprachen: Multilingualität reduziert das Demenzrisiko deutlich – und zwar linear mit jeder weiteren aktiv gesprochenen Sprache.
Ein besonderer thematischer Fokus wird auf dem diesjährigen Kongress auf Epilepsien gelegt. Hier erwarten Kongressbesucher spannende Neuerungen in der Diagnostik und Therapie, wie Professor Yvonne Weber, DGN-Kongresspräsidentin, berichtet. Bis zu 50 % der epileptischen Anfälle werden bislang im Alltag nicht erkannt, die anfallssuppressive Therapie ist entsprechend oft nicht ausreichend und das Risiko für plötzliche Todesfälle (SUDEP, sudden unexpected death in epilepsy) steigt. Hier können zukünftig smarte Armbänder bei der Detektion helfen – einige Tools und Apps erreichen bereits eine diagnostische Genauigkeit von 90 %. Zudem wird intensiv an der Möglichkeit einer subkutanen EEG-Ableitung geforscht. Auf dem Kongress werden außerdem Neuerungen der Epilepsie-Chirurgie, wie z. B. die stereotaktische Laserthermoablation vorgestellt. Dabei werden präzise epileptogene Hirnareale mittels Schlüsselloch-Technik erhitzt, wodurch in vielen Fällen sogar eine Anfallsfreiheit erreicht werden kann.
Neben innovativen Ansätzen aus Diagnostik und Therapie sollen auch die Bedürfnisse von Epilepsie-Patienten im Alltag im Mittelpunkt stehen. Professor Felix Rosenow, DGN-Kongresspräsident, möchte einen besonderen Fokus auf Themen, die Betroffene im Alltag beschäftigen – und entsprechend auch Ärzte beschäftigen sollten – legen. Dazu gehören Fragen zum Wiederholungsrisiko nach erstmaligem Krampfanfall, zum Autofahren oder Kinderwunsch mit Epilepsie. Laut Rosenow ist es wichtig zu verstehen, dass Epilepsie auch ein 2,5-fach erhöhtes Sterblichkeitsrisiko mit sich bringt. Wichtig ist daher die Aufklärung der Patienten über das richtige Verhalten, z. B. die regelmäßige Einnahme der Medikation. Um das Sterblichkeitsrisiko zu senken, ist vor allem die Verhinderung von großen Anfällen wichtig. Der Kongress findet passenderweise im International Epilepsy Awareness Month statt.
Professor Matthias Klein, Sprecher der DGN-Kommission Neuroinfektiologie, gibt auf der Pressekonferenz Einblicke in den aktuellen Stand rund um das Thema Impfungen – auch diese werden auf dem Kongress eine wichtige Rolle spielen. Er äußert sich beunruhigt über den aktuell zu beobachtenden Rückschritt bei Impfquoten, unter anderem in Hinblick auf Masernausbrüche in den USA, wo die Erkrankung als ausgerottet galt. Bekanntermaßen gibt es rund um das Thema Impfungen diverse Mythen und Falschinformationen, die viele Menschen beunruhigen. Die Impf-Kontroverse ist so alt wie das Thema Impfung selbst: Schon bei der Pockenimpfung gab es heftige Widerstände gegen die weltweite Impfaktion, so Klein. Dabei war gerade die Pockenimpfung ein Erfolg, der seinesgleichen sucht: Das WHO-Impfprogramm kostete damals 300 Millionen US-Dollar, sparte jedoch jährlich etwa 1 Milliarde US-Dollar an Gesundheitskosten ein. Klein betont: Aufklärungsarbeit ist gerade jetzt wichtiger denn je.
Auf dem Kongress wird es um neurologische impfpräventable Erkrankungen gehen. Besonders aktuell ist die kürzlich geänderte STIKO-Empfehlung zur Impfung gegen Meningokokken der Serogruppen A, C, W und Y bei Jugendlichen zwischen 12 und 14 Jahren. Insbesondere die Infektionen mit dem Serotyp Y hatten nach der COVID-19-Pandemie deutlich zugenommen und die DGN-Kommission Neuroinfektiologie unterstützt die STIKO-Empfehlung ausdrücklich. Ein weiteres Thema, das ebenfalls mehr Aufmerksamkeit braucht, ist laut Klein die Pneumokokken-Impfung, die u. a. Meningitiden verhindert. Seit zwei Jahren gibt es hier einen neuen Impfstoff, der leider nur unzureichend angenommen wird.
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