In den sozialen Medien propagieren Looksmaxxer eine universelle Ästhetik. Um die zu erreichen, wagen einige riskante Selbstexperimente. Wo endet Selbstoptimierung – und ab wann müsste man eigentlich von Körperverletzung sprechen?
Für Eilige gibt’s am Ende eine kurze Zusammenfassung.
Wer nach Tipps sucht, um die eigene körperliche Attraktivität zu maximieren, wird in den sozialen Medien schnell fündig. Der entsprechende Trend „Looksmaxxing“ entstand in von Männern dominierten Online-Communities und erreicht mittlerweile über TikTok, Instagram, YouTube und andere Plattformen ein breites Publikum, darunter viele Jugendliche. Dabei reichen die Anwendungen von gewöhnlicher Körperpflege bis zu körperlichen Eingriffen. In der Szene haben sich dafür die Begriffe „Softmaxxing“ und „Hardmaxxing“ etabliert. Softmaxxing steht für an sich wenig risikoreiche und sogar zu befürwortende Maßnahmen wie Haut- und Haarpflege, Schlaf, ausgewogene Ernährung und sportliche Betätigung. Hardmaxxing bezeichnet dagegen invasive und gefährliche Methoden, mit denen sich Gesicht oder Körper gezielt verändern lassen sollen. Zu beachten ist, dass auch die vermeintlich harmlose Seite kippen kann. Aus Sport kann exzessives Training werden, aus einer ausgewogenen Ernährung eine Orthorexie und aus Hautpflege ein Überpflegen der Haut mit Folgen wie einer perioralen Dermatitis.
Das Gefühl, dass das normale Aussehen nicht mehr reicht, wird durch den Konsum sozialer Medien erzeugt oder verstärkt. Dort präsentierte Körper und Gesichter sind häufig perfekt, aber wenig authentisch: Filter, Beleuchtung, Perspektive, Nachbearbeitung und gezielte Auswahl der Bilder machen aus einem durchschnittlichen einen überdurchschnittlichen Körper. Eine systematische Übersichtsarbeit mit 30 Studien und mehr als 31.000 Jugendlichen fand daher wenig überraschend einen Zusammenhang zwischen der Nutzung sozialer Medien und einem negativeren Körperbild. Eine 2025 publizierte Untersuchung mit 1.553 Jungen und Männern aus Kanada und den USA fand, dass der häufigere Konsum muskulaturorientierter Social-Media-Inhalte mit stärker ausgeprägten Merkmalen einer Muskeldysmorphie assoziiert war.
Eine Übersichtsarbeit aus 2025 bestätigt das: In den meisten der ausgewerteten Studien war eine stärkere Nutzung sozialer Medien mit mehr Symptomen von Muskeldysmorphie und Orthorexie assoziiert. Allerdings war ein großer Teil der Studien querschnittlich angelegt, und die Richtung des Zusammenhangs ist daher unklar. Vielleicht nutzen Menschen, die mit ihrem Aussehen unzufrieden sind, auch verstärkt soziale Medien, um Anregungen zu finden, ihr Erscheinungsbild zu optimieren.
Looksmaxxing ist auch nicht zwangsläufig mit einer Körper- oder Muskeldysmorphie-Störung gleichzusetzen. Wer jedoch ständig sein äußeres Erscheinungsbild analysiert, immer wieder neue vermeintliche Makel entdeckt und Optimierungen plant, kann in eine Spirale aus Selbstbeobachtung und Intervention geraten. Das Ergebnis können vermehrte Schönheits-OPs sein. Eine Metaanalyse von 48 Studien mit fast 15.000 Menschen, die eine kosmetische Operation anstrebten, ermittelte eine Prävalenz der körperdysmorphen Störung von 19,2 Prozent. Bei einer bestehenden körperdysmorphen Störung können kosmetische Eingriffe die zugrunde liegende Problematik allerdings nicht lösen.
Doch nicht immer wird der professionelle Chirurg hinzugezogen, wenn die Veränderungen tiefgreifender sein sollen. Zu den Methoden des Hardmaxxing zählen auch „DIY cosmetic procedures“, wie Selbstinjektionen, „Bonesmashing“, Mewing und chemische Peelings. Allein für den Begriff „Bonesmashing“ wurden in einer Untersuchung innerhalb eines Untersuchungszeitraums von drei Monaten mehr als 2,4 Millionen Interaktionen und eine geschätzte Reichweite von 32 Millionen registriert. Die Inhalte stammten überwiegend aus YouTube und TikTok. Rund 98 Prozent der analysierten Bonesmashing-Inhalte stammten von Männern. „Bonesmashing“ bedeutet, dass sich Anwender gezielt gegen Gesichtspartien schlagen, um durch wiederholte Verletzungen und anschließende Heilungsprozesse eine markantere Knochenstruktur zu erreichen. Ein gezieltes Trauma führt allerdings nicht kontrolliert zu einem ästhetisch gewünschten Knochenumbau. Gesichtsfrakturen können Nerven, Augenhöhle, Zähne und Weichteile umfassen. Bei Frakturen des Jochbein-Oberkiefer-Komplexes gehören Sensibilitätsstörungen im Versorgungsgebiet des Nervus infraorbitalis zu den häufigen Komplikationen. Auch ophthalmologische Komplikationen sind möglich.
Weniger spektakulär, aber wissenschaftlich ebenfalls umstritten ist „Mewing“. Gemeint ist eine bestimmte Position der Zunge am Gaumen, die nach Aussagen der Online-Community die Kieferlinie definieren und sogar die Gesichtsform verändern soll. Eine Übersichtsarbeit zu myofunktionellen Therapien kommt zu einem differenzierten Ergebnis: Es gibt mögliche therapeutische Einsatzgebiete für bestimmte orofaziale Funktionsstörungen, aber keine hochwertige Evidenz dafür, dass eine bestimmte Zungenhaltung das Gesicht eines gesunden Menschen zuverlässig nach den Vorstellungen des Looksmaxxing verändert.
In sozialen Netzwerken werden unter dem Einfluss von Looksmaxxing auch verschiedene Injektionsbehandlungen diskutiert. Dazu können Filler, Botulinumtoxin oder nicht zugelassene beziehungsweise nicht für den jeweiligen Zweck vorgesehene Substanzen gehören. Die Risiken, wenn nicht qualifizierte Personen solche Injektionen vornehmen, können erheblich sein. Bei Fillern besteht zum Beispiel die Gefahr einer versehentlichen intravasalen Injektion. Dadurch können Gefäße verschlossen werden. Je nach betroffenem Gefäß sind Hautnekrosen, Gewebeschäden, Schlaganfälle oder Sehstörungen bis hin zur Erblindung möglich.
Ein trainierter Körper ist ein weiteres zentrales Ziel des Looksmaxxing. Training und eine ausreichende Versorgung mit Energie und Protein sind dabei physiologisch nachvollziehbare Strategien – manche Nutzer verwenden aber auch anabole-androgene Steroide (AAS) oder andere leistungssteigernde Substanzen. Für AAS ist eine breite Palette gesundheitlicher Risiken beschrieben. Dazu gehören kardiovaskuläre Veränderungen, Blutdruck- und Lipidveränderungen, Leberprobleme sowie Störungen der hypothalamisch-hypophysär-gonadalen Achse.
Eine Übersichtsarbeit weist auch auf Hypogonadismus, Infertilität, Gynäkomastie und Störungen der Spermatogenese als mögliche Folgen des nicht medizinisch indizierten Androgenkonsums hin. Hormonelle und andere gesundheitliche Störungen können auch noch nach dem Absetzen anhalten.
Looksmaxxing umfasst also ein weites Spektrum an Maßnahmen und kann nicht per se als harmlos oder gefährlich eingestuft werden. Bedenklich ist vielmehr der zugrundeliegende Gedanke, dass das Aussehen nicht nur verbessert, sondern mit allen erdenklichen Mitteln optimiert werden muss. Ein Zusammenhang mit dem Konsum erscheinungsbezogener Social-Media-Nutzung erscheint naheliegend. Social Media wird Störungen wie Körperdysmorphie aber vermutlich nicht alleine verursachen, vielmehr ist in vielen Fällen ein bidirektionaler Zusammenhang anzunehmen.
Wichtig ist auch, dass nicht jede Frage nach Hautpflege, Nahrungsergänzung oder Training bei jungen Männern ein Warnsignal für eine bedenkliche Tendenz ist. Viele junge Menschen wollen auch einfach nur mehr auf sich achten. Kritisch wird es, wenn medizinische Risiken für ein vermeintlich perfektes Aussehen bewusst in Kauf genommen oder ignoriert werden und die Beschäftigung mit dem eigenen Erscheinungsbild zur Obsession wird.
Das Wichtigste auf einen Blick
Bildquelle: Giulia Squillace, Unsplash