Lange vor den ersten Bauchschmerzen verändert sich offenbar schon das Immunsystem: Darmerkrankungen können sich bereits Jahre vor der Diagnose ankündigen. Was das für die Früherkennung bedeutet.
Ein Patient kommt mit blutigem Stuhl und Bauchkrämpfen in die Sprechstunde, die Diagnose lautet: eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa. Für viele Betroffene wirkt die Erkrankung wie aus dem Nichts gekommen. Tatsächlich könnte sich das Immunsystem aber schon Jahre zuvor verändert haben, lange bevor sich die ersten Symptome zeigen. Das legt eine auf der UEG Week 2026 in Barcelona vorgestellte Untersuchung nahe, die das Blut von Betroffenen über mehrere Jahre zurückverfolgt hat.
Für die Untersuchung analysierte ein Team um den niederländischen Arzt-Wissenschaftler und angehenden Gastroenterologen Dr. Arno R. Bourgonje insgesamt 2.000 Serumproben von 500 Personen: 200 von ihnen entwickelten im Studienverlauf einen Morbus Crohn (CD), 200 eine Colitis ulcerosa (UC), 100 gesunde, nach Alter und Geschlecht passende Kontrollpersonen dienten zum Vergleich. Die Blutproben stammten jeweils vom Zeitpunkt der Diagnose sowie rückblickend aus den Jahren etwa 2, 4 und 10 Jahre davor.
Mit einem Verfahren, das Antikörper-Reaktionen gegen etwa 357.000 mikrobielle, virale, Nahrungsmittel- und immunassoziierte Antigene gleichzeitig erfasst, identifizierten die Forscher in den Proben insgesamt 123.980 einzigartige Antikörper. Bei Personen, die später an CD oder UC erkrankten, war die Antikörpervielfalt dabei insgesamt deutlich geringer als bei den gesunden Kontrollen.
Besonders deutlich zeigten sich die Unterschiede bei bestimmten Antigengruppen: Bei künftigen CD-Patienten nahmen sowohl die Reaktionen gegen Herpesviren als auch die Antikörper gegen Flagellin, einen Bestandteil der bakteriellen Geißel, zu. Bei künftigen UC-Patienten stiegen ebenfalls die Reaktionen gegen Herpesviren. Zusätzlich erhöhten sich hier Antikörper gegen körpereigene Strukturen, sogenannte Autoantigene.
Auf Basis dieser Antikörperprofile entwickelte das Team Machine-Learning-Modelle, die zwischen künftigen Patienten und gesunden Kontrollen unterscheiden konnten – und das bis zu 10 Jahre vor der eigentlichen Diagnose. Für CD erreichten die Modelle eine Fläche unter der Kurve (AUC) von 0,90, für UC von 0,84. Noch präziser gelang die Unterscheidung bei kompliziert verlaufendem CD: Hier ließ sich die spätere Komplikation bereits 10 Jahre im Voraus mit einer AUC von 0,85 vorhersagen.
„Es ist faszinierend zu sehen, dass kompliziertes CD bei der Diagnose mit einem distinkten Antikörperprofil assoziiert ist, das schon Jahre vor den ersten klinischen Symptomen vorhanden war“, erklärt Bourgonje. Die beobachteten Unterschiede seien demnach nicht einfach eine Folge der fortschreitenden Krankheit, sondern offenbar schon lange vorher angelegt.
Als nächsten Schritt sieht Bourgonje die Validierung der gefundenen Signaturen in unabhängigen, vielfältigeren und prospektiv begleiteten Bevölkerungsgruppen. Gelingt das, könnten solche Antikörpermuster perspektivisch dabei helfen, Risikopatienten lange vor dem Auftreten erster Beschwerden zu identifizieren und den Verlauf einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung frühzeitig einzuordnen.
Bildquelle: Kateryna Hliznitsova, Unsplash
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