Ein erhöhtes MCV fällt im Blutbild häufig eher zufällig auf. Besonders irritierend ist der Befund, wenn der Hämoglobinwert völlig normal ist: Die roten Blutkörperchen sind zu groß – eine Anämie besteht aber nicht. Ist das harmlos oder steckt bereits ein Vitamin-B12-Mangel oder eine andere Erkrankung dahinter?
Eine Makrozytose ohne Anämie ist keine Seltenheit. Sie sollte aber nicht einfach ignoriert werden. Denn Veränderungen der Erythrozyten können einer manifesten Blutarmut vorausgehen – und manche Ursachen können bereits Beschwerden verursachen, obwohl Hb und übriges Blutbild noch unauffällig sind.
Von einer Makrozytose spricht man, wenn die roten Blutkörperchen – die Erythrozyten – im Durchschnitt größer als normal sind.
Gemessen wird dies über das mittlere korpuskuläre Volumen (MCV). Das MCV beschreibt das durchschnittliche Volumen der Erythrozyten.
Typischerweise gilt:
Die exakten Referenzbereiche können je nach Labor und Messverfahren etwas variieren.
Ein erhöhtes MCV bedeutet zunächst nur:
Die Erythrozyten sind im Durchschnitt vergrößert.
Ob gleichzeitig eine Anämie besteht, beurteilt man dagegen vor allem über den Hämoglobinwert (Hb).
Deshalb kann durchaus die Konstellation auftreten:
MCV erhöht – Hb normal.
Das ist die Makrozytose ohne Anämie.
Nicht automatisch.
Ein normales Hämoglobin bedeutet zunächst, dass noch keine Anämie vorliegt. Es sagt aber wenig darüber aus, warum das MCV erhöht ist.
Gerade in frühen Stadien eines Vitamin-B12- oder Folsäuremangels kann sich das MCV verändern, bevor eine ausgeprägte Anämie entsteht.
Andererseits gibt es auch relativ häufige Ursachen wie regelmäßigen Alkoholkonsum oder bestimmte Medikamente.
Entscheidend ist deshalb nicht nur der einzelne MCV-Wert, sondern die Kombination aus:
Ein Vitamin-B12-Mangel gehört zu den wichtigsten Ursachen einer Makrozytose.
Vitamin B12 beziehungsweise Cobalamin wird unter anderem für die normale Zellteilung und Blutbildung benötigt. Fehlt es, kann die Reifung der Erythrozyten gestört werden.
Wichtig ist dabei:
Ein Vitamin-B12-Mangel muss nicht mit einer Anämie beginnen.
Auch neurologische Beschwerden können auftreten, obwohl Hb und teilweise sogar das MCV noch im Referenzbereich liegen.
Mögliche Beschwerden sind beispielsweise:
Deshalb sollte ein normaler Hb-Wert einen klinisch vermuteten Vitamin-B12-Mangel nicht vorschnell ausschließen.
Auch Folsäure wird für DNA-Synthese und Zellteilung benötigt.
Ein Folsäuremangel kann deshalb ebenfalls zu einer makrozytären Blutbildveränderung führen.
Mögliche Ursachen sind unter anderem:
Vitamin-B12- und Folsäuremangel können im Blutbild sehr ähnlich aussehen.
Wichtig: Eine Folsäuresubstitution sollte bei ungeklärter Makrozytose nicht einfach einen möglicherweise gleichzeitig vorhandenen Vitamin-B12-Mangel überdecken. Eine alleinige Folsäuregabe kann die hämatologischen Veränderungen eines B12-Mangels bessern, während neurologische Schäden fortbestehen beziehungsweise fortschreiten können.
Regelmäßiger Alkoholkonsum ist eine häufige Ursache eines erhöhten MCV.
Das kann auch auftreten, ohne dass bereits eine Anämie oder eine schwere Lebererkrankung besteht.
Deshalb gehört die Frage nach Alkohol bei einer ungeklärten Makrozytose zur normalen Anamnese – wertfrei und medizinisch.
Interessant ist dabei der Verlauf: Nach deutlicher Reduktion oder Beendigung des Alkoholkonsums kann sich das MCV im Laufe der Zeit wieder normalisieren.
Auch Erkrankungen der Leber können mit einer Makrozytose einhergehen.
Deshalb können bei einem erhöhten MCV je nach Situation unter anderem GPT (ALT), GOT (AST), Gamma-GT, alkalische Phosphatase und Bilirubin sinnvoll sein.
Ein erhöhtes MCV allein beweist allerdings weder einen erhöhten Alkoholkonsum noch eine Lebererkrankung.
Eine Hypothyreose kann ebenfalls Ursache einer Makrozytose sein.
Bei ungeklärtem erhöhtem MCV gehört deshalb häufig auch ein TSH zur Basisdiagnostik.
Das gilt besonders, wenn zusätzlich Beschwerden wie Müdigkeit, Gewichtszunahme, Kälteempfindlichkeit, trockene Haut oder Verstopfung bestehen.
Die Medikamentenanamnese wird bei einer Makrozytose leicht unterschätzt.
Verschiedene Arzneimittel können das MCV erhöhen oder indirekt einen Vitaminmangel begünstigen.
Je nach Patient können beispielsweise Medikamente relevant sein, die in den Folsäurestoffwechsel, die DNA-Synthese oder die Vitamin-B12-Versorgung eingreifen.
Auch bei einer langfristigen Metformin-Therapie sollte an einen Vitamin-B12-Mangel gedacht werden.
Ähnliches gilt bei langfristiger Einnahme von Protonenpumpenhemmern, insbesondere wenn weitere Risikofaktoren für einen B12-Mangel bestehen.
Das bedeutet nicht, dass diese Medikamente wegen eines erhöhten MCV eigenständig abgesetzt werden sollten. Sie gehören aber in die Ursachenanalyse.
Auch eine Retikulozytose kann das MCV erhöhen.
Retikulozyten sind größer als ausgereifte rote Blutkörperchen. Werden beispielsweise nach einer Blutung oder Hämolyse verstärkt neue Erythrozyten gebildet, kann das durchschnittliche Zellvolumen deshalb steigen.
Die Retikulozytenzahl hilft somit bei der Einordnung einer ungeklärten Makrozytose.
Seltener steckt eine hämatologische Erkrankung hinter einer Makrozytose.
Insbesondere bei älteren Patienten sollte daran gedacht werden, wenn zusätzlich andere Zellreihen verändert sind, beispielsweise:
Eine mögliche Ursache ist beispielsweise ein myelodysplastisches Syndrom (MDS).
Eine isolierte geringgradige MCV-Erhöhung bedeutet aber keineswegs automatisch eine Knochenmarkerkrankung.
Diese Konstellation ist besonders interessant, weil sich zwei Effekte gegenseitig beeinflussen können.
Eisenmangel macht Erythrozyten typischerweise kleiner.
Vitamin-B12- oder Folsäuremangel macht sie typischerweise größer.
Bestehen beide Mangelzustände gleichzeitig, kann das resultierende MCV deshalb überraschend normal sein.
Abb.: Der MCV-Fallstrick: Eisenmangel verkleinert Erythrozyten typischerweise, Vitamin-B12- oder Folsäuremangel vergrößert sie. Bestehen beide gleichzeitig, kann das MCV trotz relevanter Mangelzustände normal erscheinen. © Dr. med. Gernot Brockmann
Das ist ein wichtiger Fallstrick:
Ein normales MCV schließt einen Vitamin-B12-Mangel nicht aus.
Deshalb sollte man Laborwerte nicht isoliert interpretieren.
Die Diagnostik richtet sich nach Vorgeschichte, Beschwerden und Ausprägung des Befundes.
Häufig sinnvoll sind zunächst:
Bei grenzwertigem Vitamin B12 kann die alleinige Bestimmung des Gesamt-B12 zu kurz greifen.
Je nach Konstellation können zusätzlich Holotranscobalamin oder Methylmalonsäure hilfreich sein.
Holotranscobalamin ist die metabolisch aktive B12-Fraktion und kann als Frühmarker eines Vitamin-B12-Mangels eingesetzt werden.
Gerade bei neurologischen Beschwerden sollte ein Vitamin-B12-Mangel nicht allein deshalb verworfen werden, weil das Gesamt-B12 gerade noch innerhalb des Laborreferenzbereichs liegt.
Das ist wahrscheinlich der wichtigste Punkt des gesamten Befundes.
Das MCV beschreibt die durchschnittliche Größe der Erythrozyten. Es sagt nicht, warum sie größer oder kleiner sind.
Ein MCV von beispielsweise 103 fl ist deshalb keine Diagnose.
Und auch ein MCV von 95 fl beweist nicht, dass Vitamin B12, Folsäure und Eisenstoffwechsel in Ordnung sind.
Laborwerte müssen immer gemeinsam betrachtet werden.
Eine ausführlichere hausärztliche Einordnung mit MCV, Vitamin B12, Folsäure, Eisenmangel und möglichen Ursachen finden Sie auch im Ratgeber: Makrozytose ohne Anämie: Ursachen, MCV & Vitamin B12.
Besonders sinnvoll ist eine weitere Abklärung, wenn:
Eine einmalige minimale Überschreitung des Referenzbereichs bei ansonsten völlig unauffälligem Befund hat dagegen eine andere Bedeutung als eine zunehmende Makrozytose über mehrere Blutbilder.
Der Verlauf ist häufig mindestens genauso wichtig wie der Einzelwert.
Besondere Aufmerksamkeit verdient die Kombination aus erhöhtem MCV und neurologischen Symptomen.
Kribbeln, Taubheitsgefühl, Gangunsicherheit oder Störungen des Vibrationsempfindens können zu einem Vitamin-B12-Mangel passen.
Dabei sollte man nicht darauf warten, dass zusätzlich eine ausgeprägte makrozytäre Anämie entsteht.
Neurologische Manifestationen eines Vitamin-B12-Mangels können vor den klassischen hämatologischen Veränderungen auftreten.
Eine frühzeitige Abklärung ist deshalb wichtig.
Behandelt wird nicht das MCV selbst, sondern die zugrunde liegende Ursache.
Bei einem Vitamin-B12-Mangel wird Vitamin B12 substituiert und möglichst geklärt, warum der Mangel entstanden ist.
Bei Folsäuremangel wird entsprechend Folat ersetzt.
Bei Alkohol als Ursache kann eine Reduktion beziehungsweise Karenz zur Normalisierung beitragen.
Bei einer Schilddrüsenunterfunktion oder Lebererkrankung steht deren Behandlung im Vordergrund.
Und bei auffälligen weiteren Blutbildparametern kann eine hämatologische Abklärung erforderlich werden.
Das MCV kann anschließend als Verlaufsparameter dienen.
Eine Makrozytose ohne Anämie bedeutet zunächst nur, dass die roten Blutkörperchen im Durchschnitt vergrößert sind, obwohl der Hämoglobinwert noch normal ist.
Der Befund ist nicht automatisch gefährlich – sollte aber insbesondere bei wiederholtem Auftreten nicht einfach ignoriert werden.
Zu den wichtigen Ursachen gehören Vitamin-B12-Mangel, Folsäuremangel, Alkohol, Lebererkrankungen, Hypothyreose, Medikamente und eine Retikulozytose. Seltener kommen Erkrankungen des Knochenmarks infrage.
Besonders wichtig ist die Erkenntnis:
Ein normales Hämoglobin schließt einen Vitamin-B12-Mangel nicht aus. Und selbst ein normales MCV kann einen B12-Mangel nicht sicher ausschließen, wenn gleichzeitig beispielsweise ein Eisenmangel besteht.
Deshalb ist bei auffälligen Erythrozytenindizes nicht der einzelne Laborwert entscheidend, sondern das Gesamtbild aus Blutbild, Beschwerden, Verlauf und ergänzender Labordiagnostik.
Ja. Genau diese Konstellation bezeichnet man als Makrozytose ohne Anämie. Sie kann beispielsweise bei frühem Vitamin-B12- oder Folsäuremangel, regelmäßigem Alkoholkonsum, Lebererkrankungen, Hypothyreose oder unter bestimmten Medikamenten auftreten.
Ja. Besonders bei gleichzeitigem Eisenmangel können sich die gegenläufigen Veränderungen der Erythrozytengröße teilweise ausgleichen. Auch neurologische Manifestationen eines B12-Mangels können ohne typische Makrozytose auftreten.
Nein. Das MCV allein sagt nichts über die Ursache oder Gefährlichkeit aus. Entscheidend sind Höhe, Verlauf, weitere Blutwerte, Beschwerden und mögliche Ursachen.
Vor allem Vitamin B12 und Folsäure sind relevant. Bei grenzwertigem B12 und klinischem Verdacht können ergänzende Marker wie Holotranscobalamin oder Methylmalonsäure sinnvoll sein.
Ja. Eine Makrozytose kann im Zusammenhang mit regelmäßigem Alkoholkonsum auftreten, ohne dass gleichzeitig zwingend eine manifeste Lebererkrankung oder deutlich pathologische Leberwerte bestehen müssen.
Das hängt von der Gesamtkonstellation ab. Besonders relevant sind eine zunehmende oder ausgeprägte Makrozytose, zusätzliche Anämie, Leukopenie oder Thrombozytopenie, ein auffälliges Differentialblutbild oder eine fehlende Erklärung trotz Basisdiagnostik.
Dr. med. Gernot BrockmannFacharzt für AllgemeinmedizinHausarztpraxis am RomanplatzMünchen-Neuhausen-Nymphenburg