Tumorerkrankungen haben für Patienten* aufgrund ihrer oft lebensbedrohlichen Natur im Vergleich zu anderen chronischen Erkrankungen eine noch schwerere Bedeutung, da Körper und Psyche stark belastet werden.1 In diesem Kontext spielt die Psychoonkologie eine zentrale Rolle. Patienten, die psychoonkologische Angebote nutzen, können viele Vorteile daraus ziehen. Für die Behandler bedeutet dies eine verbesserte Therapieadhärenz – ein Argument, das flächendeckende Angebote umso dringlicher macht.
Eine Krebsdiagnose trifft Patienten und ihre Angehörigen bis ins Mark: Diverse Ängste und psychische Belastungen prägen ab diesem Zeitpunkt den Alltag, ebenso wie die Symptome der Erkrankung und die Nebenwirkungen der Therapie selbst. Am Beispiel des Multiplen Myeloms, von dem in Deutschland jährlich etwa 7.000 Patienten neu betroffen sind,2 zeigt sich, wie wichtig es ist, stets auch an psychoonkologische Angebote zu denken. Menschen mit einem Multiplen Myelom haben heutzutage dank moderner Therapiemöglichkeiten eine lange Lebenserwartung und erleben die Erkrankung als eine chronische Krankheit.2 Allerdings müssen sie sich immer wieder auf Rezidive einstellen, was eine mentale Herausforderung darstellt.
Die Symptome beim Multiplen Myelom kommen in unterschiedlicher Gestalt vor und sind oft unspezifisch. Etwa ein Viertel der Patienten ist bei Diagnosestellung beschwerdefrei.2
Häufige Zeichen sind:
Die psychoonkologischen Anforderungen verändern sich: Von der Diagnosestellung über die Therapie und oft darüber hinaus können unterschiedliche psychischen Belastungen auftreten.3-4 Zu Beginn stehen häufig die Sorgen um Symptome und Nebenwirkungen im Vordergrund. Mit der Zeit treten zunehmend emotionale Belastungen, wie Angst vor Progredienz- und Rezidiv-Ängste, existenzielle und soziale Ängste sowie Trauer und Wut über den Verlust des alten Lebens auf. Gefühle von Scham, Hoffnungslosigkeit, bis hin zu Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung können den Alltag zusätzlich prägen.
Rund ein Drittel der Tumorpatienten ist davon betroffen1:
Die Depressionen nehmen mit dem Verlauf der Erkrankung häufig ab, während die Ängste tendenziell zunehmen; die Zahl an subklinischen Fällen ist vermutlich deutlich höher.4-6
Von außen betrachtet scheint die Rolle der Angehörigen eindeutig: Sie sollen eine Stütze für ihre erkrankten Familienmitglieder sein. Häufig sind sie jedoch selbst stark belastet.7-8 Die Patienten spüren dies und möchten ihren Angehörigen nicht zur Last fallen. Die Sorge um Ihre Familie steht im Fokus und das eigene Wohlbefinden rückt in den Hintergrund – was eine zusätzliche emotionale Belastung darstellt.
Ziel der Psychoonkologie ist es, den Patienten die Annahme der Diagnose zu erleichtern, bei der Verarbeitung der Erkrankung zu helfen und ein Leben bei guter Lebensqualität zu ermöglichen. Es geht im Kern darum, das „neue“ Leben mitzugestalten.1 Psychoonkologische Angebote sind bei zertifizierten Krebszentren Pflicht. Die Versorgung ist dort gut, wenn auch unterschiedlich im Angebot.
Problematisch ist jedoch die ambulante Versorgung: Sie ist nicht flächendeckend gut erreichbar. Insbesondere der Übergang von der guten klinischen psychoonkologischen Betreuung in die Peripherie der Nachsorge bereitet häufig Probleme. Hier wären umfassende Nachsorgeangebote wünschenswert. In solchen Fällen können psychoonkologische E-Health-Interventionen unterstützend eingesetzt werden. Darunter versteht man neuartige Informations- und Kommunikationstechnologien, die die Behandlung und Betreuung von Patienten unterstützen sollen. Mittlerweile wurden diese Angebote auch in die entsprechenden S3-Leitlinien aufgenommen.9 Dazu zählen Gesundheits-Apps, Webseiten sowie telemedizinische Angebote. Inhaltlich sind die Angebote meist multimodal und umfassen vor allem edukative Inhalte, Beratung sowie niederschwellige psychotherapeutische Unterstützung.
Was Psychoonkologie leisten kann, zeigt sich darin, dass Patienten und ihre Angehörigen unterstützt werden, mit der Erkrankung umzugehen, indem psychotherapeutische und psychologische Ansätze kombiniert werden und eine ganzheitliche Betreuung geboten wird. Studien haben Bewältigungsstrategien identifiziert, die aufgrund ihres positiven Einflusses auf das mentale Wohlbefinden in psychoonkologische Konzepte integriert werden sollen.
Ansätze für Bewältigungsstrategien onkologischer Patienten.3,10-11
Strategie
Effekt
Gesunde Lebensführung
Regelmäßiger Stressabbau,
ausgewogene Ernährung,
Bewegung
Soziale Unterstützung
Engmaschige Begleitung durch Ärzte, Therapeuten und Selbsthilfegruppen
Selbstfürsorge
Zeit für sich selbst und Aktivitäten, die Freude und mentale Klarheit bringen
Spiritualität und Akzeptanz
Positives Reframing der eigenen Situation, Rückbesinnung auf Religion oder wertorientierte Aktivitäten wie Ehrenamt und Kunst
Nicht nur Patienten profitieren von psychoonkologischer Betreuung. Auch das Behandlungsteam zieht Nutzen daraus, da die Mitbetreuung die Therapietreue unterstützt. Non-Adhärenz kann für Tumorpatienten schwere Folgen haben. Häufige Gründe für Non-Adhärenz sind11:
Eine umfassende psychoonkologische Betreuung, die sowohl den Patienten als auch ihre Angehörigen einbezieht, kann dazu beitragen, kognitive und emotionale Hindernisse für eine gute Adhärenz zu überwinden.12
Neben psychoonkologischen Angeboten kann eine umfassende, fachgerechte Aufklärung über Erkrankung und Therapieoptionen den Patienten und ihren Angehörigen zusätzliche Unterstützung bieten.12 Geben Sie den Betroffenen als behandelnder Arzt daher eine angemessene Bedenkzeit, damit sie sich aktiv für eine Sache entscheiden können - es ist für Patienten wichtig, partizipative Entscheidungen zu treffen.3 Eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Arzt und Patient ist ebenfalls sehr hilfreich, um psychische Belastung zu reduzieren.13 Nehmen Sie sich Zeit für Gespräche und beraten Sie jeden Patienten individuell abgestimmt auf seine Bedürfnissen. Häufig bieten auch Selbsthilfegruppen eine wertvolle Anlaufstelle für die Betroffenen.8 Sie können Ihre Patienten unterstützen, indem Sie ihnen bei der Suche nach einer geeigneten Gruppe behilflich sind.
Die psychoonkologische Betreuung bietet Krebspatienten und ihren Angehörigen eine wertvolle Stütze, die über die rein medizinische Behandlung hinausgeht. Sie adressiert psychologische Belastungen, fördert Bewältigungsstrategien und begleitet Patienten dabei, ihr Leben mit einer Krebserkrankung zu gestalten. Dennoch bestehen bis dato Versorgungsdefizite, insbesondere in der Remissionsphase und in ländlichen Regionen, sowie eine unübersichtliche Vielfalt regionaler Angebote. In diesen Fällen können unter Umständen auch psychoonkologische E-Health-Interventionen für Patienten hilfreich sein, da sie ortsunabhängig und niederschwellig zugängig sind. Ein verstärktes Engagement behandelnder Ärzte in diesem Bereich könnte zugleich Patienten unterstützen und auch Vorteile für Behandelnde bieten.
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Fußnoten:
* Das in diesem Text gewählte generische Maskulinum bezieht sich ausdrücklich auf alle Geschlechteridentitäten.
Referenzen:
Bildquelle: shutterstock/Asset-2673019823 NP-DE-BLM-WCNT-250015, Nov.25