BLOG | Kurz vor Schichtwechsel steht ein Patient an der Anmeldung: Anamnese braucht er nicht, Diagnose ist längst selbst gestellt. Die nächsten Schritte ordnet er auch gleich eigenmächtig an – ganz so einfach ist es aber leider nicht.
Ein Text von Schwester Inna
„Ich brauche nur ein CT.“ Diesen Satz hört man in der Notaufnahme ziemlich oft. Bei uns war es kurz vor sechs Uhr morgens. Wir standen praktisch schon mit einem Bein in der Übergabe, als ein Patient an der Anmeldung auftauchte: „Ich habe Rückenschmerzen. Ich brauche ein MRT. Das wurde mir so gesagt. Oder machen Sie eben ein CT – das geht ja schnell.“ Ich blieb kurz stehen. Nicht wegen der Rückenschmerzen. Wegen der Reihenfolge.
Normalerweise kommt jemand mit einem Problem zu uns, und wir versuchen erst einmal herauszufinden, was dahinterstecken könnte. Hier war das offenbar schon erledigt. Diagnose: fertig. Untersuchung: ausgesucht. Eigentlich mussten wir nur noch den richtigen Knopf drücken. Nur – so funktioniert das bei uns nicht. Wir sind eine Notaufnahme, keine Bildgebungs-Boutique mit Wunschkonzert.
Ein CT können wir bei entsprechender Indikation in der Notaufnahme relativ schnell durchführen. Ein MRT ist eine andere Geschichte. Das läuft über die Radiologie, braucht einen anderen organisatorischen Ablauf und entsprechendes Personal. „Dann machen wir eben schnell noch ein MRT“ funktioniert bei uns nicht. Natürlich gibt es Situationen, in denen ein MRT auch akut notwendig sein kann. Dann wird es entsprechend organisiert. Aber das entscheidet nicht der Patient anhand seiner eigenen Diagnose. Und schon gar nicht die Anmeldung um sechs Uhr morgens.
Also mussten wir erst einmal die Gretchenfrage jeder Notaufnahme klären: Ist das hier überhaupt ein Notfall? Er sah dabei, ehrlich gesagt, nicht so aus, als würde er gleich vom Stuhl kippen. Natürlich entscheiden wir das nicht allein danach, wie jemand aussieht. Dafür gibt es die Anamnese, Untersuchung und – je nach Situation – weitere Diagnostik. Aber kurz vor Schichtwechsel fällt einem natürlich trotzdem auf, wenn jemand ganz entspannt vor einem sitzt und gleichzeitig von den schlimmsten Rückenschmerzen seines Lebens erzählt.
Also setzten wir unser Standardprogramm auf: Schmerzskala von 0 bis 10. Er, ganz ruhig sitzend, mit entspannter Körperhaltung: „Zwölf.“ Zwölf … Auf einer Skala, die bei zehn aufhört. An dieser Stelle kommt bei uns die kleine, freundliche Erklärung, was eine Zehn auf dieser Skala eigentlich bedeutet – nämlich der stärkste vorstellbare Schmerz. Und plötzlich wurde aus der Zwölf eine Drei.
Medizinisch nennt man das nicht Wunder. Man nennt es Anamnese. Und genau da beginnt eigentlich der Teil, den viele Patienten nicht sehen. Der Patient denkt: Ich habe Schmerzen, ich brauche ein MRT. Wir denken: Wo genau sind die Schmerzen? Seit wann? Wie stark? Gab es einen Unfall? Gibt es neurologische Ausfälle? Welche Vorerkrankungen gibt es? Welche Medikamente werden genommen? Was wurde bereits untersucht? Und gibt es überhaupt eine medizinische Indikation für eine Bildgebung? Das CT ist also nicht der erste Schritt. Das MRT schon gar nicht. Und selbst wenn am Ende herauskommt, dass es kein akuter Notfall ist, muss der Patient zunächst einmal angemeldet, eingeschätzt, untersucht und ärztlich gesehen werden.
Das kostet Zeit, Personal und Aufmerksamkeit.
Und ausgerechnet um diese Uhrzeit steckt die Schicht schon mitten in der Übergabe. Als ich ihn fragte, ob er etwas gegen die Schmerzen möchte, kam dann die Antwort, die zu den der Schmerzskala vorhin irgendwie nicht so richtig passen wollte: „Nein, ich kann das aushalten.“ Genau, zwölf von zehn. Aber Schmerzmittel braucht er nicht. Das sind diese kleinen Widersprüche, die einem im Pflegealltag irgendwann auffallen. Am Ende wartete er. Der Arzt kam, sprach mit ihm und untersuchte ihn. Und er ging ohne CT und ohne MRT wieder nach Hause. Kein Skandal. Keine Verschwörung. Einfach keine medizinische Indikation für die Bildgebung, die er sich vorher schon selbst ausgesucht hatte.
Ich möchte daraus aber nicht die Geschichte machen: „Patienten googeln sich krank und liegen dann immer falsch.“ Das wäre mir zu einfach. Denn manchmal kommen Patienten tatsächlich mit Informationen, die sie irgendwo bekommen haben. Manchmal hat ein anderer Arzt etwas empfohlen. Manchmal ist es ein Bekannter, dem genau das schon einmal passiert ist. Manchmal die Familie. Und manchmal ist es wahrscheinlich Google. Oder TikTok. Oder ChatGPT. Für den Patienten ist das sogar nachvollziehbar. Er denkt: „Ich weiß doch schon, was ich brauche. Warum macht ihr hier so ein Theater?“ Für uns beginnt die Geschichte aber genau an diesem Punkt erst.
Der Patient bringt eine fertige Antwort mit. Unser Job ist es, erst einmal herauszufinden, ob das überhaupt die richtige Antwort auf die richtige Frage ist. Rückenschmerzen können viele Ursachen haben. Kopfschmerzen auch. Bauchschmerzen sowieso. Und nicht jede Beschwerde braucht ein CT. Manchmal braucht es eine Untersuchung. Manchmal Blut. Manchmal eine andere Diagnostik. Und manchmal tatsächlich einfach eine gute ambulante Weiterbehandlung.
Das Problem ist also nicht, dass ein Patient nach einem CT fragt. Das Problem beginnt dort, wo aus einer Frage eine Forderung wird: „Ich brauche ein CT.“ Denn in der Medizin sollte nicht die Untersuchung zuerst kommen. Sondern der Mensch. Und dann die Frage: Was braucht er wirklich? Denn „Nur ein CT“ gibt es in der Notaufnahme ungefähr genauso selten wie „nur fünf Minuten“ im Pflegealltag.
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