INTERVIEW | dm-Geschäftsführer Sebastian Bayer spricht über Konkurrenzfähigkeit, den Convenience-Faktor für Kunden und hybride Lösungen mit Vor-Ort-Apotheken.
Kurz nach unserem Gespräch mit Sebastian Bayer erhob die Wettbewerbszentrale Klage gegen dm. Daraus ergaben sich Rückfragen, die wir in schriftlicher Form stellten. Hier die Ergänzung zum Video-Interview oben:
DocCheck: Die Wettbewerbszentrale wirft dm vor, mit dem aktuellen Modell apothekenrechtliche Vorgaben zu umgehen und die Trennung von Arzneimittel- und Drogeriesortiment aufzuweichen. Wie begegnen Sie diesem konkreten Vorwurf? Sehen Sie in der Klage ein grundsätzliches Missverständnis Ihres Modells – oder einen Hinweis auf rechtliche Grauzonen?
Bayer: Uns liegt bislang keine Klage der Wettbewerbszentrale vor, sodass wir inhaltlich noch nicht zu ihr Stellung nehmen können. dm hält sich selbstverständlich an das geltende Recht. dm-med ist eine eigenständige Apotheke, die über alle erforderlichen Zulassungen verfügt und in pharmazeutischer Hinsicht von leitenden Apothekern als Fachperson nach tschechischem Recht geleitet wird. Wir möchten betonen, dass der Versand von nicht verschreibungspflichtigen Arzneimitteln nach Deutschland nach deutschem und tschechischem Recht ausdrücklich zulässig ist.
DocCheck: Können Sie angesichts der Klage konkret darlegen, warum und wie Ihr Modell die Anforderungen an Arzneimittelsicherheit und apothekenrechtliche Trennung vollumfänglich erfüllt?
Bayer: Bei dm-med arbeiten ausgebildete Apothekerinnen und Apotheker sowie pharmazeutisch-technische Fachkräfte (PTAs), die die Qualität und Sicherheit der Bestellungen gewährleisten und telefonisch wie auch digital für fachkundige Beratung zur Verfügung stehen. Ergänzend erhalten Kundinnen und Kunden beispielsweise eine E-Mail mit Wechselwirkungshinweisen von dm-med, falls die von ihnen gemeinsam bestellten Produkte es erfordern. Registrierte Personen können die Hinweise auch zusätzlich ganz einfach in ihrem dm-Konto nachlesen. Darüber hinaus finden sie sowohl im Beipackzettel als auch im Onlineshop von dm-med Verwendungs- sowie Warnhinweise, damit sie die gekauften Produkte richtig einnehmen können. Die apothekenrechtliche Trennung ist Grundlage des Setups bei dm. Die apothekenpflichtigen und apothekenexklusiven Produkte werden ausschließlich von dm-med, einem eigenständigen Unternehmen mit Sitz in Tschechien, das eine Präsenz- und Versand-Apotheke betreibt, verkauft. Die Kundinnen und Kunden werden hierüber während des Bestellprozesses im Onlineshop und in der App transparent informiert. Eine Vermischung findet nicht statt. Das gilt auch bei gemeinsamer Bestellung von Produkten aus der Versand-Apotheke und Artikeln aus dem Drogeriesortiment des dm-Onlineshops. Die bestellten Apothekenartikel werden auch hier von der Versand-Apotheke versandfertig verpackt und bleiben bis zur Ankunft bei der Kundin oder dem Kunden klar von den Drogerieprodukten aus dem klassischen dm-Sortiment getrennt.
DocCheck: Hat die Klage Einfluss auf Ihre Überlegungen zu hybriden Modellen oder einer stärkeren strukturellen Einbindung approbierter Apothekerinnen und Apotheker?
Bayer: Die Apotheke dm-med wird bereits von leitenden Apothekern als Fachperson nach tschechischem Recht geleitet. Bei Fragen zum Sortiment von dm-med stehen den Kundinnen und Kunden deutschsprachige Apothekerinnen und Apotheker sowie PTAs im dm-med Kundenservice kompetentzur Seite. Aufgrund der aktuellen Regulierung ist es uns als Drogeriemarkt nicht erlaubt, apothekenpflichtige oder rezeptpflichtige Arzneimittel anzubieten. Änderungen in diesem Bereich liegen ausschließlich beim Gesetzgeber. Gleichzeitig sehen wir Potenzial für hybride Modelle und eine stärkere Zusammenarbeit mit approbierten Apothekerinnen und Apothekern. Es gibt bereits positive Beispiele von Apotheken, die unternehmerisch neue Wege gehen, und wir halten es für wichtig, diesen Entwicklungen mutig Raum zum Experimentieren zu geben. Wir beobachten den Markt aufmerksam und sind offen für innovative Kooperationen, die für die Kundinnen und Kunden Mehrwert schaffen. Unabhängig davon respektieren wir die wichtige Rolle der Apotheken im Gesundheitswesen und möchten gemeinsam mit ihnen einen Beitrag zur Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung leisten.
DocCheck: Gibt es für dm eine juristische oder wirtschaftliche Schwelle, ab der Sie das Modell grundlegend überdenken würden?
Bayer: dm-med ist nach sorgfältiger rechtlicher und wirtschaftlicher Prüfung gestartet und wir sind von diesem Geschäftsmodell überzeugt. Die Kooperation mit dm-med ist eine sinnvolle Ergänzung der langfristigen strategischen Ausrichtung von dm auf Prävention und Gesundheit. Wir denken dabei nicht in starren Schwellenwerten – weder juristisch noch wirtschaftlich –, sondern verfolgen einen unternehmerisch verantwortungsvollen Ansatz: Wir beobachten die regulatorischen Entwicklungen aufmerksam und richten unsere Strategie konsequent an den Marktbedingungen sowie den Bedürfnissen unserer Kundinnen und Kunden aus. Dieser Ansatz gehört seit jeher zur Unternehmensphilosophie von dm.
Bildquellen: Seedream, Christina Ridl