Eine 50-Jährige wird immer wieder ohnmächtig. Monatelang behandelt man sie gegen Epilepsie, ohne Erfolg. Die eigentliche Ursache sitzt an einer ganz anderen Stelle.
Eine 50-jährige Frau stellt sich in einer afghanischen Klinik vor. Sie klagt über ein Druckgefühl in der Brust, anhaltende Müdigkeit und Luftnot schon bei leichter Belastung. Dazu kommen wiederholte Ohnmachtsanfälle. Für die gibt es bereits eine Erklärung: Krampfanfälle. Seit Monaten nimmt sie deshalb Antiepileptika, gebessert hat sich dadurch nichts.
Fieber, Herzrasen oder kürzliche Reisen verneint sie. Beim Abhören fällt den Ärzten jedoch links parasternal ein deutliches systolisches Austreibungsgeräusch Grad III auf. Es spricht für ein Hindernis im rechtsventrikulären Ausflusstrakt. Sonst ist der Herzbefund unauffällig. Das EKG-Monitoring zeigt einen regelrechten Sinusrhythmus ohne Hinweis auf Rhythmusstörungen. Auch Röntgen-Thorax und Abdomensonografie bleiben ohne Befund: Weder in der Lunge noch in der Leber finden sich Auffälligkeiten.
Die entscheidende Spur liefert die transthorakale Echokardiografie. Mitten im Ventrikelseptum sitzt eine scharf begrenzte Zyste von 3,6 × 3,9 cm, etwa so groß wie eine Walnuss. Sie wölbt sich in den rechten Ventrikel vor und verengt den Ausflusstrakt. Der Doppler zeigt einen Gradienten von 95/46 mmHg in Ruhe und 107/67 mmHg unter Belastung, also eine hochgradige Obstruktion. In der transösophagealen Echokardiografie erkennen die Ärzte ein typisches Zyste-in-Zyste-Muster, das auf Tochterzysten hinweist. Jetzt haben sie einen konkreten Verdacht. Zur Bestätigung greifen sie auf den Casoni-Hauttest zurück, ein älteres und wenig verlässliches Verfahren, das hierzulande längst durch die Serologie ersetzt ist.
Der Test fällt positiv aus und erhärtet den Verdacht auf eine zystische Echinokokkose. Auslöser: der Hundebandwurm Echinococcus granulosus. Seine Hydatidenzysten finden sich gewöhnlich in Leber oder Lunge. Das Herz ist bei weniger als 2 Prozent der Betroffenen beteiligt, und nur rund 4 Prozent dieser kardialen Fälle liegen im Ventrikelseptum. Dass Leber und Lunge hier frei sind, macht den Fall noch seltener. Auch die Ohnmachten sind damit erklärt: Sie waren keine Anfälle, sondern am ehesten Folge der mechanischen Obstruktion, die unter Belastung das Herzzeitvolumen kritisch einschränkte.
Behandelt wird in 2 Schritten. Nach einem Monat Albendazol (2 × 400 mg täglich) wird die Patientin am offenen Herzen operiert. Die Chirurgen saugen die Zyste ab, spülen sie mit einem skoliziden Mittel und entfernen anschließend die parasitäre Zystenwand vollständig. Die Histologie sichert die Diagnose endgültig: Sie zeigt eine typische Zystenwand mit zahlreichen Tochterzysten. Nach dem Eingriff liegt der Gradient nur noch bei 25/8 mmHg. Albendazol nimmt die Frau noch 6 Monate weiter ein. 2 Jahre später ist sie beschwerdefrei, und die Zyste ist nicht zurückgekehrt.
Eine solche Diagnose ist in Deutschland selten. 2024 wurden in Deutschland 184 Echinokokkose-Fälle an das Robert Koch-Institut übermittelt, das sind rund 0,2 Fälle pro 100.000 Einwohner. 88 davon entfielen auf die zystische Form, also auf den Hundebandwurm E. granulosus. Nach Einschätzung des RKI haben sich die meisten Betroffenen in ihren Herkunftsländern angesteckt, vor allem im Mittelmeerraum und auf dem Balkan. Autochthone Infektionen mit dem Hundebandwurm gelten in Deutschland als selten.
Da das Herz nur bei einem kleinen Bruchteil der Betroffenen beteiligt ist und das Septum noch seltener, werden die meisten Ärzte hierzulande eine kardiale Hydatidenzyste wohl nie zu Gesicht bekommen. Ganz ausschließen sollte man sie trotzdem nicht: Bei Patienten aus Endemiegebieten wie Afghanistan kann der Hundebandwurm durchaus hinter unklaren Beschwerden stecken.
Die Autoren des Case Reports ziehen daraus eine klare Lehre: Bei Belastungssynkopen sollte man, besonders bei Patienten aus Endemiegebieten, neben Arrhythmien und Krampfanfällen auch an eine mechanische Obstruktion durch eine intrakardiale Raumforderung denken. Oft reicht dafür schon eine Echokardiografie. Bleibt die Zyste unentdeckt, drohen Ruptur mit anaphylaktischem Schock, Embolien oder der plötzliche Herztod.
Bildquelle: Patrick Mueller, Unsplash
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