Das Abnehmmittel Retatrutid ist noch gar nicht zugelassen – und wird trotzdem fleißig gespritzt. Was berichten die Nutzer über Nebenwirkungen? Ein Forscherteam hat dafür Erfahrungsberichte auf Reddit durchforstet.
Für Eilige gibt's am Ende eine kurze Zusammenfassung.
Mit Retatrutid kommt bald eine neue Generation von Abnehmspritzen auf den Markt. Während Semaglutid nur an einen Rezeptor andockt und Tirzepatid an zwei, legt Retatrutid noch einen drauf. Es aktiviert gleich drei Rezeptoren, nämlich die für GLP-1, GIP und Glukagon. Wie gut das funktioniert, zeigt die Phase-III-Studie TRIUMPH-2, die diese Woche auf dem europäischen Diabeteskongress EASD in Mailand vorgestellt und zeitgleich im Lancet publiziert wurde.
1.152 Erwachsene mit Adipositas oder Übergewicht und Typ-2-Diabetes spritzten 80 Wochen lang wöchentlich 4, 9 oder 12 mg Retatrutid oder Placebo. Sie verloren im Schnitt 12,7 %, 19,1 % bzw. 20,8 % ihres Körpergewichts, unter Placebo waren es 4,0 %. Unter 12 mg sind das rund 22,5 kg, bei einem Ausgangs-BMI ab 35 sogar 23,4 %. Der HbA1c sank ausgehend von 7,7 % um bis zu 1,6 Prozentpunkte (Placebo: 0,2), bis zu 40 % erreichten sogar normoglykämische Werte unter 5,7 %. Auch Triglyzeride, Blutdruck und hsCRP gingen deutlich zurück.
Obwohl Retatrutid noch gar nicht zugelassen ist, besorgen sich viele das Präparat schon jetzt illegal, oft als „Forschungspeptid“ deklariert. Was sie dabei erleben, bekommen weder Behörden noch Ärzte mit.
Genau hier setzt ein Preprint auf medRxiv an. Forscher der University of Pennsylvania haben 148.640 Beiträge von 38.936 Nutzern aus 27 Peptid- und Abnehm-Communities der Plattform Reddit ausgewertet. Ein Sprachmodell erkannte, wer selbst Retatrutid nimmt, und übersetzte die geschilderten Beschwerden in MedDRA-Begriffe, das international standardisierte Vokabular für Nebenwirkungsmeldungen – aus „couldn’t sleep“ wird so „Insomnia“.
Von 13.589 aktuellen Anwendern berichteten 7.823 über mindestens eine Beschwerde. Auf Platz 1 landete ausgerechnet mehr Appetit (17,1 %), gefolgt von Fatigue (15,2 %) und gesteigerter Energie (12,4 %). Erst danach folgte Übelkeit (11,6 %), eine bei GLP-1-Rezeptoragonisten übliche Nebenwirkung. Auch Heißhunger, Schlaflosigkeit und Herzrasen tauchten auffällig oft auf.
Magen-Darm-Beschwerden nannte zwar knapp ein Drittel der Nutzer, vorne mit dabei waren sie nicht. In den Phase-II-Daten der TRIUMPH-2-Studie sieht das ganz anders aus: Dort dominierten unter 12 mg Durchfall (33,6 % vs. 13,2 % unter Placebo), Übelkeit (28,0 % vs. 8,0 %), Verstopfung (16,8 % vs. 9,4 %) und Erbrechen (15,7 % vs. 4,2 %). Und statt mehr Appetit trat in der Studie das Gegenteil auf: verminderter Appetit bei 17,1 % unter 12 mg gegenüber 4,5 % unter Placebo.
Die Autoren vermuten, dass die Glukagon-Komponente den Energiehaushalt anders beeinflusst und so Energieschub, Schlafprobleme und Herzrasen erklärt. Den häufigen Hunger finden aber selbst sie überraschend.
Ein genauerer Blick zeigt: Ein Teil des Befunds dürfte hausgemacht sein. Gewichtsverlust und weniger Appetit wurden als erwünschte Effekte herausgerechnet, mehr Appetit aber nicht. Andere erwünschte Wirkungen blieben dagegen drin: Unter den „Nebenwirkungen“ finden sich auch mehr Energie, Muskelzuwachs oder ein niedrigeres Cholesterin. Und mehr Appetit kann schlicht bedeuten, dass die Wirkung nachlässt oder das Produkt unterdosiert oder gefälscht ist.
Dazu kommt: Niemand weiß, was in den illegalen Fläschchen steckt. Viele Nutzer kombinieren mehrere Peptide und mischen das Pulver selbst an. Das Sprachmodell sollte Symptome auch dann erfassen, wenn Nutzer sie der Kombination zuschreiben. „Mehr Energie“ oder „Muskelaufbau“ kommen also womöglich gar nicht vom Retatrutid.
Auch der Vergleich mit den Studiendaten hinkt. Die Autoren ziehen nur Phase-II-Daten heran (publiziert in NEJM). Die Phase-III-Daten zeigen etwa ungewöhnliche Hautempfindungen (Dysästhesien): Dort traten sie je nach Dosis bei 4,5 bis 7,3 % der Teilnehmer auf, unter Placebo bei 0,7 %. In einer weiteren Phase-III-Studie (TRIUMPH-4) traten sie unter 12 mg sogar bei 20,9 % auf. Genau solche Beschwerden tauchen auch in den Reddit-Daten auf, das Paper erwähnt das aber nicht. Und der Herzfrequenzanstieg ist kein neuer Befund: Schon in Phase II stieg der Puls dosisabhängig an, um rund 6,7 Schläge pro Minute mit einem Maximum in Woche 24, und sank danach wieder.
Nicht zuletzt sind Reddit-Nutzer keine ausgewählte Studienpopulation. Die Nutzer stammen überwiegend aus Fitness- und Biohacker-Foren, und wer Nebenwirkungen hat, postet eher. Dosis, Alter und Geschlecht wurden zwar erfasst, aber nicht ausgewertet. Inzidenz oder Kausalität lassen sich daraus nicht ableiten – die Studie generiert lediglich Hypothesen und ist noch nicht peer-reviewt. Sie zeigt eher, worüber Schwarzmarkt-Nutzer sprechen, als welche Nebenwirkungen Retatrutid tatsächlich hat. Als Nebenwirkungsprofil sollte man die Ergebnisse deshalb nicht zitieren.
Früher oder später sitzt womöglich auch bei dir jemand, der sich Retatrutid aus dem Netz spritzt. Die Autoren raten, ohne erhobenen Zeigefinger nach nicht zugelassenen Peptiden zu fragen, über die unbekannte Produktqualität aufzuklären und Nebenwirkungen zu melden – hierzulande an BfArM oder AkdÄ. Ob hinter Hunger und Herzrasen echte pharmakologische Effekte stecken, müssen prospektive Studien klären.
Das Wichtigste auf einen Blick
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