BLOG | „Neun Fälle? Da lasse ich mich doch nicht impfen!“ Drei Monate später stützt sich mein Patient am Flughafen auf seinen Rollkoffer, weil jeder Schritt wehtut.
Irgendwo in Madagaskar. Ein junger Mann quält sich mit 40°C aus dem Bett, nur kurz etwas trinken, mehr ist nicht drin. Alles tut weh, eine Nacht voller bizarrer Fieberträume, er kann kaum klar denken. Am nächsten Tag schleppt er sich zu einem Arzt um die Ecke. Kurze Untersuchung, Malaria-Schnelltest negativ. „Ruhen Sie sich aus“, mit diesen Worten wird er entlassen. Ein paar Tage später ist der Spuk vorbei, wie ein böser Traum, aus dem man schweißgebadet aufwacht und nach den Fragmenten der Erinnerung greift, die einem wie Sand zwischen den Fingern zerrinnt.
Das Leben geht weiter – aber nicht ganz so wie vorher. Nach kurzer Zeit kommen die Schmerzen wieder, pochende/drückende Schmerzen in den Gelenken, die jeden Tag schleichend ein bisschen mehr werden. Kurz darauf am Flughafen auf dem Weg zurück nach Deutschland. Mittlerweile fällt das Gehen schwer, der junge Mann stützt sich wie ein Greis auf seinen Rollkoffer. „Das kann es nicht sein, muss ich mich in Deutschland dringend drum kümmern…“
Kurz darauf meldet sich der Mann bei mir. Ich empfehle dringend eine gründliche Abklärung, eventuell sogar stationär. „Danke, ich schaue mal, was der Hausarzt so machen kann“. Kurz darauf telefonieren wir. „Hätte ich nur auf sie gehört!“ Er schickt mir seine Laborergebnisse. Chikungunya!
Nach der fieberhaften Infektion bleiben bei vielen Patienten wochenlange, teils quälende Gelenkschmerzen zurück
Drei Monate zuvor sitzt der junge Mann in meiner tropenmedizinischen Sprechstunde. „Ich fliege nach Madagaskar!“, sagt er. Wir sprechen lange über die verschiedenen Risiken, einigen uns auf eine ganze Reihe Impfungen und andere Maßnahmen – Hepatitis A, Tollwut, Malaria-Prophylaxe mit Malarone. „Was gibt es noch zu beachten?“ Ich überfliege nochmal die Empfehlungen des auswärtigen Amtes und die aktuelle epidemiologische Lage. „Ich würde noch über die Chikungunya-Impfung nachdenken, es gibt zumindest eine Empfehlung und erste bestätigte Erkrankungen“. „Neun Fälle? Das mache ich nicht.“
„Chikun-was?!“ So reagiert immer noch der Großteil der Reisenden, wenn ich in der tropenmedizinischen Sprechstunde über Chikungunya spreche. Aber was ist das eigentlich? Das Chikungunya-Virus ist ein Alphavirus aus der Familie der Togaviren und wird über tagaktive Aedes-Stechmücken übertragen. Die Ausbreitung nimmt rapide zu. Hotspots sind vor allem Südamerika und Südostasien, aber auch nach Europa hat es das Virus schon geschafft – lokale Ausbrüche in Italien und Frankreich haben Medien und Fachwelt aufgeschreckt. Auch in China, USA, Mexiko und Mittelamerika gibt es das Virus – und eben auf Madagaskar.
Twelve-month Chikungunya virus disease case notification rate per 100.000 population, August 2025-Juli 2026 (Quelle: ECDC)
Für 2025 zählt man >500.000 Erkrankungen und ca. 200 Todesfälle, 2026 wurden bisher über 200.000 Erkrankungen und 81 Todesfälle berichtet.
Wie viele Erkrankungen aus der bekannteren und verwandten Familie der Flaviren wie Dengue-Fieber und Zika löst auch Chikungunya zunächst ein grippeähnliches Krankheitsbild mit Fieber, Erythem, Schüttelfrost und Glieder-/Gelenkschmerzen aus. Ganz anders als bei Dengue erkrankt ein Großteil der infizierten Personen symptomatisch. Die Mortalität ist gering, allerdings hat die Krankheit eine sehr unangenehme Eigenschaft: Die Gelenkschmerzen können bleiben, über Wochen, Monate bis hin zu Jahren. Damit versteht man auch den unaussprechlichen Namen der Erkrankung: Chikungunya heißt „der gekrümmt Gehende“ und stammt ursprünglich aus der Sprache der Makonde, einem Volk im Südosten Tansanias.
Was kann man tun? Wenn die Krankheit einmal ausgebrochen ist, nicht viel – symptomatische Therapie, insbesondere NSAR zur Behandlung der langandauernden Gelenkschmerzen. Gleichzeitig muss man hier auch Differentialdiagnosen ausschließen, um eine Erstmanifestation von rheumatologischen Krankheitsbildern nicht zu übersehen.
Der Prävention kommt eine große Rolle zu. Essenziell ist der Schutz vor tagaktiven Stechmücken durch Repellentien, Kleiderspray und Moskitonetze. Mittlerweile gibt es auch zwei zugelassene Impfstoffe:
Vimkunya® (Bavarian Nordic) ist ein seit Februar 2025 zugelassener Totimpfstoff, Ixchiq® (Valneva) ein seit Juni 2024 zugelassener Lebendimpfstoff. Beide Impfstoffe sind ab 12 Jahren zugelassen und werden einmalig i. m. verabreicht. Bisher gibt es noch keine Daten zur klinischen Wirksamkeit, die Zulassung beruht auf Serokonversionsstudien, bei denen die gebildeten Antikörper gemessen wurden.
Der Totimpfstoff Vimkunya® zeigte in einer Zulassungsstudie eine Serokonversion von 97,8 % nach 22 Tagen in der Impfstoffgruppe für die Altersgruppe 12–64 Jahre. In einer weiteren Studie für die Altersgruppe >65 Jahre lag die Serokonversionsrate in der Impfstoffgruppe nach 22 Tagen bei 87,3 %, nach 183 Tagen bei 75,5 %.
Der Lebendimpfstoff Ixchiq® zeigte in einer Zulassungsstudie eine Serokonversion von 98,9 % nach 28 Tagen in der Impfstoffgruppe für die Altersgruppe >18 Jahre. In einer weiteren Studie für die Altersgruppe 12–17 Jahre lag die Serokonversionsrate in der Impfstoffgruppe nach 29 Tagen bei 98,8 %. Für diesen Impfstoff liegen auch Verlaufsdaten für die Impfstoffgruppen vor: Die Altersgruppe >18 Jahre zeigte in der Nachverfolgung nach 1 Jahr 99,5 % Serokonversion, nach 2 Jahren 97,1 % Serokonversion. In der Altersgruppe 12–17 Jahre lag in einer Studie die Serokonversionsrate nach 12 Monaten bei 98,3 %.
Die STIKO hat die beiden Impfstoffe in ihren aktuellen Empfehlungen aufgenommen. Die Impfung gegen Chikungunya wird empfohlen für „Personen ab 12 Jahren, die in ein Gebiet reisen, wo sich aktuell ein Chikungunya-Ausbruch ereignet, sowie für Personen, die einen längeren Aufenthalt (> 4 Wochen) oder wiederholte Kurzzeitaufenthalte in einem Chikungunya-Endemiegebiet planen und bei denen zusätzlich ein erhöhtes Risiko für eine Chronifizierung oder einen schweren Verlauf der Erkrankung besteht (z. B. ab einem Alter von 60 Jahren oder bei einer schweren internistischen Grunderkrankung).“
Der Lebendimpfstoff hat eine Einschränkung: Ihn empfiehlt die STIKO „nur für Personen bis 59 Jahre, da nach der Marktzulassung vermehrt schwerwiegende Ereignisse nach der Impfung bei Personen > 60 Jahren auftraten.“
Was sind die Hintergründe? Im Rahmen des Chikungunya-Ausbruchs auf La Réunion wurden im Sommer 2025 über 50.000 Dosen des Lebendimpfstoffs Ixchiq verimpft, ein relevanter Teil auch an ältere Patienten über 65 Jahre. Hierbei traten bei 35 Personen (davon 27 Personen über 65 Jahre alt, oft chronisch vorerkrankt) schwere unerwünschte Nebenwirkungen (SAE) auf, und drei Todesfälle bei mit Ixchiq geimpften Personen. In der Konsequenz wurde die Zulassung der Impfung für Personen über 65 Jahren von der EMA zunächst ausgesetzt. Diese wurde im September 2025 wieder zurückgenommen, die Fachinformation wurde um eine Warnung vor schweren Nebenwirkungen inkl. Enzephalitis bei Personen ab 65 Jahren und Personen mit Begleiterkrankungen ergänzt. Aufgrund eines Falls einer jungen und gesunden Erwachsenen mit aseptischer Meningitis im Jahr 2026 wurde die Fachinformation um die Warnung ergänzt, dass schwere Nebenwirkungen auch bei jungen Erwachsenen ohne relevante Begleiterkrankungen auftreten können.
Zusammenfassend kann man beide Impfstoffe aktuell so bewerten, dass der Totimpfstoff das bessere Sicherheitsprofil hat, der Lebendimpfstoff das bessere Wirksamkeitsprofil. Gleichzeitig muss man bei Letzterem die oben genannten Einschränkungen und die SAE einschließlich drei Todesfällen kennen.
Chikungunya hat sich vom Exoten zu einer nennenswerten und weit verbreiteten tropenmedizinischen Infektion entwickelt, die ein erhebliches Morbiditätsrisiko auch für junge Menschen besitzt. Darüber und über die nötigen präventiven Maßnahmen (Mückenschutz und Impfung) zu sprechen, gehört daher bei den entsprechenden Reisezielen in jede tropenmedizinische Beratung.
Bildquelle: Stephanie Klepacki, Unsplash
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