Kurzvideos in sozialen Medien sind richtige Zeitfresser: Erst ein Wisch, dann noch einer – und schon ist eine ganze Stunde weg. Bei Menschen mit ADHS wird das zur Zerreißprobe. Kurzvideo-Feeds setzen genau dort an, wo die Kontrolle am dünnsten ist.
Ein Clip endet, der nächste lädt automatisch nach, und der Daumen bewegt sich fast von allein weiter über den Bildschirm. Genau in diesem Moment – zwischen Belohnung und Weiterscrollen – setzt ein Phänomen an, das ein Forschungsteam des Institute of Human-Centred Computing der Technischen Universität Graz nun genauer untersucht hat. Im Fokus standen Empfehlungssysteme von Plattformen wie TikTok, Instagram Reels und YouTube Shorts, die mit algorithmisch kuratierten, automatisch nachladenden Feeds gezielt auf eine möglichst lange Verweildauer ausgelegt sind.
Das Team um Elisabeth Lex bezeichnet den Effekt als „Engagement-Falle“. „Unter der Engagement-Falle verstehen wir einen Zustand, in dem (Video-)Empfehlungen einerseits als sehr relevant wahrgenommen werden, aber andererseits Menschen große Schwierigkeiten haben, sich vom Bildschirm zu lösen“, erklärt die ADHS-Forscherin. Für Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung könnte dieser Mechanismus besonders folgenreich sein – ihnen fällt es schon im Alltag schwerer, Impulse zu steuern und Aufmerksamkeit flexibel zu lenken.
Um die Wirkung der Feeds konkret zu messen, befragte das Team 302 Personen über die Plattform Prolific – 150 mit ADHS (65 davon klinisch diagnostiziert, 85 mit Selbstbericht) und 152 ohne die Diagnose. Der eigens entwickelte, von zwei Psychologen auf Augenscheinvalidität geprüfte Fragebogen erfasste auf einer 7-Punkte-Skala unter anderem Zeitwahrnehmung, Stimmung und Kontrollerleben beim Scrollen. Die Ergebnisse stellte das Team in einer auf dem Preprint-Server arXiv veröffentlichten Arbeit vor.
Die Unterschiede zwischen beiden Gruppen fielen statistisch deutlich aus. Teilnehmende mit ADHS gaben signifikant häufiger an, den Überblick über die vergangene Zeit beim Scrollen zu verlieren (p < 0,001) – im Median bewerteten sie diese Schwierigkeit mit 5 von 7 Punkten, die Kontrollgruppe nur mit 3. Nach längeren Sitzungen berichteten sie zudem häufiger von Reue und einer im Vergleich zum Beginn der Nutzung signifikant gedrückteren Stimmung (p < 0,001), ebenso von stärkerer Frustration beim Versuch, sich von der App zu lösen (p < 0,001). Die Effektstärken lagen im kleinen bis mittleren Bereich (ε²=0,026–0,108; Cliffs Δ=-0,210 bis -0,405). „Auf Engagement optimierte Empfehlungssysteme stellen eine unverhältnismäßige emotionale und verhaltensbezogene Belastung dar“, fasst Lex die Ergebnisse zusammen.
Für ihre Befragung legten die Forscher den Teilnehmenden auch sieben mögliche Gestaltungsänderungen vor, etwa einen Fokus-Modus, Erinnerungen zur Nutzungsdauer, feste Pausen, eine begrenzte Anzahl an Videos pro Sitzung, manuelles statt automatisches Weiterscrollen, eine dauerhaft sichtbare Zeitanzeige sowie bewusst eingestreute, thematisch abwechslungsreiche Inhalte. Alle sieben Vorschläge erhielten eine mittlere Zustimmung von 5 von 7 Punkten – unabhängig vom ADHS-Status. Besonders deutlich wurde der Wunsch nach mehr Zeitbewusstsein und intentionaler Kontrolle über die eigene Nutzung.
„Wir müssen uns von einer rein bindungsorientierten Optimierung hin zu menschenzentrierten Designpraktiken bewegen, die das Zeitbewusstsein und die intentionale Kontrolle unterstützen“, so Lex. Einschränkend weisen die Autoren darauf hin, dass der ADHS-Status überwiegend auf Selbstauskunft und nicht auf einer klinischen Verifikation beruhte, die Daten retrospektiv und nicht anhand objektiver Nutzungsmetriken erhoben wurden und die vorgeschlagenen Designänderungen bislang nur hypothetisch bewertet, nicht aber tatsächlich umgesetzt und getestet wurden.
Für die Praxis bedeutet das vor allem eines: Wer Patienten mit ADHS zu ihrem Medienkonsum berät, bekommt mit der Arbeit erstmals belastbare Zahlen statt eines vagen Bauchgefühls an die Hand. Funktionen, die helfen, die Zeit im Blick zu behalten und bewusster zu entscheiden, fehlen in den meisten Apps bisher. Für die Autoren ist genau das ein Teil des Problems und zugleich ein naheliegender Ansatzpunkt für Veränderung.
Bildquelle: Nick Fancher, Unsplash
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