Der Volksmund sagt, man ist so alt, wie man sich fühlt. Für Mediziner entscheidet darüber das biologische Alter. Die bisherigen Verfahren der Bestimmung sind unzuverlässig. Ein jetzt in Ulm identifizierter Biomarker verspricht Abhilfe. Er könnte in Zukunft im Labor getestet werden und als wichtiger Indikator für therapeutische Behandlungen alter Menschen herangezogen werden.
Die Max-Planck-Forschungsgruppe für Stammzellalterung an der Uni Ulm, unter der Leitung von Professor Dr. med. Karl Lenhard Rudolph, hat kürzlich eine Gruppe von Proteinen identifiziert, die als Marker etwas über das biologische Alter aussagen können. Die Indikatoren werden bei DNA-Schädigung und Verkürzung der Telomere von den Stammzellen freigesetzt. Rudolph und Hong Jiang, eine chinesische Doktorandin in der Forschungsgruppe, stellten fest, dass diese Marker auch im menschlichen Blut gemessen werden können und dass ein deutlicher Anstieg im Alter und bei chronischen Erkrankungen nachweisbar ist. Ihr Ergebnis bestätigt auch die lang aufgestellte Hypothese, dass eine DNA-Schädigung zur Alterung von Zellen und Geweben führt. Die Forscher aus Ulm sehen für ihren Biomarker zwei Einsatzgebiete: im klinischen Bereich sowie im Bereich Nahrungszusätze und pharmakologischen Therapien zur Verlängerung von Alternsvorgängen. Klinikärzte stehen bei älteren Menschen oft vor der Frage, ob die Patienten noch die Regenerationsfähigkeit besitzen, um eine Operation zu überstehen. Der Marker könnte dazu beitragen, eine alternsgemäß individuelle Therapie zu entwickeln, hofft die Forschungsgruppe. Bei Nahrungsergänzungsmitteln könnte getestet werden, ob die Substanzen tatsächlich das Ansteigen der Biomarkerkonzentration im Alter verlangsamen. Damit wäre erstmalig ein verlässlicher Nachweis möglich, ob die Vitamine und Mineralstoffe aus dem Supermarktregal das halten, was sie versprechen.
Länger gesund im Alter
Rudolph, 38, leitet seit Herbst letzten Jahres das Institut für Molekulare Medizin sowie die Max-Planck-Forschungsgruppe Stammzellalterung an der Uni Ulm. Der junge Wissenschaftler hat auf dem Gebiet der Alterungs-, Regenerations- und Tumorforschung international einen renommierten Ruf. Sein Ziel ist angesichts einer zunehmend älter werdenden Gesellschaft , „ein gesundes Altern des Menschen“ zu ermöglichen. Aus den USA, wo er sich gerade zu einem ‚aging meeting’ aufhielt, beantwortete er DocCheck folgende Fragen zu den Möglichkeiten der ‚Agingmarker’:
Wie lange wird es dauern, bis Ihr Biomarker in jedem Labor getestet werden kann?
Die von uns identifizierten Marker müssen jetzt für den diagnostischen Routine-Einsatz weiterentwickelt werden. Hier ergibt sich eine Chance für Firmen, die im Bereich von Diagnostik und Labortesten tätig sind. Ich denke, eine Diagnose könnte realistischerweise in einem Jahr zur Verfügung stehen.
Welche Voraussetzungen müssen geschaffen werden, damit im klinischen Bereich die Biomarker für individuell angepasste Therapien eingesetzt werden können?
Dies erfordert klinische Studien. Man muss untersuchen, inwieweit die Biomarker die Prognose von Erkrankungen und den Krankheitsverlauf vorhersagen. Wenn man das weiß, können Therapien dem individuellen Risiko angepasst werden.
Könnte der Biomarker für alte Patienten Nachteile haben? Beispielsweise bei der Entscheidung, ob bestimmte OPs nicht mehr durchgeführt werden?
Nein, das ist nicht das Ziel. Schon heute ziehen Ärzte bei bestimmten Therapien (Chirurgie, Strahlentherapie, Chemotherapie) das Alter der Patienten in Erwägung. Bei hohem Lebensalter wäre es sehr wichtig, die individuelle Regenerationsfähigkeit vorhersagen zu können. Man kann dann solche Therapien dem individuellem Risiko anpassen. Wenn man weiß, dass eine bestimmte Therapie aufgrund einer eingeschränkten Regenerationsfähigkeit dem Patienten schaden würde, würde man versuchen mit nicht-invasiven Verfahren zu therapieren. Es kann aber auch genau andersrum sein, dass man sieht, dass ein alter Mensch noch sehr gute Regenerationsreserven besitzt. Dann möchte man ihm aufgrund des hohen Lebensalters eine Operation, von der er aller Wahrscheinlichkeit nach profitieren würde, nicht vorenthalten.
Von breitem Interesse ist sicherlich auch, wenn man mit dem Biomarker den Nutzen von Nahrungsergänzungsmitteln testen könnte. Wer sollte Ihrer Meinung diese Tests machen?
Hier ergibt sich eine Chance für die Nahrungsmittelindustrie. Nahrungsmittelzusätze gibt es heute in jedem Supermarkt und die Verkaufszahlen zeigen, dass die Menschen ein Interesse daran haben mit Nahrungsmitteln etwas für ihre Gesundheit und gegen die Alterung zu tun. Allerdings gibt es heute sehr wenig wissenschaftliche Daten, welche Nahrungsmittelzusätze wirklich etwas bringen. Die jetzt identifizierten Biomarker bieten hier eine gute Chance, den Anti-Aging Effekt von solchen Zusätzen wissenschaftlich zu bestimmen. Die Marker steigen im menschlichen Blut als Folge von DNA-Schädigung an. DNA-Schädigung ist einer der grundlegenden Mechanismen, die der menschlichen Alterung zugrunde liegen. Wenn bestimmte Nahrungsmittelzusätze die Anhäufung von DNA-Schädigung bremsen könnten, wäre dies eine sehr gutes Indiz, dass sich hierdurch der Alterungsprozess verlangsamen ließe.