BLOG | Großmogule, Medusa und ein Psychiater, der nur so tut – für Herrn Horvath sind diese Bedrohungen real. Im Wahn ist kein normales Patientengespräch mehr möglich. Wie behält man da die Nerven?
„HONECKER!!!“ Der Herr mit den wirren grauen Haaren und den dunkelgelb verfärbten Zähnen reißt seine Augen auf. So weit, dass ich Angst bekomme, sie fallen aus den Höhlen und platschen vor mir auf den Besprechungstisch.„Äh… was??“„Honecker! Der Psychiater, der Dr. Jausenkopf. Der sieht aus wie Honecker!“„Der Dr. Hausendorfer… joah… ein bisschen vielleicht…“„Der IST HONECKER!!!“„Herr Horvath, ich bin ganz sicher, dass der Herr Dr. Hausendorfer NICHT Honecker ist.“„Das ist sein zweiter Name. Der heißt Honecker und als Tarnung arbeitet er unter dem alias Pausenkoffer hier in der JVA. Mein Vater kennt den ja. Der hat früher schon immer gesagt: der Jausenkopf aus der JVA, deeeeaaar…“
Ich sehe ihn mit erwartungsvoll angehobenen Augenbrauen an, um zu erfahren, welche Meinung sein werter Vater zu unserem Psychiater seiner Ansicht nach hegte. Aber wie auch in den letzten 20 Minuten, verliert sich Herrn Horvaths Erzählstrang im synaptischen Nirwana. „Mein Vater kennt ja auch den Assis auf der 63, die sind zusammen in die Schule gegangen. DeristmeinBruder daisterselbervorhindraufgekommen… weilderhatHabibizumirgesagt.“
Nachdem Herr Horvath seine Wortsalve abgefeuert hat, zieht er die Augenbrauen nach oben und grimassiert eine gruselige Fratze. Wieder sorge ich mich um die Stabilität seiner Augäpfel. Ich weiß noch nicht, was er hat. Auf jeden Fall ist er wahnhaft. Vielleicht akut psychotisch? Auf jeden Fall ist er nicht gesund. Und klar ist auch: allein mit therapeutischen Gesprächen bekommen wir das nicht in den Griff. Ich wage einen Vorstoß: „Herr Horvath, ich will ehrlich zu Ihnen sein. Sie sind kein unangenehmer Gesprächspartner, aber ich habe das Gefühl, Sie sind nicht ganz gesund.“
Er tut einfach so, als hätte ich das nicht gesagt. „Ja. Ja Frau Pisch, dazu müssen Sie wissen, dass mein Großvater väterlicherseits bereits 1939 eng befreundet war mit dem Generalkonsul von Fischbachau. Kennensiefischbachau??? Dort gibt es die Familie Schleyer, deren Großmogul auf Seiten der Tante – der zweiten Tante – der wiederum war quasi verschwägert mit dem anderen Offizier der Familie Hornung, welcher den zweiten großen Stammbaum am Rheinufer darstellt, und so schließt sich der Kreis.“„Ich bin nicht mitgekommen, Herr Horvath“, resigniere ich.„Der GROßMOGUL der Familie Schleyer…“„NEEEIINneinnein Herr Horvath, bitte erklären Sie es mir nicht noch einmal. Ich möchte lieber zu meiner Feststellung von vorhin zurückkehren.“
Aber offensichtlich er nicht. Wann immer ich versuche das Gespräch auf seine Wahnhaftigkeit zu lenken, folgt ein Redeschwall voll Unsinnigkeiten. Manchmal ergeben die ersten zwei Sätze noch Sinn und irgendwann sind es nur noch aneinandergereihte Wörter. Es ist ein Eiertanz. Ich muss sehr wertschätzend bleiben, denn wahnhafte Patienten reagieren emotional oft hochempfindlich. Allerdings darf ich auch nicht den Fokus verlieren. Ich möchte heute noch mit ihm seine Medikation besprechen. Denn das ist das Einzige, was sein neuronales Strohfeuer löschen kann. „Sie sind mir wichtig, Herr Horvath. Ich möchte, dass es Ihnen besser geht. Deshalb muss ich das leider nochmal sagen: Ich glaube, Sie sind nicht gesund.“
Der Mann ist nur zwei Jahre älter als ich aber wirkt, als wäre der überwiegende Teil seiner Sanduhr bereits abgelaufen. Sein Gesicht ist knallrot und um seine Augen breitet sich ein grauer Schatten aus. Pulsierende Adern an seinem Hals verraten eine viel zu hohe Herzfrequenz. Mein Patient trägt zwei Pullover, zwei Hemden, über alledem ein T-Shirt und darunter vermutlich noch Unterwäsche. Draußen hat es noch immer an die dreißig Grad. Der Schweiß rinnt ihm in kleinen Tropfen die Schläfe hinunter, vorbei an seinen absurd aufgerissenen Augen, die weiterhin bedenklich aus ihren Höhlen quellen. Wann immer ich ihn in seinem Sprechdurchfall unterbreche, muss ich sehr behutsam vorgehen, um ihn nicht vor den Kopf zu stoßen. Denn dies endet jedes Mal in empörtem Geschrei.
Benjamin vom AvD ist heute zu meinem Schutz beim Gespräch dabei. Ich bin sehr froh, dass er sich Zeit genommen und niemand anderen geschickt hat. Benjamin ist empathisch, wach und professionell. Er geht nicht, wie andere, auf der Station hausieren und erzählt herum, was der „Psychopath aus der 36“ heute wieder für einen „Schwachsinn verzapft“ hat. Und wenn er in das Gespräch involviert wird, ist er schlagfertig genug, mit der Situation umzugehen.
„Ich mag Sie auch, Frau Psychologin Pisch. Meine Tante hat immer gesagt: wenn es jemand gut mit dir meint, ist die Welt auf dem Kopf. Wie bei der Göttin Medusa, die hatte mehrere Köpfe, was gar nicht gut war, denn schlug man einen ab, kamen sofort mehrere Köpfe nach, wissen Sie, was ein Honey Badger ist?“
Ideenflucht. Eine formale Denkstörung, die am häufigsten im Rahmen einer Manie auftritt. Dazu würde auch die Tachylalie passen. Oder doch eine Schizophrenie? Der Wahn, das desorganisierte Sprechen, die Denkstörungen… Ich muss kurz nachdenken, also greife ich den letzten Satz auf:
„Ein Honigdachs. Ein krasses Tier. Hat vor nichts Angst. Richtig? Die greifen doch auch Raubtiere an, oder? Und fressen Giftschlangen?“„Ich bin ein Honey Badger!“ Benjamin muss grinsen.„Weil Sie auch furchtlos sind?“„Das war mein Codename im Einsatz. Ich war in der fünften Infanterie in Afghanistan. Dort habe ich auch meine PTBS her. Ich wurde verlegt ins BWK nach Berlin und jetzt wollen die hier meine Akte anfordern, dabei hat der Frauenkoffer nicht mal gedient.“„Bitte was? Wer hat nicht gedient?“ Das wird echt anstrengend. Ich muss jetzt stärker strukturieren und führen, sonst sitzen wir um 20.00 Uhr noch immer hier.„Na, der PSYCHIAAATA!“„Hausendorfer. Unser Psychiater heißt Hausendorfer“, wiederholt Benjamin geduldig.
Okay. Das mit dem Militär scheint ein Thema zu sein. Und unser Dr. Hausendorfer scheint mal wieder nicht mit Empathie um sich geworfen zu haben. Ich notiere beides auf dem Schmierzettel vor mir. Jetzt erst mal zurück zur Krankheitseinsicht. „Wollen Sie mir mehr über Ihre PTBS erzählen?“, versuche ich die letzte Eingabe aufzugreifen. Ich merke allerdings sofort: Das war zu optimistisch.„1997 war ich in Afghanistan. Ich bin immer mit dem Herrn Major beim Laufen gewesen. DasistdasschönebeiderBundeswehr, da geht der JägermitdemLeutnantzumLaufen obwohleinergrößeristalsderandere.“„Herr Horvath!“ So wird das nix „Die PTBS?!“Wollt ich ja gerade erzählen!“ – Böser Blick von Herrn Horvath – „Also, ich habe ja bereits erklärt, dass mein Großvater 1939 eine wichtige Rolle im Staatsdienst gespielt hat. Top secret…“„Herr Horvath können wir… “„LASSEN SIE MICH AUSREDEN!“ Ups. Ich geb ihm wohl noch einen Moment.
„Also. – Nato. Nicht mehr Bundeswehr. Familie Schleyer in Fischbachau und zwischen alledem meine Großmutter.“„Herr Horvath, stopp jetzt! Ich möchte, dass Sie jetzt still sind und mir zuhören.“
Die Augäpfel wieder. Schweißperlen… und ein paar stumme Tränen kullern unkontrolliert aus den aufgerissenen Augenhöhlen. Es ist kaum vorstellbar, welch ein Armageddon dieser arme Mensch in seinem Kopf ertragen muss.
„Sie sind! Nicht! Gesund! Ich kann dem, was sie sagen, nicht folgen. Sie verhalten sich nicht wie ein psychisch gesunder Mensch. Sie stricken Zusammenhänge, wo keine sind, und Sie haben große Schwierigkeiten klare Gedanken zu fassen. Hat Ihnen das schon mal jemand außer mir gesagt?“„Noch nie.“ Er lehnt sich trotzig im Stuhl zurück. „Nehmen Sie denn Medikamente?“ Schweigen. „HERR. HORVATH. Nehmen Sie Medikamente?“ „OLANZAPIN!!! 5 mg pro Tag,“ sagt er und lehnt sich wie ein beleidigtes Kind im Stuhl zurück.
Die Katze scheint aus dem Sack, und tatsächlich können wir jetzt besprechen, wann und auf welche Weise er die Tabletten einnimmt. Er hatte draußen Schmelztabletten, jetzt ist es ein Retardmedikament. Das verunsichert ihn. Er löst sie in Wasser auf, raucht sie, führt sie rektal ein oder spült sie in der Toilette herunter. Keine dieser Einnahmeformen ist empfohlen. Wir einigen uns auf einen Deal: Er schluckt die Retardtabletten so lange, bis ich mit dem Psychiater besprechen konnte, ob die Schmelztabletten eine Alternative darstellen könnten.
Ich verabschiede Herrn Horvath hochzufrieden. Ich fühle mich wie eine Superheldin aus einem Marvel-Comic. Benjamin hingegen raucht der Kopf. „Wie hältst Du das aus?“ fragt Benjamin mit einem resignierten Lachen. „Ich bin völlig am Ende von diesem Chaoten und du siehst aus, als hätte dir das Spaß gemacht?“
Gute Frage. Auf dem Nachhauseweg muss ich darüber nachdenken. Was sehe ich in Patienten wie Herrn Horvath, was Benjamin nicht sieht? Herr Horvath ist laut. Er erschreckt, schockiert, verhält sich absurd und macht manchmal etwas Angst. Man kann seine Reaktionen nicht antizipieren, wie bei einem gesunden Menschen. Das macht den Dialog anstrengend. Unsere normalen Kommunikations- und Denkmuster greifen nicht. Er lacht nicht, wo andere lachen, er schwingt nicht mit, wo andere mitschwingen, er bekommt Panik, wo es keinen Grund für Panik gibt. Mit einem solchen Patienten kann man nicht unkonzentriert plaudern. Man kann sich keine Sekunde entspannen. Deshalb ist Benjamin nach dem Gespräch so fertig.
Aber warum machen mir solche Gespräche nichts aus? Ich sehe in Herrn Horvath keinen gesunden Gesprächspartner und so stelle ich mich auch nicht auf ein gesundes Gespräch ein. Ich sehe den Krieg in seinem Kopf. Die Sinneseindrücke, die keinen Sinn machen, die Wahrnehmungen, die andere nicht wahrnehmen. Die Zusammenhänge – von denen die Psychologin behauptet, dass sie nicht zusammenhängen. Dieser Mensch ist im Hyperstress. Sämtliche Bewältigungsmechanismen sind überreizt und sistieren.
Solche Patienten sind kräftezehrend. Ermüdend. Manchmal machen sie einen sogar wütend. Wenn ich mir aber vorstelle, dass das was diese Patienten verbal mitteilen, nur ein kleiner Teil von dem ist, was in deren Bewusstsein vor sich geht, so verraucht meine Wut recht schnell. Für Herrn Horvath steht alles mit allem in Verbindung. Wenn jede Kontaktperson eine Verschwörung plant und man eigentlich nirgends wirklich sicher ist – wie zur Hölle soll man da im Kopf eine Grundlage für ein stringentes Gespräch finden? Auch ich möchte Herrn Horvath oft einfach schnell wieder aus meinem Büro draußen haben. In erster Linie möchte ich ihm aber tatsächlich helfen. Irgendwann die Person kennenlernen, die er hinter seinem Wahn eigentlich ist. Ob dies noch in seiner Haftzeit gelingt, oder ob Herr Horvath auf ewig der „Honigdachs“ bleiben wird, ist unklar. Bislang gefährdet er weder sich selbst noch andere, somit sind die Voraussetzungen für eine Zwangsmedikation nicht gegeben. Herr Horvath hängt fest. Zwischen Olanzapin-retard, der Realität und dem Honigdachs. Ein kranker Mensch, gefangen in einem System, das nicht für Kranke gemacht ist.
Bildquelle: Andrej Lišakov, Unsplash
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