BLOG | Nachtschicht, aber bitte ohne Störung. Es begann schleichend, irgendwann häuften sich Zwischenfälle – und dann war es klar: Irgendjemand sediert hier Patienten. Wegsehen ist keine Option!
Ein Text von Christian Fuchs
Er hat Patienten nachts sediert. Nicht, weil sie es brauchten – sondern weil er seine Ruhe haben wollte. Allein dieser Satz macht mich bis heute wütend. Ich habe in meinen Jahren auf der Intensivstation vieles gesehen. Leid. Tod. Fehler. Situationen, die mich bis heute begleiten. Aber das hier hat mich erschüttert. Und es macht mich noch immer wütend.
Es begann mit einer Auffälligkeit. Immer, wenn ein bestimmter Kollege Nachtdienst hatte, waren Patienten plötzlich delirant. Zumindest stand es so in der Dokumentation. Menschen, die tagsüber wach, ansprechbar und orientiert waren, galten nachts auf einmal als unruhig. Und immer wieder folgte dasselbe Muster: Unruhe. Beruhigungsmittel. Stille. Auch die Zwischenfälle häuften sich in seinen Diensten. Kreislaufprobleme. Atemnot. Notfälle. Patienten, die notfallmäßig intubiert werden mussten. Natürlich kann all das auf einer Intensivstation passieren. Aber warum so auffällig oft bei einem einzigen Kollegen?
Irgendwann sahen wir genauer hin. Was wir dabei erkannten, machte mich fassungslos. Er stellte Patienten wiederholt medikamentös ruhig. Nicht, weil eine nachvollziehbare medizinische Notwendigkeit bestand. Sondern damit er weniger Arbeit hatte. Damit niemand klingelte. Damit niemand etwas brauchte. Damit er einfach seine Ruhe haben konnte.
WIR SPRECHEN HIER VON MENSCHEN! Menschen, die uns vertrauen. Die Schmerzen haben, Angst haben, vielleicht verwirrt sind. Die jemanden brauchen, der ihnen Sicherheit gibt. Und keinen Kollegen, der sie aus Bequemlichkeit ruhigstellt!
Sedierende Medikamente sind keine harmlose Abkürzung durch die Nachtschicht. Je nach Wirkstoff, Dosis und Zustand des Patienten können sie die Atmung beeinträchtigen, den Kreislauf destabilisieren und lebensbedrohliche Komplikationen auslösen. Es war nicht das erste Mal, dass einer seiner Patienten notfallmäßig intubiert werden musste. Bis heute frage ich mich: Wie viel Leid hätten wir verhindern können, wenn wir früher hingeschaut hätten? Ich war wütend. Auf sein Handeln. Auf den Missbrauch von Vertrauen. Und darauf, dass die Warnzeichen nicht früher Konsequenzen hatten.
Denn Wegsehen schützt keine Patienten. Pflege bedeutet nicht, Menschen möglichst still durch die Nacht zu bringen. Pflege bedeutet, hinzusehen. Zuzuhören. Verantwortung zu übernehmen. Gerade dann, wenn es anstrengend wird.
Dies ist keine erfundene Geschichte. Ich habe es selbst erlebt. Ich erzähle davon nicht, um unseren Berufsstand schlechtzumachen. Ich erzähle sie, weil Patientenschutz wichtiger ist als falsch verstandene Kollegialität. Wer Menschen ohne medizinische Notwendigkeit ruhigstellt, nur um seine Ruhe zu haben, verrät alles, wofür Pflege steht. Und wer solche Warnzeichen erkennt, darf nicht schweigen.
Der Text erschien zuvor auf LinkedIn.
Bildquelle: SAMI7, Unsplash
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