Beim morgendlichen Kontrollgang weiß ein Wärter nie, was ihn erwartet – im schlimmsten Fall blickt er unvermittelt in ein totes Gesicht. Was Trauma und Verdrängung mit unserem Humor machen.
„Als ich den damals runtergeschnitten hab, der war steif wie ein Brett. Der stand von alleine, den konntest du quasi an die Wand lehnen.“ Gelächter. Es ist kein ausgelassenes Lachen. Es liegt eine gewisse Bitterkeit darin. Die beiden Anwärter, die mit im Stationsbüro sitzen, starren peinlich berührt und etwas verstört vor sich auf den Boden. Sie können diesen Humor nicht nachvollziehen. Noch nicht. Es wird ein paar Jahre dauern, vielleicht auch weniger, dann werden auch sie die typischen Kompensationsmechanismen des Vollzugs übernommen haben.
Je nachdem, in welcher Anstalt man arbeitet, ist man mehr oder weniger häufig mit potenziell traumatisierenden Bildern und Situationen konfrontiert. In der Untersuchungshaft ist die Suizidrate sehr hoch; sie schwankt zwischen einem und fünf Suizidenten pro Jahr. Hinzu kommen diverse autoaggressive Handlungen wie Schnittverletzungen, Schlucken von Rasierklingen oder Kopfschlagen gegen die Wand bis zum Auftreten von Platzwunden oder Bewusstlosigkeit. Und dann wäre da noch die ständige latente Bedrohung durch die anderen Gefangenen. Zum Großteil ist es ein mehr oder weniger friedliches Miteinander. Aber in regelmäßigen Abständen flippt eben doch mal einer aus. Weil er eine Psychose schiebt, weil seine Frustrationsschwelle überschritten wurde oder weil er schwer traumatisiert ist und in eine irrationale Adrenalinreaktion gerutscht ist.
Stellen Sie sich vor, es ist sieben Uhr früh. Sie sind müde, der Gang ist noch schläfrig. Sie sperren der Reihe nach alle Hafträume auf. Das ist Routine. „Lebendkontrolle“ hieß das früher. Darf man so nicht mehr nennen. Offiziell heißt es heute „Morgenaufschluss“ (sagt aber kein Mensch). Jeder Gefangene muss ein Zeichen von sich geben, dass es ihm gut geht. Auf der Nichtarbeiterstation wird lang geschlafen, also beschränkt sich das Lebenszeichen meist auf ein Heben der Hand, ein Grunzen, ein Stöhnen oder ein Umdrehen im Bett. Kaum jemand besteht darauf, dass die Gefangenen aufstehen, sich aufsetzen oder Ähnliches.
Sie arbeiten also Haftraum für Haftraum ab, wie jeden Morgen, den siebten Tag in Folge, das fünfte Jahr in Folge. Alles wie immer. Die Luft steht warm und muffig im Gang. Es riecht nach Schlaf und Kernseife. Sie sperren die 52 auf: „Guten Morgen, wollen Sie Tee?“ – „Grmpfff.“ Alles klar. Weiter zur 53: „Guten Morgen, wollen Sie Tee?“ – „Morgen, ja, bitte einfach hinstellen.“ Die 54: „Guten Morgen, wollen Sie Tee?“ Unter der Decke reckt sich ein Arm mit erhobenem Mittelfinger empor. Offensichtlich kein Morgenmensch. Weiter zur 55. „Guten Morgen, wollen Sie Tee?“ … „Morgen! Wollen Sie TEE?!“ Keine Reaktion. Ihr Herz schlägt schneller – aber Sie weigern sich, an etwas Böses zu denken. Der Obermeier schläft gerne mal tief, er ist noch sehr jung. In den 20ern. Drogen, Obdachlosigkeit. Mehr wissen Sie nicht von ihm. Wollen Sie auch nicht. Sie schalten das Licht an und blicken in das bläulich blasse Gesicht des Gefangenen. Tot. Die Szenerie lässt keinen Zweifel: Herr Obermeier hat seinem Leben heute Nacht ein Ende gesetzt.
Sie haben für einen Moment Schwierigkeiten, zu atmen. Ihre Gedanken verlieren sich in einem gleißenden Licht in Ihrem Kopf. Sie halten kurz die Luft an, drücken den roten Gummiknopf an Ihrem Funkgerät. Sie atmen tief ein und brüllen: „Hausarbeiter!“ (Begriffsklärung am Ende des Artikels). Sie wissen, dass Sie das hier allein nicht schaffen können. Ein ausgewachsener Mann wiegt 70 Kilo, oft auch mehr. Ohne Muskeltonus ist es schier unmöglich, eine solche Masse an Fleisch zu manövrieren. Bilder blitzen auf, von Ihrem letzten Toten vor drei Jahren. Es dauerte damals, bis ein Messer organisiert werden konnten, mit dem die Schlinge durchtrennt werden konnte. Als der Kollege diese nach einer Ewigkeit mit einem scharfen Messer durchgeschnitten hatte, riss Sie der Körper des Gefangenen mit voller Wucht zu Boden. Die Leichenstarre hatte in Armen und Beinen des Gefangenen bereits eingesetzt und irgendeine Flüssigkeit lief ihm aus dem Mund.
Sie spüren noch heute den Ekel in jeder Pore. Sie mussten Ihre Beine unter seinem Oberkörper herauswinden, bevor Sie sich wieder aufrappeln konnten. Wochenlang träumten Sie von dem Moment. Irgendwann verblassten die Bilder, die jetzt mit einem Knall wieder farbig und präsent sind. Zurück in der Gegenwart. Der Hausarbeiter steht in der Tür und erkennt sofort die Lage. „Scheiße! Malik! Komm! Der hängt!“ Malik, der zweite Hausarbeiter, lässt irgendwas fallen. Es scheppert. Stiefel poltern. Verstärkung kommt.
Der Körper ist noch warm. Vielleicht ist es noch nicht zu spät. Kollegen füllen den Raum, ein zweiter und dritter Kollege packt mit an. Das Seil ist durch, diesmal gleitet der Körper durch sechs Hände sanft zu Boden. Ein Kollege lockert das Kabel am Hals, der andere beginnt, rhythmisch auf den Brustkorb zu drücken. Der Dienstleiter ist plötzlich da. „Komm, wir gehen mal ins Büro und schreiben die Meldung.“ Ihnen ist das recht; Sie wollen hier raus. Es ist plötzlich furchtbar eng. Im Büro kommen die Tränen. Sie können es nicht kontrollieren. Der Dienstleiter schließt hektisch die Tür. Niemand soll Sie so sehen. Auch das ist Ihnen recht. Die Tränen schießen aus Ihren Augen und das ärgert Sie. Sie wollen so nicht sein. Hier herumheulen im Dienst. „Soll ich wen anrufen?“ Soll er nicht. Sie wollen nach Hause. Sie bekommen hier drinnen keine Luft mehr.
Sie werden ein paar Tage zu Hause bleiben. Danach haben Sie planmäßig frei, dann Nachtdienst, dann Urlaub. Wenn Sie in acht Wochen den nächsten Dienst haben, wird es Ihnen besser gehen. Fast schon wieder gut. Ein paar Monate lang wird sich das Aufsperren komisch anfühlen und irgendwann ist auch das vorbei.
Nach einem Jahr fangen Sie das erste Mal an, flapsige Bemerkungen über den Tod von Gefangenen zu machen. Die Kollegen lachen. Es fühlt sich gut an, dass Sie die Kontrolle über die traumatischen Erinnerungen haben und nicht umgekehrt. SIE holen die Situation in Ihrem Kopf hervor und SIE entscheiden, wie Sie emotional damit umgehen und deshalb machen SIE jetzt Witze darüber. Und weil das so gut funktioniert, behalten Sie diesen Mechanismus bei. Manchmal vielleicht ein wenig zu derb, aber das ist schließlich Ihr gutes Recht. Manchmal kommt noch der Kloß im Hals, dann setzen Sie schnell noch einen drauf. Manchmal auch jenseits des guten Geschmackes. Aber das gehört wohl zum sogenannten Haftschaden, sagen Sie sich. Tatsächlich ist dieses Verhalten eine Traumareaktion. Eine Fehlkompensation, die nicht immer funktional ist. Aber die einzige Kompensation, die Ihnen zur Verfügung steht.
Eine andere Möglichkeit der Verarbeitung ist Verdrängung. Das Geschehene in eine Schublade schieben. So tun, als sei nichts passiert. In diesem Fall werden Sie höchstwahrscheinlich direkt am nächsten Morgen wieder zu Ihrem Dienst erscheinen. Sie wünschen sich so sehr, dass nichts Schlimmes passiert ist, dass dieser Wunsch mit der Zeit zu Ihrer Realität wird. Je häufiger sie mit traumatischen Ereignissen konfrontiert sind, umso mehr Übung bekommen Sie im Unterdrücken Ihrer Emotionen.
Beim nächsten Toten werden Sie Ihren Dienst direkt fortsetzen. Mit fortschreitendem Dienstalter erreichen Sie die Ereignisse emotional immer weniger. Zu Beginn lassen Sie noch dunkle Bemerkungen über die Vorfälle fallen. Und irgendwann nicht einmal mehr das. Es wird Sie affektiv nicht mehr erreichen, wenn sich ein junger Gefangener die Arme bis auf die Sehnen und den Knochen aufgeschnitten hat, weil er „den Druck“ nicht mehr aushält. Sie werden ihn mit regungsloser Miene ansehen, den medizinischen Dienst anfunken und Ihren Bericht schreiben. In der Übergabe werden Sie vor den Kollegen beiläufig erwähnen, dass „der Depp auf der 23 mal wieder gemeint hat, dass er sich ritzen muss“. Den Boden soll er selbst sauber machen, das hätten Sie ihm schon gesagt. Wenn andere Kollegen durch Vorfälle während ihres Dienstes belastet sind, können Sie das nicht mehr nachvollziehen. Sie wollen sich das auch gar nicht anhören. Ihrer Überzeugung nach steigern die sich künstlich in eine Hysterie. Doch etwas verändert sich in Ihnen. Auch außerhalb der Arbeit haben Sie inzwischen Schwierigkeiten, Emotionen zuzulassen. Ihre Frau beschwert sich schon länger, Sie seien „so kalt“ geworden. Sie können aber nicht nachvollziehen, was sie meint.
Es gibt innerhalb des bayerischen Justizvollzuges eine Institution, die die Bediensteten bei der Verarbeitung von stressbelasteten Situationen unterstützen soll. Das sogenannte KiTiS (Kriseninterventionsteam im Strafvollzug). Leider ist sowohl die Akzeptanz wie auch die Infrastruktur von Anstalt zu Anstalt sehr unterschiedlich. In den letzten Jahren tut sich hier viel, aber noch immer ist nicht bei jedem Anstaltsleiter angekommen, dass die Krankheitszahlen proportional mit der Stressbelastung steigen.
Traumatisierte Mitarbeiter sind keine gesunden Mitarbeiter. Da die meisten aber aufgrund ihrer Bewältigungsmechanismen häufig erst Jahre nach dem eigentlichen Vorfall Probleme bekommen, fällt es der Führungsebene noch immer schwer, den Zusammenhang zwischen Vorfall und krankheitsbedingtem Ausfall herzustellen. Wir Psychologen werden immer noch häufig belächelt, wenn wir versuchen, die entsprechenden Zusammenhänge aufzuzeigen. Und spätestens dann, wenn die vorgeschlagenen Maßnahmen Geld kosten, finden die Anstaltsleiter, dass eine Krankheitsrate von 20 % gar nicht sooo schlimm ist (zum Vergleich: In der freien Wirtschaft liegt er laut Google in etwa bei 5 %).
Und der „besondere Humor“ der Mitarbeiter hat natürlich nichts mit Traumatisierung zu tun. Man solle als Psychologe eher aufpassen, dass man die Bediensteten nicht „krank rede“. Und die Idee, dass die Vorkommnisse in Augsburg-Gablingen (siehe mein Artikel Sadistische Gefängniswärter – haben wir ein Problem?) mit einer Überforderung und Traumatisierung der Mitarbeiter zu tun habe? Absurd. Aber die Aufarbeitung solle man eh lieber der Sonderkommission überlassen.
Auch ich engagiere mich innerhalb des KiTiS. Ich leiste zusätzlich meinen kleinen Beitrag, indem ich meinen Beamten einen sicheren Raum biete. Sie wissen, meine Tür ist immer offen und sie nutzen das. Ich vermittle Therapieplätze und biete Gespräche an. Zwar ist das 100 Mal mehr als wir Psychologen noch vor zehn Jahren bewirken konnten – dennoch fühlt es sich an, als würde man mit einem Dessertlöffel unter einer Lawine nach Verschütteten suchen. Trägt man die Problematik der Anstaltsleitung oder gar dem Ministerium vor, bekommt man so lange aufmerksames Gehör, bis klar wird: Die Lösung kostet Geld – mehr Personal, bessere Ausbildung, psychosoziale Nachbetreuung der Kollegen, Supervision.
Der Justizvollzug ist das Stiefkind des Staatsbudgets. Wir sind nicht die Bundeswehr, die Polizei oder die Feuerwehr. Niemand will hier Geld reinstecken. Unserem Sektor mangelt es einfach an der Lobby, an öffentlichem Interesse, an Glamour. Das hat sicher auch mit mangelnder Aufklärung der Bevölkerung zu tun. Die meisten Bürger sind der Meinung, jeder Cent, der in den Vollzug gesteckt wird, sei einer zu viel. Denn die Gefangenen sollen schließlich „büßen“ und nicht im Luxus schwelgen. Was können ein paar Mauern, Wasser und Brot schon kosten? Und Gott weiß, was diesen Lumpen durch „unsere Steuergelder“ hier für ein Luxus finanziert wird ….
Und so stehe ich hier. Mit meinem Dessertlöffel. Und versuche wenigstens durch meine Artikel ein kleines Fenster der Aufklärung zu öffnen.
Bildquelle: Venti Views, Unsplash