Frau S. sprach schon seit Jahren nur wenig, war inkontinent und auf Hilfe angewiesen. Dann erhielt die 80-jährige Alzheimer-Patientin eine hohe Dosis Psilocybin-Pilze – und erzählte stundenlang aus ihrem Leben.
Eine fortgeschrittene Alzheimer-Krankheit gilt als unheilbar. Bei Patienten, die jahrelang kaum noch sprechen und rund um die Uhr Pflege brauchen, ist mit einer Besserung kaum zu rechnen. Gerade deshalb macht ein Fallbericht aus Brasilien neugierig. Ein Team aus São Paulo beschreibt in Frontiers in Neuroscience, wie sich eine hochbetagte Patientin nach der Einnahme psilocybinhaltiger Pilze in gleich mehreren Bereichen deutlich verbesserte – allerdings nur vorübergehend, wie die Autoren betonen.
Bei der 80-jährigen Patientin wurde vor rund 10 Jahren Morbus Alzheimer diagnostiziert. Ihre kognitiven und funktionellen Fähigkeiten hatten stetig abgenommen. Seit etwa 5 Jahren äußerte sie sich nur noch einsilbig, zeigte einen flachen Affekt und kaum noch soziale Reaktionen. Hinzu kamen eine schwere Dysphagie, ausgeprägte Schläfrigkeit, eine eingeschränkte Mobilität und eine Harninkontinenz. Bei allen Alltagsaktivitäten war sie auf Hilfe angewiesen. Biomarker oder eine weiterführende Bildgebung, die die Diagnose bestätigt hätten, gab es allerdings nicht.
Im Rahmen einer privatärztlichen Behandlung erhielt die Frau einmalig oral 5 g psilocybinhaltige Pilze. Die Autoren selbst nennen die Dosis relativ hoch; gewählt hätten sie sie auf Basis früherer Erfahrungen mit Tiefe und Dauer der Wirkung von Psychedelika. Ein Studienprotokoll gab es nicht, das Vorgehen war explorativ. Die schriftliche Einwilligung zur Veröffentlichung gab der gesetzliche Vertreter der Patientin.
Wie wirkt Psilocybin?
In den ersten 12 Stunden reagierte der Körper heftig: Das Team vermutete klinisch eine Hyperthermie – gemessen wurde die Temperatur allerdings nicht –, die Patientin schwitzte stark und fiel in einen langen, tiefen schlafähnlichen Zustand. Nach etwa 19 Stunden, um 3:30 Uhr morgens, wachte sie von selbst auf und begann zu erzählen. Rund 4 Stunden lang sprach sie spontan über ihr eigenes Leben.
Auch in den folgenden Tagen dokumentierte das Team Veränderungen. Schon am ersten Tag war die Patientin wacher und erkannte ihre Familie. Am zweiten Tag lief sie ohne Hilfe, zwischen Tag 2 und 3 zog sie sich aus eigenem Antrieb selbst an – und ihre Windeln blieben trocken, auch nachts. Nach knapp einer Woche fragte sie gezielt nach einer Person in ihrem Umfeld: „Wo ist Celso hin?“ Sie erkannte ein vertrautes Fahrzeug wieder, hielt Blickkontakt und erwiderte ein Lächeln.
Einen Monat später war die Patientin weiterhin kontinent und bewegte sich selbstständiger und kommunizierte mehr als vor der Behandlung. Deshalb folgte eine zweite begleitete Sitzung – diesmal mit 3 g psilocybinhaltiger Pilze. Anders als beim ersten Mal blieb die Frau während der gesamten Wirkphase gesprächig und berichtete von positiven inneren Bildern: Sie sei mit ihrem Sohn auf einer friedlichen Insel surfen gewesen. Im Anschluss beobachteten die Autoren eine lebendigere Mimik, mehr emotionale Resonanz, spontanen Humor und einen agileren Gang. Über die Sitzungen sagte die Patientin von sich aus: „Es ist angenehm, hierherzukommen.“
Schwere oder anhaltende Nebenwirkungen traten laut dem Bericht nicht auf: keine länger andauernde Agitation, keine relevante kardiovaskuläre Instabilität, keine persistierenden psychotischen Symptome und keine verzögerte neurologische Verschlechterung. Hinweise auf ein Delir oder eine andere akute neurologische Ursache für die Veränderungen fand das Team ebenfalls nicht. Besonders bemerkenswert finden sie die wiedergewonnene Kontinenz nach über 5 Jahren. Schließlich setze diese ein Zusammenspiel aus Körperwahrnehmung, exekutiver Hemmung und frontoinsulären Netzwerken voraus.
Zur Erklärung verweisen die Autoren auf bekannte Effekte von Psilocybin (s. Infobox). Ihre Hypothese: Auch bei fortgeschrittener Neurodegeneration könnten Restkapazitäten erhalten bleiben, die durch die Netzwerkmodulation vorübergehend wieder zugänglich werden. Eine Umkehr der Alzheimer-Pathologie sei das aber ausdrücklich nicht.
Die Einschränkungen des Fallberichts sind entsprechend groß und die Autoren benennen sie offen. Es handelt sich um einen Einzelfall ohne Kontrolle, ohne standardisierte kognitive Tests, ohne Polysomnografie, EEG oder Bildgebung. Die Diagnose war nicht per Biomarker gesichert und vaskuläre Ursachen sind nicht ausgeschlossen. Spontane Schwankungen, wie sie bei neurodegenerativen Erkrankungen vorkommen, lassen sich ebenso wenig ausschließen. Wie lange die Verbesserungen über den ersten Monat hinaus anhielten, bleibt offen. Ein kausaler Zusammenhang lässt sich so nicht belegen und die Mechanismen bleiben spekulativ.
Hinzu kommt eine Frage, die der Bericht nur am Rande erwähnt: die Sicherheit. Einer über 80-Jährigen mit Schluckstörung eine hohe Dosis unstandardisierter Pilze zu geben, taugt kaum als Vorbild. Klinische Studien mit Psilocybin bei Demenz beschränken sich bislang vor allem auf Depression und Angst bei leichter kognitiver Beeinträchtigung oder früher Alzheimer-Krankheit. Daten zu fortgeschrittener Demenz sind laut den Autoren extrem rar. Ihr Fazit fällt deshalb vorsichtig aus: Der Fall rechtfertige eine systematische Untersuchung – mehr nicht.
Quelle
Lago et al.: Transient multidomain functional improvement in advanced Alzheimer’s disease following high-dose psilocybin-containing mushroom administration: a case report. Frontiers in Neuroscience, 2026. doi: 10.3389/fnins.2026.1813281.
Bildquelle: Pramod Tiwari, Unsplash
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