Übergewicht gilt als Risikofaktor für Demenz. Ist die Diagnose aber erst einmal gestellt, scheint sich das Blatt zu wenden. Ein statistischer Trugschluss – oder steckt mehr dahinter?
Wer in der Gedächtnissprechstunde die Diagnose Demenz erhält, spricht danach meist über Kognition, Alltagskompetenz und Pflegebedarf – das Körpergewicht spielt dabei selten die Hauptrolle. Dabei gilt Adipositas eigentlich als klarer Risikofaktor: für Herzerkrankungen, für Diabetes mellitus und auch für die Demenz selbst, denn wer im mittleren Lebensalter übergewichtig oder adipös ist, erkrankt später häufiger daran. Umso irritierender sind Befunde, nach denen Menschen mit Demenz offenbar länger leben, wenn sie mehr Gewicht mitbringen.
Ein Team um Virginia Chang (NYU School of Global Public Health) und Yuan Zhang (Columbia University Mailman School of Public Health) ist dieser Beobachtung nun in einer großen US-Bevölkerungsstichprobe mit langer Nachbeobachtung nachgegangen. In ihrer im Journal of Alzheimer’s Disease veröffentlichten Arbeit wollten die Forscher nicht nur wissen, ob der Zusammenhang tatsächlich besteht, sondern vor allem, ob er womöglich bloß ein Artefakt verzerrter Daten ist.
Grundlage der Analyse sind Daten der Health and Retirement Study, einer fortlaufenden, landesweit repräsentativen Erhebung unter US-Amerikanern ab 51 Jahren, ausgewertet für den Zeitraum von 1998 bis 2022. Einbezogen wurden 4.523 Personen, die beim Eintritt in die Studie noch keine Demenz hatten und im weiteren Verlauf daran erkrankten. Dank der langen Beobachtungszeit konnten die Forscher das Gewicht der Teilnehmer sowohl vor als auch zum Zeitpunkt der Diagnose erfassen – und nachverfolgen, wie lange sie danach noch lebten.
Das Ergebnis: Wer bei der Demenzdiagnose übergewichtig oder adipös war, hatte eine signifikant niedrigere Mortalität als Menschen im Normalgewichtsbereich – auch nach Adjustierung für weitere chronische Erkrankungen, Rauchen und demografische Faktoren. Bei Übergewicht (Body-Mass-Index 25 bis 29,9) lag das Sterberisiko um 16 Prozent niedriger, bei Adipositas Grad 1 (BMI 30 bis 34,9) um 27 Prozent (Hazard Ratio 0,73; 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,62–0,86) und bei Adipositas Grad 2 und 3 (BMI ≥ 35) um 22 Prozent.
Doch wie belastbar ist dieser Befund? Eine naheliegende Fehlerquelle: Menschen mit Demenz verlieren häufig schon lange vor der Diagnose an Gewicht. Frühere Daten von Zhang und Chang zeigen, dass der Gewichtsverlust bis zu einem Jahrzehnt vorher einsetzen und sich in den Jahren unmittelbar vor Krankheitsbeginn beschleunigen kann. Erfasst eine Studie das Gewicht nur zu einem einzigen Zeitpunkt, könnten sich unter den vermeintlich Normalgewichtigen also auch Patienten mit bereits fortgeschrittener Erkrankung und entsprechend höherem Sterberisiko verbergen.
Weitere Verzerrungen könnten entstehen, weil ausschließlich Menschen untersucht werden, die tatsächlich an Demenz erkrankt sind – was scheinbare Zusammenhänge zwischen Gewicht und Sterblichkeit erzeugen kann (sogenannter Collider-Stratifikations-Bias). Hinzu kommt der Survivor-Bias: Weil adipöse Menschen häufiger schon vor einer Demenz an anderen Erkrankungen sterben, erreicht womöglich nur eine vergleichsweise gesunde Teilgruppe überhaupt das Stadium der Diagnose. Zusätzliche Analysen zu diesen Fehlerquellen sprachen allerdings nicht dafür, dass sie den Zusammenhang maßgeblich erklären. „Weil dieser Befund etwas kontraintuitiv ist, stellt sich die wichtige Frage, ob er schlicht ein Artefakt von Verzerrungen sein könnte. Unsere Analysen deuten darauf hin, dass die wichtigsten von uns untersuchten Verzerrungsquellen den Überlebensvorteil bei höherem Gewicht nicht erklären“, so Zhang.
Physiologisch halten die Autoren einen Vorteil durchaus für plausibel: Mehr Körpergewicht bedeutet größere katabole Reserven – etwa in Form von Energiespeichern oder mehr Muskelmasse. Gerade bei Demenz spielt das eine Rolle, wie Chang erläutert: „Ernährung kann für Menschen mit Demenz ein großes Problem sein. Sie können an Auszehrung leiden und nicht mehr essen können, was auf Veränderungen des zentralen Antriebs im Gehirn zurückgehen kann – mit Appetit- und Antriebsverlust, erhöhtem Energieverbrauch und Schwierigkeiten, sich selbst zu ernähren.“
Warum übergewichtige und adipöse Menschen mit Demenz ein geringeres Sterberisiko haben, ist laut den Autoren dennoch nicht abschließend geklärt. Eine Therapieempfehlung leitet Chang daraus ausdrücklich nicht ab: „Das bedeutet nicht, dass Patienten mit Demenz versuchen sollten, übergewichtig oder adipös zu werden, denn unsere Studie war nicht darauf ausgelegt, diese Frage zu beantworten. Unsere Ergebnisse legen aber nahe, dass der Gewichtsstatus zum Zeitpunkt der Demenzdiagnose als nützliches prognostisches Signal für das Überleben dienen kann.“
Bildquelle: Andrej Lišakov, Unsplash
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