Ausgerechnet die Therapie, die schwer kranken Influenza-Patienten helfen soll, scheint ihnen zu schaden. Eine REMAP-CAP-Analyse wirft unbequeme Fragen auf. Was ist dran?
Der Herbst hat begonnen und die Influenza-Saison steht vor der Tür. Jedes Jahr kommt es zu schweren Verläufen, Krankenhausaufnahmen, intensivmedizinischen Behandlungen und Todesfällen. Wie groß die Krankheitslast sein kann, zeigen Daten des Robert Koch-Instituts (RKI): In einer schweren Grippewelle wurden in Deutschland etwa 30.000 Influenza-bedingte Krankenhauseinweisungen und rund 20.000 Todesfälle geschätzt. In der besonders schweren Saison 2017/18 lag die geschätzte Zahl der Todesfälle sogar bei über 25.000. Auch die Meldedaten der Saison 2024/25 verdeutlichen die Relevanz: Rund 70.000 der laborbestätigten Fälle wurden als hospitalisiert gemeldet, zudem wurden mehr als 2.000 Todesfälle mit labordiagnostisch bestätigter Influenza übermittelt.
Bei unkomplizierter Influenza erfolgt die Behandlung meist symptomatisch. Bei einem schweren Verlauf oder einem erhöhten Risiko dafür empfiehlt das RKI dagegen, eine antivirale Therapie zu erwägen. Sie sollte möglichst innerhalb von 48 Stunden nach Symptombeginn begonnen werden, bei schweren Erkrankungen wurde eine Behandlung bislang auch bei späterem Therapiebeginn empfohlen. Dabei kommen vor allem die Neuraminidasehemmer Oseltamivir und Zanamivir zum Einsatz.
Ausgerechnet für schwer kranke Patienten stellt eine neue Analyse aus der REMAP-CAP-Studie diese Therapie jetzt infrage. REMAP-CAP wurde insbesondere während der COVID-19-Pandemie bekannt und ist eine internationale, adaptive Plattformstudie, in der parallel unterschiedliche Behandlungsstrategien bei schweren respiratorischen Infektionen untersucht werden. In der aktuellen Studie wurden 442 kritisch kranke Patienten ab zwölf Jahren mit laborbestätigter Influenza randomisiert. Voraussetzung war bereits ein Organunterstützungsbedarf, beispielsweise invasive oder nichtinvasive Beatmung, High-Flow-Sauerstofftherapie oder eine Vasopressortherapie. Verglichen wurden Oseltamivir für fünf Tage, Oseltamivir für zehn Tage und keine antivirale Therapie. Primärer Endpunkt war die 90-Tage-Mortalität.
Die Ergebnisse sind überraschend: Nach 90 Tagen waren 13,7 % der Patienten ohne antivirale Therapie verstorben, gegenüber 19,8 % unter fünftägiger und 19,4 % unter zehntägiger Oseltamivir-Therapie. Die adjustierten Odds Ratios für die Mortalität betrugen 2,13 beziehungsweise 2,17 zugunsten der Gruppe ohne antivirale Therapie. Die berechnete Wahrscheinlichkeit für einen Schaden durch Oseltamivir lag bei 98,0 beziehungsweise 98,2 %. Wegen des Erreichens eines vorab festgelegten Inferioritätskriteriums wurde die Rekrutierung in die Oseltamivir-Gruppen beendet.
Auch die Sensitivitätsanalysen und sekundären Endpunkte zeigten keinen Hinweis auf einen Nutzen. Interessanterweise war das negative Signal besonders ausgeprägt bei Patienten mit Schock und bei bakterieller Koinfektion. Die Autoren diskutieren als mögliche Erklärung Effekte von Oseltamivir auf körpereigene Neuraminidasen und damit auf Immunantwort und Sekundärinfektionen – dies bleibt bislang allerdings eine Hypothese.
Wichtig ist eine Einschränkung: Die Arbeit liegt derzeit nur als Preprint vor und wurde noch nicht peer-reviewed. Zudem gelten die Ergebnisse ausdrücklich für bereits kritisch kranke Patienten; Aussagen für ambulante oder weniger schwer erkrankte Patienten lassen sich daraus nicht ableiten.
Umso wichtiger bleibt die Maßnahme, die eine schwere Influenza möglichst verhindert, bevor eine Intensivtherapie überhaupt notwendig wird: die saisonale Influenza-Impfung. Prävention bleibt hier die entscheidende Strategie.
Bildquelle: Nenad Radojčić, Unsplash
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