Homöopathie soll Wechseljahresbeschwerden lindern – zumindest laut einer neuen Metaanalyse. Doch wer sich die Daten genauer anschaut, entdeckt ein in die Jahre gekommenes Muster.
Für Eilige gibt's am Ende eine kurze Zusammenfassung.
Die Menopause bringt für viele Frauen Beschwerden mit sich, die ihre Lebensqualität deutlich einschränken; dazu gehören Hitzewallungen, Schlafstörungen und Stimmungstiefs. Auf der Suche nach Linderung führt der Weg viele Frauen in die Apotheke – und dort oft direkt zum Globuli-Regal. Zu dem Thema ist kürzlich im International Journal of Gynecology & Obstetrics eine Metaanalyse erschienen. Sie bescheinigt der Homöopathie, Wechseljahresbeschwerden und vor allem Hitzewallungen zu lindern. Homöopathie-Anhänger dürften sich freuen. Doch wie immer ist bei Homöopathie-Studien Vorsicht angesagt: Kleine Stichproben, mangelhafte Verblindung, selektive Auswertungen und mehrfach gezählte Daten ziehen sich wie ein roter Faden durch die Forschung. Das haben wir in einem früheren Artikel ausführlich gezeigt. Wie sieht es bei dieser Arbeit aus? Wir haben reingeschaut.
Die Autoren um Fatma Şule Bilgiç durchsuchten 5 große Literaturdatenbanken bis Februar 2025. Sie suchten nach randomisiert-kontrollierten Studien (RCTs) mit Frauen zwischen 40 und 55 Jahren in den Wechseljahren. Berücksichtigt wurden nur Arbeiten auf Englisch oder Türkisch. Übrig blieben 6 placebokontrollierte Studien mit insgesamt 557 Frauen. Die Behandlung dauerte zwischen 4 Wochen und 6 Monaten. Zu den eingesetzten homöopathischen Mitteln zählen laut den Autoren Lachesis, Pulsatilla und Sepia – also hochverdünntes Schlangengift, Küchenschelle und Tintenfischtinte. Gemessen wurden die Beschwerden mit etablierten Fragebögen wie der Menopause Rating Scale.
Die Autoren rechneten die Ergebnisse in einen gemeinsamen Maßstab um (die standardisierte Mittelwertdifferenz, SMD), weil die Studien unterschiedliche Fragebögen nutzten. Werte um 0,2 gelten als kleiner Effekt, um 0,5 als mittlerer und ab 0,8 als großer Effekt. Und das sind die Ergebnisse:
Doch wer sich die Zahlen ganz genau angeschaut hat, kommt ins Stolpern: Bei den Beschwerden insgesamt und bei den Hitzewallungen schließen die Konfidenzintervalle die Null ein. Ein 95-%-Konfidenzintervall, das über die Null reicht, heißt aber übersetzt: Der Effekt ist nicht statistisch signifikant. Ein p-Wert von 0,02 oder 0,03 passt dazu überhaupt nicht. Wie kann das sein?
Die Auflösung findet sich in einer Grafik. Der Test auf den Gesamteffekt ergibt dort für die Beschwerden p = 0,09 und für die Hitzewallungen p = 0,18. Beides ist klar nicht signifikant. Die Werte 0,02 und 0,03 stammen aus dem Test auf Subgruppenunterschiede. Der prüft, ob sich zwei Untergruppen der Analyse voneinander unterscheiden. Ob Homöopathie besser wirkt als Placebo, beantwortet er nicht. Im Abstract stehen damit ausgerechnet bei den beiden Endpunkten, die einen positiven Effekt bescheinigen, p-Werte, die mit der eigentlichen Frage nichts zu tun haben.
Welche beiden Subgruppen wurden hier denn eigentlich verglichen? Mit dieser Frage geht es weiter mit den Ungereimtheiten. Die Autoren verglichen die Werte vor der Behandlung und die Werte nach der Behandlung. Für ihren Gesamteffekt haben die Autoren allerdings beide zusammengeworfen, als handele es sich um unabhängige Studien. Methodisch ergibt das keinen Sinn. Die Ausgangswerte sollten sich durch die Randomisierung gerade nicht unterscheiden, genau dafür randomisiert man ja. Mischt man sie mit den Werten nach der Behandlung, entsteht eine Zahl, die inhaltlich nichts bedeutet. Nebenbei verdoppelt sich so die Zahl der Teilnehmerinnen: In einer Grafik der Studie stehen insgesamt 1.080 Frauen, obwohl nur 557 an den Studien teilgenommen haben. Das erinnert an die viel zitierte Übersichtsarbeit von Hamre et al., in der Primärstudien ebenfalls mehrfach gezählt wurden.
Aussagekräftig ist allein der Vergleich der Werte nach der Behandlung. Hier schneidet die Homöopathie bei den Beschwerden tatsächlich besser ab als der Placebo (SMD: −0,71; 95-%-KI: −1,29 bis −0,14; p = 0,02). Doch auch hier gibt es ein Aber: Die Ergebnisse der einzelnen in die Metaanalyse eingeflossenen Studien gehen extrem auseinander (Heterogenität I² = 90 %). In der deutschen Studie von von Hagens et al. etwa schnitt die Placebogruppe sogar besser ab.
Wie sieht's denn mit dem Bias-Risiko der einzelnen Studien aus? Alle 6 Studien schneiden in allen Bereichen mit niedrigem Risiko ab, von der Randomisierung bis zur Verblindung, und die Grafik ist komplett grün. Das ist bemerkenswert, denn in der Homöopathie-Forschung sieht das sonst ganz anders aus. In der vielzitierten Metaanalyse von Mathie et al. etwa hatten 72 von 75 Studien ein unklares oder hohes Bias-Risiko. Die Autoren der Menopause-Studie begründen ihre Einschätzung ausführlich: Alle Studien seien doppelt verblindet, korrekt randomisiert und vollständig berichtet. Auch Interessenkonflikte und Finanzierungsquellen hätten sie geprüft, ohne Auffälligkeiten. Das überrascht, weil die französische Studie von Colau et al. vom Homöopathie-Hersteller Boiron finanziert wurde.
Im Fazit geben sich die Autoren durchaus vorsichtig. Die Effekte seien bescheiden, die Studien heterogen, die Evidenz insgesamt wenig belastbar. Ob Homöopathie über Placebo hinaus wirkt, bleibe nach wie vor unklar, und ein anerkannter Wirkmechanismus fehle. All das ist richtig und wird von Homöopathie-Forschern gern heruntergebetet wie das Vater-Unser – nur Konsequenzen folgen daraus selten. Ein paar Absätze weiter empfehlen sie Ärzten trotzdem, Homöopathie in ihre Behandlungsoptionen für Frauen in den Wechseljahren aufzunehmen, besonders bei Kontraindikationen gegen eine Hormontherapie. Am Grundproblem ändert die Arbeit ohnehin nichts. Es gibt keinen plausiblen Mechanismus, über den hoch verdünnte Präparate, in denen oft kein einziges Wirkstoffmolekül mehr steckt, das Thermoregulationszentrum im Hypothalamus beeinflussen könnten.
Frauen, die auf nichthormonelle Therapien setzen wollen, müssen nicht notgedrungen zu homöopathischen Mittelchen greifen: Ärzte können das seit 2023 zugelassene Fezolinetant verschreiben. Der NK3-Rezeptor-Antagonist setzt gezielt an der Entstehung von Hitzewallungen an. Ebenso sind bestimmte Antidepressiva wie Venlafaxin oder Escitalopram und die kognitive Verhaltenstherapie gut untersucht.
Das Wichtigste auf einen Blick
Bildquelle: Kateryna Hliznitsova, Unsplash
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