BLOG | Im Studium hieß es noch: Ärzte werden doch überall gesucht! Kurz vor dem Abschluss sehe ich das anders. Ein Bericht über leere Postfächer, überlastete Stationen und eine Jobsuche ohne Happy End.
Die Zeiten des Porsche fahrenden Praxisinhabers sind vorbei: Um Kassensitze muss man sich prügeln. Auch als Angestellte im Krankenhaus erhält man kein Top-Gehalt. Durch unbezahlte Überstunden minimiert sich der Stundenlohn eines Assistenzarztes drastisch – während Freunde, die in der Wirtschaft tätig sind, buchstäblich fürs Nichtstun im Homeoffice bezahlt werden. Aber hey, darüber will ich mich hier nicht beschweren: Ich bin froh, wenn ich überhaupt eine Stelle bekomme.
Kurz vor Beginn meines Medizinstudiums hörte ich von allen Seiten: „Ach, toll, dass du einen Studienplatz hast! Als Ärztin musst du dir nie Sorgen um eine Stelle machen. Jobs gibt es genug, es herrscht Ärztemangel!“ 7 Jahre später und ich höre nur von Absagen in meinem Umfeld. „Vielen Dank für die Bewerbung, aber wir haben leider keine Stelle.“ Und das auch in Abteilungen, die massiv unterbesetzt sind.
Ja, ich weiß, unserem Gesundheitssystem geht es nicht gut, wir müssen an allen Ecken und Enden sparen. Von Honorarkürzungen der Psychotherapeuten über das Streichen der Leistungen unserer Kassen: Sparen, sparen, sparen. Auch beim Personal muss man dann eben sparen. Und eine Assistenzarztstelle kostet die Abteilung recht viel. Wenn die schon angestellten Assistenten es also irgendwie hinkriegen (und dabei Blut und Tränen vergießen), dann wird auch nicht viel mit der Personalabteilung und dem Vorstand diskutiert. Dann ist die Abteilung gut genug besetzt.
Wie jeden Tag bin ich bei Herrn L., um seinen Verband zu wechseln. „Gar nichts kriegt man hier mit. Nichts sagt man mir“, murmelt er wütend. „Wann kommt denn endlich die Ärztin?“ Ich seufze. „Wissen Sie, Herr L., wir haben auf dieser Station genau 1 Ärztin für sage und schreibe 32 höchstkranke Patienten. Da können Sie sich ausrechnen, wie viel Zeit für jeden Einzelnen bleibt.“ Besänftigen konnte ich Herrn L. nicht. Aber es tut gut, ehrlich zu antworten, denn ich möchte die überforderte Stationsärztin vor Herrn L.s Unmut bewahren. Ihr bleibt am Tag keine Zeit für Essen oder Trinken. Das letzte Mal länger als 8 Stunden geschlafen habe sie vor Monaten. Und wenn dann auch noch verärgerte Patienten auf einen warten, würde ich zumindest das Handtuch schmeißen.
Von meinen Freunden weiß ich ganz genau, wie der Stellenmarkt gerade aussieht: Man nimmt, was man kriegt, egal, wann man es kriegt. Ein Kollege hat beispielsweise fast alle internistischen Abteilungen in der Stadt angeschrieben – davon haben genau 2 zumindest die Möglichkeit für ein Bewerbungsgespräch gegeben. „Aber versprechen kann ich Ihnen nichts“, hat man ihm noch am Telefon gesagt. Glück im Unglück für ihn: Die Stelle hat er zwar bekommen, besonders zufrieden ist er jedoch nicht. Aber es gab für ihn einfach keine Alternative, zumal ein Umzug in eine fremde Stadt auch nicht gerade kostengünstig ist. Und wenn man schon jahrelang in seinem Studium malocht hat und der zukünftige Arbeitsalltag auch nicht gerade Friede, Freude, Eierschaukeln ist, dann erhofft man sich doch wenigstens einen kleinen Spielraum für Orts- und Abteilungswahl. Und nochmal: Wir reden hier über internistische Abteilungen, nicht die plastische Chirurgie oder andere Nischenfächer mit stark begrenzten Stellen.
Liebe Leser, drückt mir doppelt die Daumen, dass ich bald von „Student 007“ zu „Angestellte Ärztin 007“ befördert werde …
Bildquelle: Roberta Sant'Anna, Unsplash
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