BLOG | Sturz, Schmerz, Verwirrung – und mittendrin die Frage, die wichtiger wird als alles andere: Wo ist bloß die kleine braune Handtasche? Derselbe Rettungseinsatz, erzählt aus zwei Perspektiven.
Der Teppich ist näher, als er sein sollte. Von hier unten sieht man irgendwie Dinge, die man von oben nicht sieht. Da liegt eine Haarklammer unter der Anrichte. Am Fußleistenrand ist ein hässlicher Streifen Staub, den ich montags wegmachen wollte, wenn Montag wäre. Das Kabel vom Fernseher ist mit einer Wäscheklammer gebündelt. Das war nicht meine Idee. Der Fernseher läuft auch noch. Jemand soll einen Fluss in Portugal nennen. Er nennt keinen. Die Musik zählt runter.
Ich komme ein Stück hoch und dann nicht weiter. Etwas in meiner Hüfte ist dagegen. Aufstehen geht einfach nicht. Ein Mann geht in die Hocke. Er riecht nach derselben Seife wie Hermann. Er ist sein Bruder, das weiß ich ganz sicher, oder? Mehr fällt mir gerade nicht dazu ein. „Es kommt gleich jemand“, sagt er. Das ist gut. Ich warte gern, wenn jemand kommt.
Die Einsatzmeldung auf dem Daten-Display unseres Rettungswagens lautete „R6000, RD1, Sturz“. Dazu gab es die Info „weiblich, dement, EH/EG“, was die Abkürzung für „Einfamilienhaus/Erdgeschoss“ darstellt. Wir waren zu zweit. Marlene brachte den RTW neun Minuten nach Alarmierung zum Stehen. Vor dem Haus stand ein rostiger grüner Kombi so blöd, dass wir ein gutes Stück hinter ihm halten mussten. Eine Nachbarin fragte über den Zaun, ob was passiert sei, und sah dabei nicht uns an, sondern das Fahrzeug.
Der Mann, der öffnete, war Mitte achtzig und entschuldigte sich, bevor er zur Sache kam. Sie sei im Wohnzimmer gestürzt, aber ansprechbar. Er traue sich wegen der Hüfte nicht, sie allein hochzuheben. Im Flur erklärte er mir in drei Sätzen die Verhältnisse, und ich brauchte einige Zeit, um sie in meinem Kopf klar zu bekommen. Seine Frau war ihre Schwester, gestorben vor Jahren. Ihr Mann war sein Bruder, ebenfalls gestorben. Man habe dann beschlossen, das bisschen Restzeit gemeinsam zu verbringen. Eine Zweckgemeinschaft, sagte er, und ordnete dabei die Hausschuhe unter der Garderobe neu. Einer stand danach trotzdem schief. In meinem Notfallprotokoll vermerkte ich später „Lebensgefährte“, weil mir nichts Besseres einfiel.
Jetzt sind zwei da, die vorher nicht da waren. Gelbe Jacken, oder orange, jedenfalls dienstlich. Wenn orange, dann Feuerwehr wahrscheinlich. Die Post hat auch so etwas, aber die Post kommt nicht ins Wohnzimmer.
Die Frau spricht laut und langsam mit mir. Ich finde das unhöflich. Der junge Mann setzt sich auf den Boden, damit ich nicht hochschauen muss. Er sagt, er fasse jetzt mein Handgelenk an. Dann fasst er es an. In dieser Reihenfolge, das gefällt mir. Er fragt etwas, worauf man mit einer Zahl antworten muss. Ich antworte mit einer Zahl. Ob es die richtige war, sehe ich in seinem Gesicht nicht. Er schreibt sie trotzdem auf.
Fragen kostet zu viel. Wer fragt, gibt zu, dass er nicht mehr weiß, was alle anderen wissen, und dann reden sie anders mit einem, meistens jedenfalls. Also nickt man. Das geht schneller. Ich nicke also und schaue dabei zur Tür, wo sein Bruder steht und mit den Händen nichts anfangen kann.
Kein verkürztes Bein, keine Außenrotation, Beckenkompression unauffällig, aber Druckschmerz über dem Trochanter und Schmerz unter Stauchung. Blutzucker 118, RR 145/80, Puls 78 arrhythmisch, SpO₂ 95 unter Raumluft, EKG mit bekanntem Vorhofflimmern ohne akute Ischämiezeichen. Kein Kopfanprall laut Angehörigem. Auf dem Medikamentenplan sieben Präparate, aber kein direktes orales Antikoagulantium, was für mich keinen Sinn ergibt.
Die Numerische Ratingskala ergab bei ihr etwas Unplausibles, was bei fortgeschrittener Demenz kein Wunder ist. Wir gingen auf BESD über, kamen auf 4, legten einen 20-G-Zugang am linken Handrücken und gaben einen Schluck Piritramid. Medizinisch war der Einsatz nach elf Minuten quasi beendet: Verdacht auf hüftgelenksnahe Fraktur, Analgesie, Röntgen, fertig. Nur mit dem Losfahren wurde es nichts.
Sie wollen mit mir irgendwohin. Das kann ich nicht machen. Meine Tasche ist nicht da. Die braune, die kleine braune, die mit dem Riemen, der schon zweimal genäht ist. Ohne Tasche geht man nicht aus dem Haus, das ist keine Meinung, das ist einfach so. In der Tasche ist der Ausweis, das Taschentuch, das Kleingeld für die Garderobe und der kleine Kamm. Ich weiß nicht, wo ich hin soll. Die Tasche brauche ich jedenfalls. Sein Bruder sagt, „sie sucht die dauernd, sie legt sie irgendwohin.“ Er sagt das zu den anderen, nicht zu mir, obwohl ich hier sitze und nichts an meinen Ohren habe.
Die Leitstelle wollte wissen, was los ist und warum das so lange dauert. Ich antwortete, aber der Disponent quittierte nur mit einem Mh. Scheinbar passte es ihm wieder mal nicht. Und klar, eine hüftgelenksnahe Fraktur gehört zeitnah in eine Klinik, wir waren das einzige freie Fahrzeug im Bereich, und niemand bezahlt uns dafür, Wohnungen zu durchsuchen. Wir hätten sie in den RTW bringen und fahren können. Der Zustand war stabil, die Schmerzen im Griff und die Fremdanamnese war gemacht. Es ging um ein paar Minuten. Wir hätten sie auch ohne Tasche mitnehmen können. Festhalten, wenn sie sich wehrt. Vielleicht irgendwann Medikamente, wenn es gar nicht anders geht. Das wollte ich nicht. Ich habe stattdessen die Kommode aufgemacht.
Schlafzimmer, Kommode, Kleiderschrank, Küche, Vorratskammer, unter dem Sofa, hinter den Kissen, im Korb neben der Heizung, in dem nur Zeitungen waren – und dann die Schublade im Flur, wo sie unter einem Geschirrtuch lag, sorgfältig zugedeckt, zwischen zwei alten Tischsets und einer Packung Geburtstagskerzen. Das Leder war an den Ecken speckig. Ich schüttelte sie einmal und hörte nichts, gab sie ihr, und ihre Hände fanden sofort den Riemen.
Da ist sie ja. Jetzt kann es losgehen, wohin auch immer, das klärt sich unterwegs, das klärt sich immer unterwegs. Es ruckelt. Die Decke über mir ist aus Kunststoff und hat eine Lampe, die nicht blendet, das haben sie gut gemacht. Der junge Mann sitzt neben mir und schreibt.
Die Tasche hat Hermann mir gekauft, in der Stadt, in dem Geschäft, das jetzt eine Bank ist. Wir waren tanzen. Er konnte tanzen wie sonst niemand, er hat geführt, ohne dass man merkte, dass er führt. Eine schöne Frau braucht eine schöne Tasche, hat er gesagt, und das war frech, weil ich da schon geschwitzt hatte. „Das klingt nach einem guten Mann“, sagt der junge Mann.
Der beste. Er holt mich nachher ab. Er weiß ja, wo ich bin. Der junge Mann sagt, dann passen wir gut auf Sie auf, bis er kommt. Dann schaut er wieder auf seinen Bogen. Hermann wird ihn mögen.
Ihr Mann ist seit Jahren tot. Ich hätte ihr damit nur eine Todesnachricht überbracht, die mit voller Kraft zum wiederholten ersten Mal einschlägt. Zehn Minuten später wäre die Nachricht vielleicht wieder verschwunden, aber die Trauer bliebe vielleicht.
Übergabe an die Ärztin in der ZNA: Alter, Hergang, Befund, Analgesie, Vorerkrankungen, Medikation, Angehöriger erreichbar unter der Nummer auf dem Bogen. Dann der Satz, den ich auf dem ausgedruckten Protokoll eingekringelt und mit einem Ausrufezeichen versehen habe: Die braune Handtasche bleibt bei ihr. Bitte auf keinen Fall in den Eigentumsbeutel. Sie nickte und hatte schon den nächsten Bogen in der Hand. Ob es jemand gelesen hat, weiß ich nicht. Ich bin dafür nicht mehr zuständig gewesen.
Draußen fragte Marlene, ob wir noch ein Käffchen schaffen. Schafften wir nicht.
Sie haben mir ein Band ums Handgelenk gemacht. Da steht ein Name drauf. Der Name stimmt. Jemand fragt, ob sie die Tasche in den Schrank tun soll, da sei sie sicher. Nein danke, sage ich. Mein Mann kommt gleich. Sie liegt auf der Decke, beide Hände drauf. Innen ist ein Fach für den Ausweis, ein Fach für das Taschentuch, ein Seitenfach für das Kleingeld für die Garderobe. Der Verschluss klemmt ein bisschen, das war schon immer so, Hermann wollte ihn richten lassen und hat es nie gemacht.
Ich mache sie nicht auf.
Ich weiß ja, was drin ist.
Bildquelle: The New York Public Library, Unsplash