KOMMENTAR | Atomkrieg, KI-Missbrauch und dann Übergewicht? Eine Lancet-Kommission hat aufgelistet, was der Menschheit bis zum Jahr 2100 am meisten schaden könnte – mit ein paar überraschenden Platzierungen.
Für Eilige gibt’s am Ende eine kurze Zusammenfassung.
Volle Notaufnahmen, Personalmangel, resistente Erreger, Übergewicht und Rauchen: Wer im Gesundheitssystem arbeitet, muss nicht lange nach gesundheitlichen Bedrohungen suchen. Doch welche Bedrohungen richten global den größten Schaden an? Und welche könnten gar die ganze Menschheit auslöschen? Diese globale Perspektive hat eine Lancet-Kommission eingenommen und die größten Gefahren für die menschliche Gesundheit im 21. Jahrhundert analysiert. Ihren Bericht veröffentlichte die Kommission vor wenigen Tagen. In der Liste der größten Bedrohungen finden sich alte Bekannte, mit denen die Gesundheitsberufe täglich zu tun haben. Daneben stehen Risiken, die im Praxis- und Klinikalltag noch kaum eine Rolle spielen und sich eher nach Science Fiction anhören.
In ihrer Bewertung unterscheidet die Kommission zwischen Gefahren, die einen großen gesundheitlichen Schaden anrichten werden, und solchen, die zudem Auslöschungspotenzial besitzen, also im schlimmsten Fall das Ende der Menschheit bedeuten könnten. In die Kategorie mit Auslöschungspotenzial wurden lediglich 2 Gefahren aufgenommen: Atomkrieg und missbräuchlicher Einsatz von KI. So weit, so nachvollziehbar. Daneben bewerteten die Experten auch andere Katastrophenszenarien, die aber als so unwahrscheinlich eingeschätzt wurden, dass sie es nicht in die Liste geschafft haben. Dazu gehörten eine Asteroidenkollision und der Ausbruch eines Supervulkans. Immerhin 2 Gefahren weniger, über die man sich den Kopf zerbrechen muss.
Als zu abwegig erschien der Kommission auch das sogenannte mirror life. Dies bezeichnet die theoretische Möglichkeit, dass sich Organismen aus gespiegelten Molekülen bilden könnten. Jedes Molekül kann theoretisch in 2 gespiegelten Versionen vorkommen, wobei die auf der Erde bekannten Organismen stets aus nur einer dieser 2 möglichen Formen aufgebaut sind. Ein solcher Spiegel-Organismus würde aus den entsprechend gespiegelten Molekülen aufgebaut sein. Würden sich so zum Beispiel Spiegel-Bakterien bilden, könnte unser Immunsystem diese nicht erkennen und bekämpfen, und die Menschheit würde auf diesem Weg ausgerottet werden. Für die Existenz solcher Organismen gibt es aber bislang keinen wissenschaftlichen Anhalt. Die Tatsache, dass dieses Szenario im Bericht zumindest erwähnt wurde, zeigt, wie gründlich sich die Experten mit allen möglichen Gefahren beschäftigt haben. Überlegungen zu einer Zombie-Apokalypse oder Alien-Invasion wurden hingegen nicht aufgeführt.
Relevanter für unseren Alltag im Gesundheitssystem sind die Gefahren der zweiten Kategorie. Diese haben nicht das Potenzial, die gesamte Menschheit auszulöschen, sie führen aber jeweils bis 2100 zu einem vermeidbaren Verlust von mehr als einer Milliarde gesunder Lebensjahre. Zum Vergleich: Die Covid-Pandemie führte schätzungsweise zu einem Verlust von einer halben Milliarde gesunder Lebensjahre. Die aufgeführten Gesundheitsbedrohungen werden also mindestens einen doppelt so hohen gesundheitlichen Schaden anrichten wie die Pandemie – allerdings gestreckt auf die nächsten 75 Jahre.
Bei der Quantifizierung des gesundheitlichen Schadens konzentrierten sich die Wissenschaftler auf den vermeidbaren Verlust an gesunden Lebensjahren. Bei den Zahlen handelt es sich um die Differenz zwischen einem plausiblen worst-case- und best-case-Szenario. Handeln lohnt sich deshalb: Ergreifen die verschiedenen Akteure in Politik und Gesundheit kluge und vorausschauende Maßnahmen, ist der mögliche Gewinn für die menschliche Gesundheit entsprechend groß.
Die größte Zahl an vermeidbaren Verlust gesunder Lebensjahre hat das Übergewicht mit all seinen begleitenden und Folgeproblemen. Zwischen best-case- und worst-case-Szenario liegen hier 23,1 Milliarden vermeidbar verlorener gesunder Lebensjahre (also 46-mal so viel wie die Covid-Pandemie). In eine ähnliche Größenordnung fallen 2 weitere Bedrohungen: niedriges Bildungsniveau und Einkommensungleichheit. Allerdings ist vor allem bei der Ungleichheit die angegebene Unsicherheit der Schätzung sehr hoch, da die Auswirkungen von vielen anderen Faktoren abhängen und schwierig zu modellieren sind.
Top 3 der Gesundheitsbedrohungen nach vermeidbaren Verlust gesunder Lebensjahre bis zum Jahr 2100
Übergewicht: 23,1 Mrd. verlorene gesunde Lebensjahre
Niedriges Bildungsniveau: 16,1 Mrd. verlorene gesunde Lebensjahre
Einkommensungleichheit: 13,8 Mrd. verlorene gesunde Lebensjahre
Auf den folgenden Plätzen finden sich weitere Bedrohungen mit erheblichem Schadenspotenzial: schlechte psychische Gesundheit, ungesundes Altern, konventionelle Kriege, Rauchen und Bluthochdruck. Auch antimikrobielle Resistenzen, Pandemien, hoher Alkoholkonsum, Klimawandel, Luftverschmutzung, der Einbruch internationaler Gesundheitshilfe und Mangelernährung bei Kindern überschreiten in den Analysen jeweils die Schwelle von einer Milliarde vermeidbar verlorener gesunder Lebensjahre und sichern sich so einen Platz auf der Liste der relevanten Bedrohungen.
Interessant ist die Platzierung des Klimawandels mit 1,9 Milliarden vermeidbar verlorenen gesunden Lebensjahren relativ weit hinten in der Liste. Dies soll nicht als Entwarnung verstanden werden: In die Berechnung flossen überwiegend direkt messbare gesundheitliche Auswirkungen ein. Indirekte Auswirkungen wie Dürren, Vertreibung und psychische Gesundheit konnten nicht zuverlässig modelliert werden und sind deswegen nicht vollständig erfasst.
Ohnehin will die Kommission ihren Bericht nicht als Ranking der wichtigsten Gefahren verstanden wissen. Eine Gefahr, die im wahrscheinlichsten Szenario eine geringere Anzahl an gesunden Lebensjahren kostet, kann dennoch mehr Beachtung verdienen. Zum Beispiel, wenn zwar geringe Risiken mit dafür katastrophalen Auswirkungen bestehen. Oder wenn erhebliches Präventionspotenzial besteht.
Am Ende will der Bericht nicht nur warnen, sondern auch Umstände und Strukturen benennen, die es einer Gesellschaft ermöglichen, die Bedrohungen zu reduzieren. Dazu gehören Vertrauen, eine globale Zusammenarbeit für Probleme, die kein Land alleine lösen kann, und eine nachhaltige Finanzierung der Gesundheitssysteme.
Aus den Bedrohungen und möglichen Schutzmechanismen leitet der Bericht 3 konkrete Handlungsempfehlungen ab:
Gesundheitssysteme krisenfest machen durch Fokus auf Prävention, Vorsorge und Schutz.
Investitionen in medizinische und technologische Innovationen erhöhen und gleichzeitig Hochrisikotechnologien wirksam regulieren.
Globale Gesundheitsrisiken regelmäßig bewerten und stärker auf die politische Agenda setzen.
Mit der dritten Empfehlung unterstreicht die Kommission ihre eigene Wichtigkeit und will dafür sorgen, dass aus dem einmaligen Bericht ein dauerhafter Mechanismus wird. Insgesamt ist der Bericht aber in erster Linie eines: ein Aufruf zu mehr Prävention.
Für den Alltag im Gesundheitssystem ist die Botschaft wenig spektakulär: Den größten Einfluss haben wir nicht, wenn wir uns Sorgen um spektakuläre Katastrophenszenarien machen. Übergewicht, mangelnde Gesundheitskompetenz durch fehlende Bildung, Zunahme psychischer Erkrankungen, Bluthochdruck und Rauchen – all diese Dinge begegnen uns jeden Tag. Dadurch gewöhnt man sich leicht an sie, auch wenn sie eigentlich nicht normal sein sollten. Der Bericht zeigt: Es gibt viele Schrauben, an denen wir drehen können. Mit vielen kleinen Maßnahmen lässt sich in Summe enorm viel gesundheitlicher Schaden verhindern.
Das Wichtigste auf einen Blick
Bildquelle: paul campbell, Unsplash
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