JUNG FRAGT ALT | Ein junger Mann leidet wochenlang unter einem eitrigen Bauchnabel – doch das Antibiotikum schlägt nicht an. Was zunächst wie eine banale Hautinfektion scheint, hat seinen Ursprung woanders.
Ein eitriger Bauchnabel bei einem jungen Erwachsenen? Das gehört wohl eher nicht zu den Beschwerden, die man jeden Tag in einer Hausarztpraxis sieht. Genau damit stellte sich vor einigen Monaten ein junger Patient vor. Was zunächst nach einer lokalen Infektion aussah, entwickelte sich zu einem dramatischen Krankheitsverlauf. In diesem Interview erzählt mir ein hausärztlich tätiger Internist mit mehr als 20 Jahren Erfahrung von einem Befund, der tiefer geht.
Freia: Heute wollen wir über einen ganz besonderen Fall sprechen, der auch noch gar nicht so lange her ist. Erzähl doch mal, wie fing das Ganze an?
Hausarzt: Ein junger Patient, Anfang 20, kam zu mir, weil seit einigen Tagen eitriges Sekret aus seinem Bauchnabel austrat. Fieber und Schmerzen hatte er nicht. Ich habe zunächst einen Abstrich genommen und eine antibiotische Therapie mit Amoxicillin/Clavulansäure begonnen. Außerdem habe ich mit dem Ultraschall geschaut, wie weit die Entzündung in die Tiefe reicht.
Freia: Ein eitriger Bauchnabel bei einem Erwachsenen ist an sich ja schon eher ungewöhnlich. Was hattest du zu diesem Zeitpunkt als Verdachtsdiagnose im Kopf?
Hausarzt: Ich habe an eine oberflächliche Infektion der Haut gedacht wie eine Omphalitis oder Follikulitis.
Freia: Zunächst klingt das Vorgehen ja eher klassisch: Anamnese, körperliche Untersuchung, Abstrich, Antibiotikum, Sono. Nur besser wurde es nicht.
Hausarzt: Genau. Die Beschwerden bestanden weiter. Deshalb habe ich ihn zur weiteren Diagnostik ins Krankenhaus eingewiesen. Dort zeigten die Blutwerte eine leichte Leukozytose und ein erhöhtes CRP von 3 mg/dl. Die erneute Sonografie lieferte schließlich den entscheidenden Hinweis. Zu sehen war eine hyperechogene, gangartige Struktur angrenzend an den Bauchnabel sowie eine Flüssigkeitsansammlung. Zusammen mit leichtem Druckschmerz und dem eitrigen Ausfluss ergab sich schließlich der Verdacht auf eine infizierte Urachusfistel.
Einen Tag später wurde der Patient laparoskopisch operiert. Dabei bestätigte sich die lokale Abszedierung. Die Urachusfistel wurde bis zum Blasendach reseziert und das entzündete Gewebe entfernt. Anschließend erfolgte eine Nabelrekonstruktion und es wurde intraoperativ ein Antibiotikum gegeben. Zwei Tage später wurde der Patient klinisch stabil, aber noch mit leicht erhöhten Entzündungswerten entlassen. Eine Indikation für eine weiterführende Antibiotikatherapie wurde nicht gesehen.
Freia: Und spätestens da wird aus dem vermeintlich kleinen Bauchnabelinfekt plötzlich ein Fall für die Embryologie.
Der Urachus ist ein Relikt aus der Embryonalentwicklung und stellt während der fetalen Entwicklung eine Verbindung zwischen Harnblase und Nabelschnur dar. Normalerweise bildet er sich zurück. Nach der Geburt obliteriert der Urachus und bleibt als bindegewebiger Strang, das Ligamentum umbilicale medianum, an der vorderen Bauchwand bestehen. Bleibt diese Obliteration jedoch ganz oder teilweise aus, können Urachusanomalien zurückbleiben. Ein vollständig offener Urachus fällt häufig bereits im Säuglingsalter auf, weil die Kinder Urin über den Bauchnabel verlieren. Bleibt die Anomalie dagegen zunächst unbemerkt, kann sie sich auch erst im Erwachsenenalter bemerkbar machen – etwa durch eine Infektion.
Illustration: Skalski M, Urachus (illustration). Case study, Radiopaedia.org (Accessed on 06 Oct 2026) https://doi.org/10.53347/rID-49902
Freia: Und hier kommt etwas, das ich an der Hausarztmedizin besonders spannend finde: Für dich war der Fall mit der Einweisung ins Krankenhaus nicht vorbei.
Hausarzt: Genau, die Patienten kommen ja wieder zur Nachbehandlung. Man bespricht zusammen die gestellte Diagnose, den Klinikaufenthalt und plant die weitere Behandlung. Als Hausarzt ist man häufig die erste Ansprechperson für die Patienten.
Freia: Genau das unterscheidet die Hausarztpraxis von vielen kurzen Kontakten im Klinikalltag. Man sieht einen Patienten nicht nur mit einem einzelnen Symptom zu einem bestimmten Zeitpunkt. Häufig begleitet man ganze Familien über Jahre oder häufig auch Jahrzehnte.
Hausarzt: Und genauso war es auch hier. Der Patient kam nach der Operation wieder zu uns in die Praxis. Plötzlich hatte der eitrige Bauchnabel eine konkrete anatomische Erklärung.
Freia: Nur damit ist diese Geschichte noch lange nicht zu Ende. Denn obwohl die vermeintliche Ursache operiert war, begann für unseren Patienten erst jetzt der dramatischste Teil seines Krankheitsverlaufs und Krankenhausaufenthalte, die sich über Monate ziehen sollten. Wie aus einer seltenen anatomischen Besonderheit eine medizinische Tortur wurde, erzählen wir im zweiten Teil.
Bildquelle: Birmingham Museums Trust, Unsplash
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