NACHGEFRAGT | Mit 67 Jahren in Rente gehen – für viele Ärzte keine Option. Doch wer im Job bleibt, muss sich irgendwann eine unbequeme Frage stellen: Kann man seine Berufung hinter sich lassen?
Für Eilige gibt’s am Ende eine kurze Zusammenfassung.
Für viele Mediziner ist ihr Beruf mehr als nur ein Job. Das zeigt sich auch darin, wie häufig sie weiterarbeiten, obwohl sie eigentlich schon in den Ruhestand gehen könnten. Tatsächlich plant laut einer Umfrage von Medscape aus 2025 von den über 1.000 Befragten rund ein Drittel, erst nach dem 70. Lebensjahr die Arbeit zu beenden. 4 Prozent haben sogar vor, mindestens bis 80 weiterzumachen. Oft ist dabei der Gedanke, nicht von einem Tag auf den anderen aufzuhören, sondern den Übergang fließend zu gestalten und eine Weile lang in Teilzeit zu arbeiten, etwa zwischen 26 und 50 Prozent. Ärzten geht es häufig darum, dass sie sich selbst stark mit ihrer Tätigkeit identifizieren und die Medizin als Leidenschaft empfinden. Auf der anderen Seite steht die finanzielle Frage: 34 Prozent der Befragten fürchten, nicht genug Geld für den Ruhestand gespart zu haben.
Rund ein Viertel gibt zudem an, sich weiter um die bisherigen Patienten kümmern zu wollen. Das ist umso relevanter bei Niedergelassenen, die schlicht niemanden für die Nachfolge finden. Dann werde die Schuld schnell auf die jüngeren Generationen abgewälzt, findet Dr. Jan Bruun. Der Facharzt für Allgemeinmedizin mit eigener Praxis im Odenwald ist 39 Jahre alt und sieht bei sich und in seinem Umkreis durchaus den Willen, in einer Praxis Verantwortung zu übernehmen: „Meine Beobachtung ist eher, dass politisch zu wenig dafür getan wird, eine Niederlassung für junge Mediziner zu einer attraktiven Möglichkeit mit Zukunftsperspektive zu machen – und zwar von Kreis- bis zur Bundespolitik“.
Ob wegen des Ärztemangels, der vielschichtig und anderswo tiefer thematisiert ist, oder aus anderen Gründen: Ältere Kollegen können in Praxen eine Bereicherung sein und bleiben. Besonders hilfreich kann eine Zusammenarbeit mit Jüngeren sein, wie sie etwa Dr. Dietmar Werner praktiziert. Der 73-jährige Allgemeinmediziner betrieb 32 Jahre lang alleine eine Hausarztpraxis auf dem Land. Als er das Rentenalter erreichte, stellte sich die Frage: Wie soll es weitergehen? „In einem Nachbarort musste der fast gleichaltrige Arzt seine Praxis schließen, weil er keinen Nachfolger gefunden hat“, so Werner. Er selbst hatte Glück und fand einen jüngeren Arzt. „Wir haben den Übergang in meinen Augen optimal gestaltet“, berichtet er.
Zuerst war der Kollege ein halbes Jahr bei ihm angestellt. Sie hängten Vorher-Nachher-Bilder von sich in der Praxis auf, der alte und der neue Doc, um die Patienten daran zu gewöhnen. Dann tauschten sie die Rollen: Dietmar Werner arbeitete etwa ein Jahr lang als angestellter Arzt weiter. „Irgendwann hat mein Nachfolger gefragt, ob er es nun alleine ausprobieren könne – natürlich habe ich zugestimmt.“ Das allerdings funktionierte nicht so wie geplant, zumal für den jüngeren Arzt die Suche nach einem weiteren Kollegen ergebnislos blieb. Und so kam Dietmar Werner zurück und arbeitet nun meist 2 Vormittage pro Woche.
Auf diese Weise kann Werner seine früheren Patienten weiter betreuen, die er teils seit 30 Jahren kennt. Um die lästige Bürokratie hingegen braucht er sich nicht zu kümmern. „Ich habe schon zu meiner Zeit gesehen, wie immer mehr Auflagen dazukamen. Sowas frisst so viel Zeit auf, die man eigentlich mit den Patienten verbringen möchte.“ Nun könne er sich zum ersten Mal in seinem Leben völlig frei der Medizin widmen. Ein weiterer Punkt war ihm wichtig: Schon früh hatte er sich vorgenommen, im Rentenalter längere Reisen mit dem Wohnmobil zu unternehmen. „Wir haben dazu eine interne Vereinbarung, dass ich Urlaub machen kann, wann und wie lange ich möchte.“ Mit einem festgelegten Jahresurlaub hätte er sich auf den Job nicht eingelassen.
Jan Bruun kann sich aus der Perspektive der jüngeren Ärzte ebenfalls vorstellen, dass eine solche Zusammenarbeit für alle von Vorteil ist. „Wichtig ist, dass man stets neugierig und offen für Neues bleibt“, so der Allgemeinmediziner, „und das kann man sich unabhängig vom Alter erhalten.“ Tatsächlich bemerkt er selbst in seiner Praxis, wie hilfreich das Lernen zwischen Generationen sein kann. Häufig biete er Praktika für Studenten an. „Man benötigt eine gewisse Portion Demut, um sich auch mal von einem unerfahreneren, jüngeren Kollegen etwas beibringen zu lassen“, findet Jan Bruun. „Das kann einem als Arzt aber eigentlich nicht schaden.“
Eine Untersuchung aus 2009 legt nahe, dass es älteren Medizinern psychisch tatsächlich besser geht als jüngeren: Sie empfinden weniger Stress und berichten seltener von Burnouts, was sie ihrer langjährigen Erfahrung zuschreiben. Das bedeutet allerdings nicht, dass sie ewig so weitermachen können. Bedenken gibt es besonders mit Blick auf die kognitiven Fähigkeiten, die im Alter nachlassen können. Auch ein Abbau bei der Motorik, dem Hören oder dem Sehen ist möglich. Nicht immer bemerken die Betroffenen es selbst oder bekommen hilfreiche Rückmeldungen aus ihrem Umfeld.
Entsprechend kommt ab und zu die Debatte auf, ob ab einem gewissen Alter beispielsweise kognitive Tests zur Pflicht werden sollen. Bisher gibt es keine Vorgaben, das System verlässt sich vorwiegend auf die Selbsteinschätzung, die Beobachtungen von Kollegen und Überprüfungen nach medizinischen Fehlern. Andererseits gibt es derzeit kaum Forschung dazu, welche Tests notwendig sein könnten und ob sie zu einer besseren Versorgung der Kranken führen würden.
Dietmar Werner glaubt nicht, dass man die Eignung am Alter festmachen kann. Er fühlt sich gesund und die Arbeit fällt ihm leicht. „Ich habe mir kein Ziel vorgenommen, wann ich aufhören möchte.“ Sollte sich das ändern, würde er seinen Kollegen darauf ansprechen. Noch besser gefiele es ihm, wenn die Praxis neue Verstärkung fände. „Dann würde ich auch meinen Platz freiwillig räumen.“ Auch Jan Bruun glaubt nicht an ein festes Alter als Grenze: „Viel wichtiger ist die Einstellung, die man zu seinem Beruf hat: Ist man geistig und körperlich fit, besucht man Fortbildungen und tauscht sich mit Kollegen aus?“. All diese Dinge seien vom Alter unabhängig essenziell. Er hat sich keinen Zeitpunkt zum Aufhören vorgenommen und hofft, dass er möglichst lange fit bleibt, um den Anforderungen standzuhalten.
Bei den Allgemeinmedizinern Werner und Bruun hält sich die körperliche Anforderung im Rahmen. Andere Tätigkeiten könnten hingegen tatsächlich früher zu anstrengend werden, sagt Dr. Hans-Otto Wagner, der lange Zeit im Nachbardorf von Dietmar Werner eine Landarztpraxis betrieb, mit 59 Jahren aber gemeinsam mit seiner Frau noch einmal Veränderungen suchte und als Oberarzt an die Poliklinik am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf wechselte. „Mit 55 Jahren habe ich aufgehört, Notarztwagen zu fahren“, so Wagner. „Da braucht man viel Technik und Kraft für Intubationen und Reanimationen und es muss oft sehr schnell gehen – da habe ich festgestellt, dass es mich sehr stresst, weil ich nicht sicher war, ob ich es noch kann.“
Im Ruhestand hat Wagner andere Wege gefunden, weiter als Arzt tätig zu sein. Beispielsweise arbeitet er – wie auch Dietmar Werner – als Videoarzt und hält so von seinem Schreibtisch aus Sprechstunden für Justizvollzugsanstalten (JVAs). Anfangs hatten beide Vorbehalte gegen die Idee, erinnert sich Werner, doch die Zweifel wurden schnell ausgeräumt: „Ich habe gemerkt, dass diese Sprechstunden wirklich auf einem wissenschaftlich ganz hohen Niveau stattfinden, auch wenn man dabei den Patienten nicht direkt trifft, sondern vor einem großen Bildschirm sitzt.“
Wagner ist zudem noch Sachverständiger für Landgerichte in Arzthaftpflichtprozessen und Prüfungsvorsitzender bei Facharztprüfungen und Staatsexamen. Beides Tätigkeiten, die mit kleinen Reisen verbunden sind. Wann es ihm zu viel wird, weiß er ebenfalls noch nicht. „Man kann ja auch nicht den ganzen Tag Sport machen und Kaffee trinken“, findet er. „Wenn wir über Work-Life-Balance sprechen: Ohne die Arbeit funktioniert die auch nicht gut.“ Ob er den richtigen Zeitpunkt für den Absprung finden wird, kann er noch nicht sagen. Er erhofft sich jedoch ein deutliches Zeichen von den Auftraggebern: „Ich bekomme ja für meine Tätigkeiten Geld – wenn ich keine gute Arbeit mehr mache, würde mich niemand mehr anfragen.“
Das Wichtigste auf einen Blick
Bildquelle: Mathilde Langevin, Unsplash
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