BLOG | Quetschies waren gestern, jetzt kommen Vitamin-Shakes für Kinder, die angeblich keine Zeit zum Essen haben. Für Eltern klingt das praktisch – für die Kinderernährung ist’s aber ein Reinfall. Eine Abrechnung aus der Praxis.
Ernährung ist tägliches Thema in der Beratung. Was ist zu viel, was zu wenig, was ist richtig und falsch? Bei Säuglingen, Kleinkindern, und Jugendlichen führen viele Gesundheitsfragen auf die Schiene der Ernährung zurück. Über allem steht die Sorge der Eltern, ihre Kinder könnten verhungern. Das klingt absurd. Im Kern aber steckt sie tief in allen elterlichen Bemühungen. Der neueste Schrei? Angeblich vitaminreiche Milchshakes für Kinder.
Genau darauf zielt unsere Beratung: Kinder essen stets ausreichend und gesund, wenn das Angebot stimmt. Eltern müssen nur gesund einkaufen und kochen, gemeinsam mit den Kindern essen und sie an gesundes Essen heranführen. Die Menge spielt nie eine Rolle. Zur gesunden Ernährung gehört auch Regelmäßigkeit. Ein Frühstück vor Kindergarten und Schule sollte immer drin sein. Drei große Mahlzeiten mit zwei oder drei Zwischensnacks reichen aus, weder stundenlange Nüchternphasen noch Daueressen sind gesund. Die gefühlt angewachsenen Butterbrezeln und klebrige Reiswaffeln im Kinderwagen sind überall zu sehen – tun dem Kind aber nicht gut. Meist ist das ständige Füttern ohnehin nur eine Beschäftigungsablenkung, damit das Kind still bleibt.
Die Nahrungsindustrie folgt dem Profit, wirklich gesunde Lebensmittel tauchen in der Werbung selten auf. Meist sind die beworbenen Produkte überzuckert, hochindustriell verarbeitet und damit vitaminarm – und natürlich „convenient“ aufgearbeitet. Quetschies sind die Endgegner in der Beratung: Zuckerbomben in Patschehand-praktischer Aufmachung, Sauerei inklusive. Hungerstillung für drei Stunden, Ernährung null. „Mein Kind isst am Tisch nichts von dem, was ich koche. Dann gebe ich wenigstens ein Quetschie / eine Flasche 3er-Milch / eine Butterbrezel, damit es überhaupt etwas isst.“
Die Firma „everydays“, bekannt für Nahrungsergänzungsmittel, hat den nächsten Anwärter für den „foodwatch“-Jahrespreis auf den Markt gebracht. Der Name weckt Hoffnung: „Growies“ (hier mit Absicht keine Verlinkung auf deren Homepage). So wachsen und gedeihen Kinder. Milchshakes mit zugesetzten Vitaminen und „ohne zusätzlichen Zucker“ – immerhin aber deklariert ein Drittel des Produktes Zucker als Inhaltsstoff.
Angeblich fehlt Eltern die Zeit zu kochen. Und den Kindern die Zeit zu essen. Immer on-the-run, immer am Spielen, immer unterwegs zwischen Fußballtraining und Ballettstunde. Da kann man morgens eine halbe Stunde länger schlafen, weil Papa und Mama kein Frühstück zubereiten müssen, das die Kinder sowieso nicht essen. „Wir wollen Kinderernährung spielerisch leicht gesünder machen“, wirbt die Homepage.
Ich habe schon viele Sorgen bei Eltern zur Ernährung erlebt. Dass Kinder zeitoptimiert essen müssten, gehörte bisher nicht dazu. Man kann durch Werbung Ängste und Bedürfnisse suggerieren, von denen Eltern bisher nicht wussten, dass sie sie haben.
Ganz im Ernst: Hier sollten die Aufsichtsbehörden wegen unlauterer, gesundheitsschädigender Werbung einschreiten. Ich verteile eine rote Karte für ein Produkt, das Eltern eine Art Fast-Food-Vitaminversorgung verkauft, um Zeit zu sparen. Denn die Gesundheit bleibt dabei auf der Strecke. Kinder erleben weder Essensplanung noch Einkauf, Zubereitung, Geruch, Geschmack oder das fundamentalste am Essen: Kauen. Kinderernährung wird dadurch nicht „spielerisch leicht gesünder“, sondern langweilig und schädlich. Dann doch lieber der klassische Apfelschnitz aus der Dose auf dem Spielplatz, das gute alte Butterbrot mit obligatorischer Gurkenscheibe oder auch die Lyoner auf dem Vollkornbrötchen.
Bildquelle: Sara Julie, Unsplash
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