Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED) wie Morbus Crohn (MC) und Colitis ulcerosa (CU) verlangen keine „eine“ Diät, sondern eine individuell angepasste Ernährung, die die Krankheitssituation, Symptome, Mangelrisiken und persönliche Verträglichkeiten berücksichtigt. Für die Praxis heißt das: Nicht Verbote stehen im Vordergrund, sondern eine Ernährungsstrategie, die Beschwerden reduziert und die Nährstoffversorgung sichert. Pauschale Ernährungsempfehlungen sollten vermieden werden; stattdessen sollte eine individuell abgestimmte Ernährungsberatung durch spezialisierte Fachkräfte erfolgen.1,2
Eine gesunde, vollwertige Ernährung sollte - sofern keine spezifische Krankheitssituation vorliegt - die Basis bilden. Praktisch bedeutet das: eine ausreichende Energie- und Proteinzufuhr, eine gute Versorgung mit Vitaminen und Spurenelementen sowie eine an die Krankheitssituation, die Symptome und die individuelle Verträglichkeit angepasste Ernährung.1,2
Gleichzeitig sollten potenziell symptomauslösende Lebensmittel individuell erfasst werden und nicht pauschal verallgemeinert werden. Zu den von Patient*innen häufig als symptomauslösend wahrgenommenen und daher gemiedenen Lebensmitteln zählen insbesondere scharfe, stark gewürzte und frittierte Speisen, kohlensäurehaltige Getränke sowie Milch und Milchprodukte.3 Für Ärzt*innen kann deshalb eine Ernährungsanamnese sinnvoll sein, die nicht nur Symptome, sondern auch Essverhalten, Gewohnheiten und mögliche Mangelzustände systematisch abfragt.1,2
Im Schub wird eine leicht verdauliche und ballaststoffarme Ernährung empfohlen. Geeignet sind u.a. leicht verdauliche, eher fettarme und ballaststoffarme Speisen, zum Beispiel Reis, Kartoffelpüree, gekochte Karotten, gekochtes mageres Fleisch und gedünstetes Obst. Auch dünsten, kochen oder pürieren kann die Verträglichkeit verbessern.4,5
Bei stärkerer Symptomatik kann eine individuell angepasste, gut verträgliche und ggf. ballaststoffarme Kost sinnvoll sein. In schweren Fällen kann eine enterale Ernährung erwogen werden. Wichtig bleiben die Flüssigkeitszufuhr, vor allem bei Diarrhö, und die regelmäßige Kontrolle des Ernährungsstatus und möglicher Mikronährstoffdefizite.5 Für Patient*innen ist die Botschaft zentral, dass ein Schub keine Phase für Experimente ist, sondern für pragmatische, gut verträgliche Ernährung.
In der Remission kann die Ernährung wieder breiter, vielfältiger und nährstoffdichter werden. Eine mediterran geprägte Kost kann eine sinnvolle Basis bilden: viel Gemüse und Obst, ausreichend pflanzliche Lebensmittel, hochwertige Fette und möglichst wenig hochverarbeitete Produkte wie verarbeitetes Fleisch und raffinierter Zucker.6,7 Ziel ist nicht nur Symptomkontrolle, sondern auch eine langfristig günstige Ernährungsqualität.
Ballaststoffe sind in der Remission grundsätzlich eher erwünscht als zu vermeiden, sofern sie individuell vertragen werden. Dabei lohnt sich eine differenzierte Betrachtung: Da verschiedene Ballaststoffarten unterschiedlich wirken und die individuelle Verträglichkeit je nach Krankheitsaktivität, Krankheitsphänotyp und Mikrobiom variieren kann, empfiehlt sich eine personalisierte Beratung statt eines pauschalen Ausschlusses. Für die Beratung bedeutet das, schrittweise zu testen, statt pauschal auszuschließen. 7
Diät
Möglicher Nutzen bei CED
Grenzen
Praktische Einordnung
Mediterrane Diät 6,7
Gute Basis in der Remission, nährstoffreich, kann Symptome und Entzündungsmarker verbessern
Wirkung und Evidenz sind je nach CED-Form und Krankheitsphase unterschiedlich
Eine mögliche Langzeitstrategie
Low-FODMAP1,3,7
Kann kurzfristig funktionelle Beschwerden wie Blähungen, Bauchschmerzen und veränderte Stuhlgewohnheiten reduzieren
Nicht als Dauerernährung gedacht, restriktiv, strukturierte Re-Introduktionsphase nötig
Eher gezielt und zeitlich begrenzt einsetzen
Tasty&Healthy8
vollwertiges Ernährungskonzept mit guter Umsetzbarkeit;
Die klinische Evidenz für CED ist im Vergleich zu etablierten Ernährungsmustern weniger breit und vorsichtig einzuordnen. Positive Daten liegen für Morbus Crohn vor, für Colitis ulcerosa konnte ein vergleichbarer Effekt bislang nicht gezeigt werden
Eher als ergänzender, alltagsnaher Ansatz zu verstehen
Die Low-FODMAP-Diät ist vor allem dann interessant, wenn funktionelle Beschwerden wie Bauchschmerzen, Blähungen und veränderte Stuhlgewohnheiten im Vordergrund stehen. Sie kann kurzfristig helfen, sollte aber zeitlich begrenzt und durch eine strukturierte Restriktions- und Re-Introduktionsphase begleitet werden.1,3,7 Die mediterrane Ernährung bietet dagegen einen gut untersuchten und nachhaltigen Rahmen für die langfristige Ernährung bei CED.5-7
Die Tasty&Healthy-Diät lässt sich am besten als ausschließlich aus vollwertigen Lebensmitteln bestehende Ernährung mit einer guten Umsetzbarkeit einordnen. Sie bietet eine interessante Erweiterung hinsichtlich Verträglichkeit und Praktikabilität und könnte sich als Erhaltungstherapie eignen.8 Für die Praxis gilt: Je strenger eine Diät, desto höher das Risiko für Nährstofflücken und -mängel.3
Für Morbus Crohn und Colitis ulcerosa gilt gleichermaßen: Eine angepasste Ernährung kann unterstützend sein, sie ist aber kein Ersatz für die medikamentöse Therapie. Die jeweiligen Leitlinien empfehlen eine gesunde, ausgewogene Kost mit wenig stark verarbeiteten Lebensmitteln und einer guten Versorgung mit Obst, Gemüse und Proteinen. Zusätzlich wird auf die Bedeutung der Erfassung von Ernährungsstatus und Mangelrisiken hingewiesen.1,2
Im klinischen Alltag empfiehlt sich daher die Ernährungsempfehlungen an die Krankheitsphase und die vorherrschenden Beschwerden anzupassen: im Schub eine leicht verdauliche und ballaststoffarme Ernährung vorziehen, in der Remission auf Vielfalt und Qualität setzen, individuelle Verträglichkeiten und Beschwerden dokumentieren und bei Bedarf Ernährungsmedizin oder Diätassistenz einbinden. Für beide Erkrankungen ist die Kernbotschaft an Patient*innen ähnlich: Nicht die perfekte Diät zählt, sondern ein dauerhaft verträgliches, ausgewogenes und realistisch umsetzbares Ernährungsmuster.6
Ernährung bei CED ist keine Frage von Dogmen, sondern von Individualisierung. Wer Schub, Remission, Verträglichkeit und Nährstoffstatus zusammendenkt, kann Patient*innen wirksam begleiten — und zu weniger Symptomen und besserer Lebensqualität beitragen.
Referenzen:
EXA/DE/ENTY/2092