Ich bin Angehöriger einer älteren Patientin, die über Monate hinweg mit 40 mg Pipamperon behandelt wurde – ohne Psychotherapie, ohne fundierte Diagnostik, ohne alternative Maßnahmen. Nach und nach wurde sie stiller, antriebsloser, ausdrucksloser. Gespräche waren kaum mehr möglich, selbst Lächeln oder Tränen blieben aus.
Nach Reduktion der Medikation (und viel Gegenwind) kehrten Stück für Stück affektive Regungen zurück. Ich habe mich daraufhin intensiv eingelesen – u. a. in die DGPPN-Leitlinie, die DART-AD-Studie (Ballard et al., 2009) und Fallstatistiken zu Delirrisiko und Sturzmortalität (Woolcott et al., 2009). Die Resultate werfen für mich unbequeme Fragen auf.
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Meine Fragen an euch:
1. Wird Pipamperon – besonders bei geriatrischen Patient:innen – als Ersatz für psychotherapeutische oder menschliche Zuwendung eingesetzt?
2. Ist dem Pflegepersonal und ärztlichem Umfeld in solchen Fällen überhaupt bewusst, wie schlecht es diesen Menschen geht – auch wenn sie es nicht mehr artikulieren können?
3. Wo verläuft aus eurer Sicht die Grenze zwischen „praktischer Ruhigstellung“ und funktioneller Ausschaltung?
4. Wenn Emotion, Wille, Mimik, Kontaktfähigkeit verschwinden: Ist ein sozialer Tod nicht gleichwertig mit einem körperlichen – nur chemisch langsamer?
5. Wird dieser Zustand stillschweigend in Kauf genommen, weil es die einfachste Lösung bei Ressourcenknappheit ist?
Meine Hypothese:
Pipamperon ist in vielen Fällen kein medizinisches Hilfsmittel, sondern ein Sedierungswerkzeug zur systematischen Vermeidung realer Versorgung. Was als „ruhiger Patient“ erscheint, könnte in Wahrheit ein entkernter Mensch sein, der noch da ist – aber niemanden mehr erreicht.
Was denkt ihr dazu?