Zum Medizinischen Fakultätentag trafen sich Vertreter universitätsmedizinischer Ausbildungs- und Forschungsstätten Deutschlands, Österreichs, der Schweiz und der Niederlande. Sie fordern eine unabhängige Qualitätssicherung für neue "Schmalspurhochschulen".
Die Delegierten befassten sich in einer Resolution zur unabhängigen Qualitätssicherung privater Medical Schools mit der Hochschulentwicklung in Hamburg. „Die private Fachhochschule für Gesundheit und Medizin versucht, eine staatliche Anerkennung als Medical School Hamburg zu erhalten. Der Name ‚Medical School‘ ist dabei Programm, denn es handelt sich nicht um eine Volluniversität. Die Theorie soll auf Fachhochschulniveau und die Praxis auf Lehrkrankenhausebene vermittelt werden. Ein solches Konzept führt zu einer Abkopplung des Medizinstudiums vom aktuellen Stand der Wissenschaften und der Forschung und damit zu einer Verschlechterung der Ausbildung“, erläutert Professor Heyo Kroemer, Präsident des Medizinischen Fakultätentages (MFT). „Der akademische Inhalt eines solchen Antrags bedarf daher einer unabhängigen Überprüfung. Auch private Träger dürfen die hohen Auflagen der Ärzteausbildung nicht ignorieren. Was in Hamburg passiert ist von grundsätzlicher Bedeutung, denn auch in anderen Ländern liegen ähnliche Anträge vor.“ Nach aktuellen Informationen des Medizinischen Fakultätentages hat die Medical School Hamburg (MSH) – derzeit noch Fachhochschule für Gesundheit und Medizin - beim Hamburger Senat einen Antrag auf Anerkennung als Medizinische Hochschule gestellt. Das Konzept, so der Fakultätentag, sei jedoch ausschließlich auf Lehre ausgerichtet und trenne somit - singulär in Deutschland - die Lehre von der Forschung. Während die vorklinische Ausbildung in Hamburg erfolge, solle der klinische Studienabschnitt u. a. an Lehrkrankenhäusern deutscher Medizinfakultäten durchgeführt werden. Die Abkopplung der Lehre von der Forschung in einer Einrichtung – mit nach außen dargestelltem wissenschaftlichen Anspruch – widerspricht, so der Medizinische Fakultätentag, dem Humboldt'schen Prinzip der Einheit von Forschung und Lehre als Grundlage für fundierte wissenschaftliche Ausbildung. Die MSH kehre somit zum Fachschulmodell des 19. Jahrhunderts zurück, welches allein auf das Funktionieren im Bekannten und Gegebenen vorbereite. Eine moderne Universität müsse aber davon ausgehen, dass sich ihre Absolventen typischerweise in Situationen der Ungewissheit und konkurrierender Deutungen zu bewegten. Studierende müssen, so der MFT, die Souveränität gewinnen, damit im Beruf umgehen zu können. Hierzu seien eine wissenschaftlich basierte Urteilsfähigkeit und eine explizit darauf gründende Handlungsfähigkeit erforderlich, welche die notwendige Problemlösungsexpertise auch für während des Studiums noch gar nicht absehbare Fragestellungen bereitstelle. Dies sei jedoch nur in der steten Auseinandersetzung der Lehrenden und Lernenden mit den aktuellen Fragen der Wissenschaft erreichbar und nicht mit der Anwendung bereits etablierten Fachwissens.
Ethisch nicht vertretbar und im Widerspruch zur geltenden Berufs- und Ausbildungsordnung, so die Auffassung des MFT, wäre es, Studierende in Kliniken ohne Forschungs- und Wissenschaftskompetenz auszubilden. Eine klinische Ausbildung in Lehrkrankenhäusern werde daher als kritisch angesehen, da hier der universitäre Charakter der Ausbildung fehle. Lehrkrankenhäuser seien in die Ausbildung von Studierenden im Praktischen Jahr (PJ), nicht aber in den akademischen Unterricht (Vorlesungen, Seminare, Praktika etc.) in den klinischen Fächern eingebunden. Es sei zu erwarten, dass hier nicht ausreichend qualifiziertes (habilitiertes) Lehrpersonal für alle klinischen Fächer und auch keine ausreichenden sonstigen Kapazitäten (Fächerspektrum, theoretische Fächer, etc.) vorhanden sseien. Die geplanten Studiengebühren der MSH von insgesamt 90.000 bis 100.000 Euro führten zu einer sozialen Abstufung beim Zugang zum Medizinstudium und zeigten im deutschlandweiten Vergleich obendrein, dass hier eine beträchtliche Unterfinanzierung des Medizinstudiums bestehe, sofern das Finanzierungsmodell nicht weitere Geldquellen vorsehe. Hier bestehe die Gefahr, dass kommerzieller Druck die Medizinerausbildung diktiere. Von den künftigen Ärzten, so der Medizinische Fakultätentag, wird aber im besonderen Maße eine hohe soziale Kompetenz und die Bereitschaft zur Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung erwartet.
Im Interesse der Beibehaltung hoher Qualitätsstandards, so der MFT, müsse vor der Entscheidung über eine Anerkennung durch die entsprechenden staatlichen Behörden eine unabhängige Begutachtung erfolgen. Die Entscheidung solle in einem nachvollziehbaren, transparenten Verfahren getroffen werden. In jedem Fall müssten auch die ökonomischen, sozialen und strukturellen Auswirkungen von Medical Schools in privater Trägerschaft auf die Hochschullandschaft und das Gesundheitswesen betrachtet werden. Weiterhin bittet der MFT das Land Hamburg in seiner Resolution, über die Anerkennung erst zu entscheiden, nachdem der Wissenschaftsrat und der MFT das Konzept geprüft und eine Empfehlung hätten. Insbesondere solle auch die Teilung der Ausbildung auf mehrere Standorte in verschiedenen Bundesländern kritisch hinterfragt werden. Bei einer länderübergreifenden Ausbildung von Medizinstudierenden sei zu prüfen, ob hier ein entsprechender Staatsvertrag abgeschloßen werden müsse.