Es juckt, und zwar ständig? Die Leitlinie zum chronischen Pruritus ist aktualisiert: Nemolizumab wird erstmals empfohlen, JAK-Hemmer kommen als Off-Label-Option dazu und die Reha bekommt ein eigenes Kapitel.
Juckt es länger als 6 Wochen, spricht man von chronischem Pruritus. In Deutschland betrifft er etwa 13,5 % der Allgemeinbevölkerung, viele Patienten leiden zusätzlich unter Schlafstörungen, Angst oder Depressivität. Besonders belastend ist die chronische Prurigo mit ausgedehnten juckenden Knoten, häufigster Typ ist die Prurigo nodularis. Die aktualisierte S2k-Leitlinie Diagnostik und Therapie des chronischen Pruritus ersetzt die Fassung von 2022. Federführend ist die Deutsche Dermatologische Gesellschaft, beteiligt sind 12 weitere Fachgesellschaften und Berufsverbände.
Der Antikörper Nemolizumab blockiert den Rezeptor für Interleukin-31 und ist seit Februar 2025 zugelassen. Die Leitlinie empfiehlt ihn nun stark (soll) bei Systemtherapie-Indikation – bei atopischer Dermatitis ab 12 Jahren und bei Erwachsenen mit Prurigo nodularis. In den Zulassungsstudien OLYMPIA 1 und 2 sank der Juckreiz bei 58,4 % bzw. 56,2 % der Prurigo-Patienten nach 16 Wochen um mindestens 4 Punkte, unter Placebo bei 16,7 % bzw. 20,9 %. Bei der chronischen Prurigo steht Nemolizumab (60 mg initial, dann 30 mg alle 4 Wochen, ab 90 kg 60 mg) damit gleichrangig neben Dupilumab (600 mg initial, dann 300 mg alle 2 Wochen) als systemische 1. Wahl.
Neu ist auch die Empfehlung, den Schweregrad der chronischen Prurigo standardisiert zu erfassen, etwa mit dem Investigator's Global Assessment (IGA) oder dem Prurigo Activity and Severity Score (PAS). Eine Systemtherapie sollte erwogen werden bei mindestens 20 Läsionen oder einzelnen klinisch relevanten Läsionen, wenn topische Steroide oder Phototherapie nicht ausreichen. Zusätzlich muss eine relevante Belastung vorliegen: Juckreiz von mindestens 7 auf der numerischen Ratingskala, juckreizbedingte Schlafstörungen oder ein DLQI über 10.
Auch systemische JAK-Inhibitoren können bei Erwachsenen mit therapieresistenter Prurigo nodularis oder Pruritus unklarer Ursache off-label erwogen werden. Doch die Evidenz ist noch dünn: In einer kleinen offenen Phase-II-Studie mit Abrocitinib 200 mg täglich sprachen nach 12 Wochen 80 % der Prurigo- und 60 % der Patienten mit Pruritus unklarer Ursache an. Die Leitlinie verweist auf den raschen Wirkeintritt, aber auch auf das breitere Nebenwirkungsspektrum im Vergleich zu Biologika.
Eine neue Tabelle bündelt altersadaptierte Dosierungen für Kinder und Jugendliche, etwa für Cetirizin, Desloratadin und Fexofenadin sowie für JAK-Inhibitoren bei atopischer Dermatitis. Beim hepatobiliären Pruritus wurden die Empfehlungen an neue Zulassungen und Studien angepasst, unter anderem mit konkreten Dosierungen der IBAT-Hemmer Odevixibat und Maralixibat bei progressiver familiärer intrahepatischer Cholestase und Alagille-Syndrom.
Komplett neu ist das Kapitel zur Rehabilitation: Patienten mit chronischem Pruritus sollte frühzeitig eine multimodale Reha angeboten werden, die Hautpflegeschulung, Verhaltenstherapie und Entspannungsverfahren kombiniert. In einer Pilotstudie mit 121 Patienten senkte ein 3-wöchiges Programm den Juckreiz klinisch relevant und verbesserte Schlaf, Lebensqualität sowie Angst- und Depressionssymptome – mit Effekten über 6 Monate hinaus.
Für die Praxis heißt das: Bei schwerer Prurigo nodularis gibt es 2 gleichrangige Biologika, und die Indikation lässt sich mit Läsionszahl, NRS und DLQI klar begründen. Wenn der Juckreiz den Alltag bestimmt, ist der Reha-Antrag jetzt ein leitliniengestützter nächster Schritt.
Bildquelle: KI generiert; Nano Banana 2