Sterbende Patienten gehören zum ärztlichen Alltag – doch so mancher Todesfall hinterlässt Spuren. Wie eng hängt die emotionale Belastung bei Kardiologen mit Angst, Depression und Burnout zusammen?
Für Eilige gibt’s am Ende eine kurze Zusammenfassung.
Gerade in der Herzmedizin treffen hochakute Situationen, invasive Eingriffe und langjährige Arzt-Patienten-Beziehungen auf schwierige Entscheidungen am Lebensende. Für Ärzte bedeutet das, immer wieder mit Sterben und Tod konfrontiert zu sein. Wie stark sie diese Erfahrungen emotional belasten und welche psychischen Folgen damit verbunden sind, ist bislang jedoch erstaunlich wenig untersucht worden.
Jetzt gibt es neue Erkenntnisse: Forscher wollten wissen, wie stark Ärzte aus kardiovaskulären Fachgebieten den Tod ihrer Patienten emotional erleben – und ob diese Belastung mit psychischen Beschwerden zusammenhängt. Im Fokus standen Symptome von Angst, Depression, posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) und Burnout.
An der französischen Querschnittsstudie nahmen 747 Ärzte teil, überwiegend Kardiologen, außerdem Anästhesisten bzw. Intensivmediziner, Herzchirurgen und Kinderkardiologen. Das Durchschnittsalter lag bei 44,5 Jahren, 43 % waren Frauen. Von insgesamt 6.080 eingeladenen Ärzten beantworteten 12,2 % den vollständigen Fragebogen.
Die emotionale Belastung durch den Tod eines Patienten – von den Autoren als „Emotional Impact of Patient Death“ (EIPD) bezeichnet – wurde auf einer Skala von 1 bis 10 erfasst. Der Median lag bei 6,3 Punkten. 83 % der Befragten gaben einen Wert von mindestens 5 an; etwa jeder Vierte (26 %) erreichte einen Wert von mindestens 8 und gehörte damit zur Gruppe mit der höchsten emotionalen Belastung.
Besonders belastend waren spezielle Situationen: der Tod eines jungen Patienten, ein unerwarteter Todesfall sowie ein Tod während oder nach einer Intervention. Auch der Tod nach einer langen Behandlungsdauer und Situationen, in denen sich der Arzt mit dem Patienten identifizierte, wurden emotional stärker bewertet.
Unter den 201 Ärzten mit einem EIPD-Wert von mindestens 8 erfüllten 60,2 % die Screeningkriterien für PTBS-bezogene Symptome. 51,7 % zeigten Angstsymptome, 42,3 % depressive Symptome und 51,2 % ein schweres Burnout. In der Gesamtgruppe lagen die entsprechenden Anteile niedriger: bei 33 % für PTBS-Symptome, 38 % für Angst, 31 % für depressive Symptome und 45 % für Burnout.
Wichtig für die Einordnung: Die verwendeten Fragebögen dienten dem Screening. Die genannten Prozentwerte entsprechen nicht der Prävalenz klinisch gesicherter psychiatrischer Diagnosen. Darauf weisen auch die Autoren ausdrücklich hin.
3 Faktoren waren in der multivariablen Analyse unabhängig mit einer hohen emotionalen Belastung verbunden: weibliches Geschlecht, eine herzchirurgische Tätigkeit und eine persönliche Traumaanamnese.
Am stärksten fiel der Zusammenhang bei Herzchirurgen aus. Ihre Chance für eine hohe emotionale Belastung war gegenüber der Referenzgruppe der Anästhesisten etwa verdreifacht (OR 3,13). Für Frauen ergab sich eine OR von 1,78. Mit zunehmender persönlicher Traumabelastung stieg die Wahrscheinlichkeit ebenfalls an.
Grafik: DocCheck. Quelle: 10.1016/j.jacadv.2026.102861
Interessanterweise hatten Herzchirurgen trotz weniger Patiententodesfällen pro Jahr eine stärkere emotionale Belastung als nichtchirurgisch tätige Kollegen. Die Autoren diskutieren als mögliche Erklärung die unmittelbare Verantwortung während eines Eingriffs und die enge zeitliche Beziehung zwischen Intervention und Ausgang – untersucht wurde ihre Hypothese allerdings nicht.
Ein weiteres Ergebnis dürfte vielen klinisch tätigen Ärzten bekannt vorkommen: Unterstützung kam eher aus dem persönlichen Umfeld als vom Arbeitgeber. Auf einer Skala von 1 bis 10 bewerteten Ärzte die Unterstützung durch Kollegen im Mittel mit 5,5 und durch Familie oder Freunde mit 5,4 Punkten. Die institutionelle Unterstützung erreichte dagegen lediglich 1,5 von 10 Punkten.
Gleichzeitig fanden die Autoren problematische Bewältigungsstrategien. In der Gruppe mit der höchsten emotionalen Belastung berichteten 17,4 % über Alkohol- oder Cannabiskonsum nach dem Tod eines Patienten und 10 % über die Einnahme psychotroper Medikamente. Nur rund 12 % nahmen psychologische oder psychiatrische Unterstützung in Anspruch.
Die Autoren sehen darin nicht nur ein individuelles Problem. Sie ordnen die Belastung auch in das Konzept des „Second Victim“ ein: Behandler können nach schwerwiegenden Ereignissen oder dem Tod eines Patienten selbst psychisch erheblich belastet sein. Eine professionelle Kultur, in der darüber kaum gesprochen wird, kann die Inanspruchnahme von Unterstützung zusätzlich erschweren.
Als mögliche Ansatzpunkte nennen sie strukturierte Debriefings nach belastenden Ereignissen, Peer-Support, Mentoring und Schulungen zur Emotionsregulation. Gleichzeitig sehen sie die Institutionen in der Pflicht: Arbeitsbelastung, Personalausstattung, Work-Life-Balance und eine psychologisch sichere Teamkultur seien ebenfalls Teil der Prävention.
Kennst du das aus eigener Erfahrung? Ein Fall, der dich nicht mehr loslässt? In unserer Umfrage zum Second-Victim-Phänomen kannst du davon erzählen.
Die Ergebnisse sind eindrücklich, sollten aber nicht überinterpretiert werden. Denn die Arbeit war als Querschnittsstudie angelegt. Sie kann nicht beantworten, ob eine hohe emotionale Reaktion auf Patiententodesfälle psychische Beschwerden verursacht oder ob bereits belastete Ärzte solche Todesfälle intensiver erleben.
Hinzu kommt die niedrige Rücklaufquote von 12,2 %, was zu einem Selektionsbias führen kann. Und bei der EIPD-Skala handelt es sich nicht um ein formal validiertes Instrument.
Alles in allem liefert die Studie weniger den Beweis für einen kausalen Zusammenhang als einen Hinweis auf eine bislang wenig beachtete Seite ärztlicher Arbeit: Der Tod eines Patienten kann auch den behandelnden Arzt erheblich treffen.
Für die Autoren folgt daraus: Der professionelle Umgang mit Patiententodesfällen sollte nicht allein der individuellen Resilienz überlassen werden. Strukturiertes Debriefing, niedrigschwelliger Peer-Support und eine Ausbildung, die Ärzte nicht nur auf das Retten von Leben, sondern auch auf Sterben und Tod vorbereitet, könnten zu einer zeitgemäßen kardiologischen Arbeitskultur gehören. Die Studie selbst kommt entsprechend zu dem Schluss, dass die emotionale Belastung nach Patiententodesfällen stärker wahrgenommen und durch gezielte Unterstützungs- und Trainingsangebote adressiert werden sollte.
Das Wichtigste auf einen Blick
Quelle
Damy et al.: Emotional impact of patient death and associated psychological distress in cardiac physicians. JACC: Advances, 2026. doi: 10.1016/j.jacadv.2026.102861.
Bildquelle: Callum Skelton, Unsplash
Weitere News-Artikel