Schlechter Schlaf durch Schnarchen? Ausgerechnet der Zahnarzt könnte der Schlüssel zu ruhigeren Nächten sein. Schon eine simple Schiene kann Obstruktion und Aussetzern effektiv entgegenwirken.
Für Eilige gibt's am Ende eine kurze Zusammenfassung.
Schnarchen ist weit mehr als nur ein nächtliches Geräusch. Es kann die Schlafqualität beeinträchtigen, die Gesundheit beeinflussen und auch manchmal Beziehungen belasten. Denn erholsamer Schlaf ist entscheidend für körperliche und mentale Regeneration und unser Organismus kann Energie für den nächsten Tag tanken. In manchen Fällen kann Schnarchen zudem auf eine obstruktive Schlafapnoe hinweisen und sollte deshalb nicht einfach ignoriert werden. Und genau hier wird es für uns Zahnmediziner spannend.
Was hat die Zahnmedizin mit gutem Schlaf zu tun? Der Unterkiefer und die umgebenden Weichgewebe haben direkten Einfluss auf die Weite und Stabilität des oberen Atemwegs. Mit individuell angefertigten mandibulären Protrusionsschienen können wir den Unterkiefer während des Schlafs nach vorne positionieren und dadurch den Atemweg stabilisieren.
Unterkieferprotrusionsschienen (UPS), oft auch als Mandibular Advancement Devices (MAD) oder Oral Appliances (OA) bezeichnet, sind eine etablierte Therapieoption bei schlafbezogenen Atemstörungen. Durch die kontrollierte Vorverlagerung des Unterkiefers wird Spannung auf das suprahyoidale Gewebe übertragen und führt zu einer luminalen Vergrößerung und Stabilisierung des Atemweges auf Höhe des Velums, des Zungengrundes und der Epiglottis. Mehrere Studien zeigen, dass sowohl bei Patienten mit primärem Schnarchen als auch bei Patienten mit obstruktiver Schlafapnoe (OSA) das Schnarchen durch die Therapie mit einer UPS deutlich verbessert werden konnte im Vergleich zu Nasentherapie, Mundtaping und Seitenlage.
Hervorzuheben ist, dass selbst bei mittelgradiger bis schwerer OSA eine UPS wirksam sein kann. Der durchschnittliche Apnoe-Hypopnoe-Index (AHI) sank und bei ca. 91,8 % der Teilnehmer lag nach der Behandlung keine oder nur noch eine leichte Schlafapnoe vor. Auch Schnarchen und Tagesmüdigkeit verbesserten sich deutlich.
Um die Frage der Protrusion zu klären, untersuchte eine Studie aus 2026 Patienten, bei denen unter Drug-Induced Sleep Endoscopy (DISE) der Unterkiefer mithilfe eines Mandibular Positioners schrittweise vorverlagert wurde. Der Ansatz ist interessant, denn so lässt sich direkt beobachten, bei welcher Position sich die Atemwegsobstruktion verbessert. Diese Position kann anschließend als Orientierung für die individuelle Einstellung der UPS dienen.
Die Ergebnisse zeigen einen deutlichen Effekt, denn der AHI sank im Mittel von 32,3 auf 7,2 Ereignisse pro Stunde. Die Ergebnisse unterstreichen, dass eine sorgfältige Auswahl geeigneter Patienten, beispielsweise mithilfe einer DISE, eine wichtige Rolle spielen kann. Für die zahnärztliche Praxis ist vor allem eine Erkenntnis relevant: Nicht die maximal mögliche Protrusion ist das Ziel, sondern die individuell wirksame Position. Eine gezielte Titration kann dazu beitragen, Wirksamkeit und Verträglichkeit miteinander zu verbinden.
Eine aktuelle Studie zeigt eindrucksvoll, welchen Einfluss die individuelle Gestaltung einer oralen Schiene auf das Schnarchen haben kann. Dabei kam eine individuell gefertigte Schiene mit unterschiedlich langen Zungenkompressoren zum Einsatz. Die Ergebnisse zeigten besonders bei Patienten mit ausgeprägtem Schnarchen, dass die längste Variante des Zungenkompressors die Schnarchaktivität um etwa 85 % reduzierte. Selbst bei Patienten mit einer geringeren Ausgangsschnarchrate wurden Reduktionen von rund 66 bis 69 % beobachtet.
Eine weitere aktuelle randomisierte Pilotstudie vergleicht zwei unterschiedliche Unterkieferprotrusionsschienen bei Patienten mit OSA. Verglichen wurden dabei ein Shark-fin UPS und ein Silensor UPS. Beide Schienen verbesserten die Atemsituation während des Schlafs. Auch bei anderen Faktoren zeigten sich Unterschiede, zum Beispiel bei der Schnarchlautstärke, der Tagesschläfrigkeit, der Schlafqualität und dem Tragekomfort. Besonders interessant für die tägliche Praxis war die Möglichkeit, die Schienen unterschiedlich fein einzustellen. Das Shark-fin MAD konnte in sehr kleinen Schritten von 0,25 mm angepasst werden, während das Silensor MAD in 1-mm-Schritten eingestellt wurde. Daraus wird sichtbar: Je genauer wir die Position des Unterkiefers verändern können, desto besser können wir den individuellen therapeutischen Bereich des Patienten finden. Gerade bei der Eingewöhnung und Feinjustierung kann das einen wichtigen Unterschied machen.
Eine Fallstudie untersuchte das Schlafverhalten von Patienten vor Beginn und 60 Tage nach einer Therapie mit einer UPS. Nach Eingliederung der UPS nahm die Gesamtschlafzeit zu. Gleichzeitig wurden längere Phasen des tieferen NREM-Schlafs (Non-Rapid Eye Movement) beobachtet, also jener Schlafstadien, die für die nächtliche Erholung eine wichtige Rolle spielen. Auch bei den sogenannten Arousals, kurzen Aktivierungen des Gehirns während des Schlafs, zeigten sich Veränderungen, insbesondere im Zusammenhang mit Atemereignissen und Schnarchen. Die Wirkung einer UPS lässt sich wohl nicht allein daran beurteilen, ob das Schnarchen leiser wird. Entscheidend ist vielmehr das gesamte Zusammenspiel von Schlafdauer, Schlafstadien und nächtlicher Atmung.
Bei Patienten, die aufgrund von Schnarchen in die Praxis kommen, sollte zunächst zwischen einem primären Schnarchen und einer möglicherweise bislang nicht diagnostizierten OSA unterschieden werden. Eine gezielte Anamnese und standardisierte Screeningverfahren können dabei helfen, das individuelle OSA-Risiko einzuschätzen. Besonders etabliert haben sich zwei Tests, die auch in der Zahnmedizin Hinweise geben können: Der STOP-BANG-Fragebogen erfasst typische Risikofaktoren für eine OSA. Von Schnarchen und Atemaussetzern bis hin zu BMI, Alter, Halsumfang und Bluthochdruck. So lässt sich das OSA-Risiko schnell und unkompliziert einschätzen. Die Epworth Sleepiness Scale (ESS) konzentriert sich auf die Tagesschläfrigkeit und fragt typische Alltagssituationen ab, in denen vermehrte Müdigkeit auftreten kann. Gerade in der Zahnmedizin können beide Fragebögen unkompliziert in die Anamnese integriert werden und können helfen, Patienten mit einem möglichen OSA-Risiko frühzeitig zu erkennen und gegebenenfalls zur weiteren schlafmedizinischen Abklärung zu überweisen.
Besteht die Indikation für eine UPS, sollte diese individuell angepasst und schrittweise titriert werden. Ziel ist nicht die maximal mögliche, sondern die geringste wirksame Unterkiefervorverlagerung, mit der eine relevante Reduktion des Schnarchens bei guter Verträglichkeit erreicht wird. Individuell gefertigte UPS stellen damit eine wirksame und praxisnahe Behandlungsoption für primäres Schnarchen dar – vorausgesetzt, die Schiene wird präzise titriert und vom Patienten langfristig gerne getragen.
Für uns Zahnärzte bietet die Schnarchtherapie mit UPS eine sinnvolle Erweiterung des Behandlungsspektrums. Damit wird die Zahnmedizin Teil eines interdisziplinären Behandlungskonzepts, das ein sehr einfaches Ziel verfolgt: weniger Schnarchen, erholsamen Schlaf und dadurch eine bessere Lebensqualität. Wer hätte gedacht, dass manchmal eine bessere Nacht tatsächlich auf dem Zahnarztstuhl beginnt.
Das Wichtigste auf einen Blick
Bildquelle: Ahmet Yüksek, Unsplash
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