Führung ist eine der zentralen Aufgaben in Organisationen. Doch häufig wird sie auf die Frage reduziert: „Welcher Führungsstil ist der richtige?“ – autoritär, kooperativ oder transformational? Der österreichische Managementdenker Fredmund Malik (2000, 2014) hält diese Sichtweise für irreführend. Denn nicht der Stil, sondern Prinzipien entscheiden über Wirksamkeit in der Führung. Diese Prinzipien sind keine angeborenen Eigenschaften, sondern erlernbar und in der Praxis trainierbar.
Damit eröffnet Malik einen entlastenden und zugleich anspruchsvollen Zugang: Jeder, der Verantwortung trägt, kann lernen, wirksam zu führen – vorausgesetzt, er orientiert sich an den richtigen Grundsätzen. Sechs Prinzipien stehen im Zentrum seines Ansatzes: Resultatorientierung, Beitrag zum Ganzen, Konzentration auf Weniges und Wesentliches, auf Stärken setzen, Vertrauen schaffen und positive-konstruktive Kommunikation.
Resultatorientierung – den Blick auf Wirkung richten
Wirksame Führung bedeutet nicht, Beschäftigung zu verwalten, sondern Ergebnisse zu erzielen. Malik (2000) betont, dass Aktivitäten wertlos sind, wenn sie nicht zu Resultaten führen. Auch Peter Drucker (1999) formulierte schon: „Management is about doing the right things, not doing things right.“ Entscheidend ist also nicht die Menge an Aufgaben, sondern der Beitrag, den eine Handlung zum angestrebten Ziel leistet.
Resultatorientierung fordert von Führungskräften, klare Ziele zu formulieren, Prioritäten zu setzen und messbare Ergebnisse einzufordern. Sie verhindert, dass Energie in Nebenaufgaben versickert. Stattdessen entsteht Transparenz: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wissen, was von ihnen erwartet wird – und können ihre Energie auf das Wesentliche konzentrieren.
Beitrag zum Ganzen – Verantwortung über den Tellerrand hinaus
Ein zweites Prinzip lautet: Jeder trägt Verantwortung für den Gesamterfolg. Malik (2014) warnt vor einer „Silodenke“, die nur das eigene Team oder die eigene Abteilung optimiert. Führungskräfte müssen sich fragen: Welchen Beitrag leiste ich zum Ganzen?
Dieses Denken fördert Zusammenarbeit und verhindert Konkurrenz zwischen Abteilungen. Es erfordert allerdings eine Haltung, die über den eigenen Vorteil hinausgeht. Ähnlich argumentiert Simon (1997), der betont, dass Organisationen nur funktionieren, wenn Akteure bereit sind, ihre Entscheidungen am Gesamtnutzen auszurichten.
Führungskräfte, die dieses Prinzip ernst nehmen, fördern systemisches Denken: Jede Entscheidung wird im Lichte der gesamten Organisation betrachtet. Das stärkt nicht nur die Effizienz, sondern auch die Glaubwürdigkeit in der Belegschaft.
Konzentration auf Weniges und Wesentliches – Komplexität meistern
In einer Welt voller Informationen und Aufgaben ist es leicht, sich zu verzetteln. Das dritte Prinzip fordert daher, sich auf das wirklich Wichtige zu konzentrieren. „Nicht alles, was wichtig ist, ist wesentlich, und nicht alles, was wesentlich ist, ist dringend“, so Malik (2000).
Der Fokus auf Weniges und Wesentliches bedeutet, Prioritäten radikal zu klären. Es geht darum, 20 % der Aufgaben zu identifizieren, die 80 % des Erfolgs bringen – eine Anwendung des Pareto-Prinzips. Henry Mintzberg und Herbert Simon (1997) haben gezeigt, dass Überlastung und Entscheidungsdruck nur durch klare Fokussierung bewältigt werden können.
Führungskräfte, die dieses Prinzip umsetzen, schaffen Klarheit für ihre Teams: Sie geben Orientierung und schützen Mitarbeitende vor unnötiger Komplexität. Das steigert sowohl die Produktivität als auch die Zufriedenheit.
Auf Stärken setzen – Potenziale statt Defizite fördern
Ein häufiger Fehler in Organisationen ist die Fixierung auf Schwächen. Mitarbeitende sollen ihre Defizite ausgleichen, während ihre Talente vernachlässigt werden. Malik (2000) dreht diese Logik um: Wirksame Führung setzt auf Stärken. Nur dort, wo Fähigkeiten und Talente liegen, können Menschen Spitzenleistungen erbringen.
Diese Haltung findet Unterstützung in der Positiven Psychologie. Martin Seligman (2002) zeigte, dass die Konzentration auf persönliche Stärken nicht nur Leistung, sondern auch Zufriedenheit und Motivation steigert. Schwächen müssen nicht ignoriert werden, doch sie dürfen nicht das Zentrum von Entwicklungsprozessen bilden.
Praktisch bedeutet das: Führungskräfte sollten Talente erkennen, fördern und in Positionen einsetzen, in denen diese Stärken wirksam werden können. Teams werden dadurch leistungsfähiger und resilienter.
Vertrauen schaffen – die Basis von Zusammenarbeit
Vertrauen ist die unsichtbare Währung jeder Organisation. Ohne Vertrauen entstehen Kontrolle, Misstrauen und Bürokratie – mit enormen Kosten. Stephen R. Covey (2006) spricht in diesem Zusammenhang von der „Geschwindigkeit des Vertrauens“: Wo Vertrauen herrscht, laufen Prozesse schneller und kostengünstiger.
Für Malik (2014) ist Vertrauen ein zentrales Führungsprinzip. Führungskräfte müssen Verlässlichkeit zeigen, Zusagen einhalten und Transparenz schaffen. Vertrauen entsteht nicht durch Appelle, sondern durch konsistentes Handeln.
Besonders in Zeiten von Veränderung und Unsicherheit zeigt sich die Bedeutung dieses Prinzips: Nur wenn Vertrauen vorhanden ist, sind Menschen bereit, neue Wege mitzugehen.
Positive und konstruktive Kommunikation – die Kraft der Sprache nutzen
Sprache prägt Wirklichkeit. Führungskräfte, die negativ und destruktiv kommunizieren, blockieren Motivation und Innovation. Malik (2000) fordert deshalb eine Kommunikation, die klar, respektvoll und konstruktiv ist.
Positive Kommunikation bedeutet nicht Schönfärberei. Sie basiert auf Ehrlichkeit, aber sie ist lösungsorientiert. Kritik wird so formuliert, dass sie Entwicklung ermöglicht, nicht Demotivation erzeugt.
Konstruktive Kommunikation fördert Zusammenarbeit und beugt Missverständnissen vor. Sie schafft eine Kultur, in der Probleme offen angesprochen und gemeinsam gelöst werden können – ein entscheidender Wettbewerbsvorteil in komplexen Umwelten.
Fazit: Führung ist lernbar
Die sechs Führungsprinzipien nach Malik bieten eine praxisnahe Orientierung für alle, die Verantwortung tragen. Sie machen deutlich: Wirksamkeit in der Führung hängt nicht von charismatischen Persönlichkeiten oder „natürlichen Talenten“ ab, sondern von der konsequenten Anwendung erlernbarer Grundsätze.
Führungskräfte, die sich an Resultaten orientieren, zum Ganzen beitragen, sich auf Wesentliches konzentrieren, Stärken fördern, Vertrauen schaffen und konstruktiv kommunizieren, legen die Basis für nachhaltigen Erfolg – unabhängig von Branche oder Hierarchieebene.
Dies ist eine Zusammenfassung aus dem Workshop der IBSA FertiExpert-Akademie
Autorin:
Dipl.-Psych. Isa Schlott, www.coaching-lounge.com
Literatur