BLOG | Am 30. September sollte Christa Pike in Tennessee sterben. Doch sie überlebte. Daraufhin haben Mediziner sie am Leben gehalten – nur damit der Staat sie wieder töten kann. Wie absurd soll es noch werden?
Wenn ein Mensch noch atmet, haben wir im Rettungsdienst noch etwas, um das wir kämpfen können. So habe ich meinen Beruf gelernt. Ich bin Notfallsanitäter. Ein Atemzug kann zu flach oder zu langsam und somit zu wenig für das Leben sein, das an ihm hängt. Dann kommen wir und helfen. Wir unterstützen die Atmung und versuchen einfach, Zeit zu gewinnen. Am Abend des 30. September 2026 war dieses Geräusch in Nashville, Tennessee, über ein Mikrofon zu hören. Zuhörer saßen hinter einer Glasscheibe in der Riverbend Maximum Security Institution: ausgewählte Journalisten, Anwälte und Angehörige. Auf der anderen Seite lag die fünfzigjährige Christa Gail Pike – festgeschnallt auf einer Liege.
Der Staat versuchte, sie mit Pentobarbital hinzurichten. Doch auch nach der zweiten Dosis des Wirkstoffes waren ihre schnarchenden Atemzüge zu hören, bis jemand das Mikrofon abschaltete. Ich lese das und denke daran, die Atemwege freizumachen. In einer Hinrichtungskammer bedeuten Atemzüge, dass der staatliche Auftrag noch nicht erfüllt ist.
Bevor dieser Text weitergeht, gehört ein anderer Name hierher. Colleen Slemmer war neunzehn, als sie am 12. Januar 1995 mit drei anderen Jugendlichen den Schlaftrakt des Job Corps in Knoxville verließ, eines staatlichen Ausbildungsprogramms für Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen. Man wolle zusammen kiffen und sich versöhnen, hieß es. Pike war überzeugt, Slemmer wolle ihr den Freund ausspannen. Das Ziel war ein stillgelegtes Dampfkraftwerk am Rand des Universitätsgeländes. Dort schlugen Pike und ihr siebzehnjähriger Freund etwa dreißig Minuten lang auf Slemmer ein und verletzten sie mit einem Messer, während eine Freundin Schmiere stand. Am Ende zertrümmerte Pike ihr den Schädel mit einem Brocken Asphalt. Ein Stück des Schädelknochens steckte sie in die Jackentasche und zeigte es in den folgenden Tagen herum. Nach 36 Stunden wurde sie verhaftet, das Knochenstück noch in der Jacke.
May Martinez, Colleen Slemmers Mutter, war an jenem 30. September in Nashville und hat zugesehen. Zwischen dem Kraftwerk und diesem Abend lagen fast 32 Jahre. Gegenüber NBC News sagte sie danach, es sei ein einziges Chaos gewesen. Die Frau auf der Liege war zur Tatzeit achtzehn Jahre und zehn Monate alt. Ihr Freund war siebzehn. Er bekam lebenslang, weil Tennessee niemanden zum Tod verurteilt, der zur Tatzeit unter achtzehn war, und sein Antrag auf Bewährung wurde im vergangenen Jahr abgelehnt. Sie bekam den Tod.
Was Pike bis zu jener Nacht erlebte, ist in Zeugenaussagen und Gerichtsdokumenten festgehalten. Eine Mutter, die feierte, während das Kleinkind über Hundekot durch die Wohnung krabbelte. Eine Großmutter, die als Einzige blieb und ihr 1988 wegstarb. Ein Nachbar, der für die Vergewaltigung der elfjährigen Pike verurteilt wurde. Ein Unbekannter, der die siebzehnjährige Pike im Dunkeln packte, dazu eine schlechte Spurensicherung und kein Täter. Pike wechselte ständig die Schulen, dann gab es eine Jugendanstalt und das Job Corps, wo sie Krankenschwester werden wollte. Diagnostiziert wurden eine bipolare Störung und eine posttraumatische Belastungsstörung, beides erst nach der Tat. Wie viel davon in die Tat hineinreichte, kann ich nicht beurteilen. Ihre Verantwortung für Colleen Slemmers Tod bleibt.
Tennessee tötet seit 2025 mit einem einzigen Wirkstoff: Das Protokoll sieht 100 Milliliter Pentobarbital in einer Konzentration von 50 mg/ml vor, also fünf Gramm, deren Inhalt und Verfallsdatum 30 Tage vor dem Termin kontrolliert werden. Wer schon einmal einer Narkose mit einem Barbiturat beigewohnt hat, weiß, dass das ein Vielfaches der Dosis ist, die dazu verwendet wird. Die Liste dessen, was schiefgehen kann, hatten Pikes Anwälte vorher eingereicht. Ein Anästhesist warnte in einer Klage vom Januar, eine Bluterkrankung Pikes werde sehr wahrscheinlich zu blutigem Schaum in der Lunge führen. Nach dem Abend schrieben die Anwälte, man habe keine Freude daran, recht zu behalten mit dem schwierigen Venenzugang, geplatzten Venen, einem zersetzten Wirkstoff und dazu der gänzlich fehlenden Notfallversorgung.
Wer den Zugang gelegt hat, ist nicht öffentlich bekannt. Der Ethikkodex der American Medical Association verbietet Ärzten, an einer Hinrichtung mitzuwirken – dazu zählt schon die Anwesenheit als Arzt. Die American Society of Anesthesiologists und der Weltärztebund lehnen eine ärztliche Beteiligung ebenfalls ab. Der Staat verwendet Medikamente und Handgriffe aus der Medizin, um einen Menschen zu töten. Dass Ärzte daran nach ihrer Berufsethik nicht mitwirken sollen, sagt allerdings noch nichts darüber aus, wer in diesem Raum tatsächlich beteiligt war. Eine unabhängige Überprüfung soll nun klären, was bei der Verabreichung geschah. Nach Darstellung ihrer Anwälte gelangte Pentobarbital über fehlerhaft liegende Zugänge ins Gewebe. Zeugen berichteten, Pike habe gefragt, ob sich ihr Arm so anfühlen solle.
Sieben Menschen haben in den USA eine Hinrichtung bislang überlebt, weil das Team keine Vene fand. Allerdings schützt eine gescheiterte Hinrichtung in den USA nicht grundsätzlich vor einem weiteren Versuch.
Am 3. Mai 1946 setzte Louisiana den siebzehnjährigen Willie Francis auf seinen tragbaren elektrischen Stuhl. Der Strom floss, Francis überlebte. Der Supreme Court hielt im Januar 1947 fest, der Tod sei vermutlich wegen einer mechanischen Schwierigkeit ausgeblieben, und erlaubte mit fünf zu vier Stimmen einen zweiten Versuch. Am 9. Mai 1947 wurde Francis erneut auf den Stuhl gesetzt. Diesmal funktionierte er.
Am 17. November 2022 lag Kenneth Smith in Alabama vier Stunden auf der Liege, während das Personal Zugänge an Händen, Armen und Schlüsselbein versuchte. Kurz vor Mitternacht wurde abgebrochen. Seine Geschworenen hatten sich für lebenslang ausgesprochen, ein Richter hatte sie überstimmt. Alabama versprach daraufhin, ihn nie wieder per Injektion zu töten, und hielt Wort. Am 25. Januar 2024 starb Smith als erster Mensch durch Stickstoff. Richterin Sonia Sotomayor schrieb in ihrem abweichenden Votum, Alabama habe ihn nach dem gescheiterten ersten Versuch zum Versuchskaninchen gemacht.
Zwischen Willie Francis und Kenneth Smith liegen fast acht Jahrzehnte. Beide Männer überlebten den ersten Versuch, sie zu töten, und mussten danach mit dem Wissen weiterleben, dass der Staat wiederkommen würde.
Irgendwann in dieser Nacht wurde Christa Pike mit einem Rettungswagen aus dem Gefängnis in ein Krankenhaus gebracht. Ich weiß nicht, wer in diesem RTW saß. Ich kann nur beschreiben, worauf ich mich in dieser Lage konzentrieren würde: Ist der Atemweg frei? Reicht die Atmung aus? Müssen wir absaugen, beatmen, den Atemweg sichern? Dazu Sauerstoff und komplettes Monitoring. Bei der Übergabe ginge es um eine fünfzigjährige Patientin mit einer Barbiturat-Intoxikation nach zwei zur Hinrichtung vorgesehenen Dosen. Wie viel davon tatsächlich in ihren Kreislauf gelangt war, wäre damit noch nicht geklärt.
Seitdem liegt sie nach Angaben ihrer Anwälte auf einer Intensivstation. Behandelt werden die Folgen des Pentobarbitals und erhebliche Verletzungen an beiden Armen. Irgendwer misst dort vermutlich ihren Blutdruck und lagert sie alle paar Stunden um, damit kein Dekubitus entsteht, und manchmal wird mutmaßlich eine Laufrate an einem Perfusor angepasst und alles in einem Computer eingetragen. Es sind dieselben Handgriffe, die man einer Neunzehnjährigen nach einem Schädel-Hirn-Trauma schuldet, und sie müssen mit derselben Sorgfalt gemacht werden. Das ist das Beste, was man über diesen Beruf sagen kann.
Und es ist das Unheimlichste an diesem Fall: Die Medizin, die sich weigert, beim Töten mitzuwirken, hält am Leben, wen der Staat töten will. Gouverneur Bill Lee hat weitere Hinrichtungen für den Rest des Jahres ausgesetzt und eine unabhängige Überprüfung angeordnet. Pikes Todesurteil besteht weiter. Ihre Anwälte nennen das, was mit ihr geschah, Folter, und fordern die Umwandlung in lebenslange Haft.
Bildquelle: Clay Banks, Unsplash
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